Neuperlach Linienplan

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Die Immaterialisierung der Welt

Bislang war in der Medienlandschaft die Digitalisierung das beherrschende Thema, aus analogen Daten wurden und werden viele, viele Nullen und Einsen. Eine CD ist aber immerhin noch ein materielles Produkt. Bei den E-Books ist dies nicht der Fall, diese werden auf magnetische Ladungen auf der Festplatte reduziert. Folglich scheitert die Immaterialisierung fort. Nur das E-Book-Lesegerät ist noch materiell.

Natürlich liebe ich echte Bücher aus Papier und sie werden Unkenrufen zum Trotz wohl auch nie aussterben. Die alte Vinylplatte erlebt wieder hohe Zuwachsraten, jede neue Entwicklung erzeugt auch einen Gegentrend. Es hat aber alles seine Vor- und Nachteile: So ärgere ich mich, wenn ältere Bücher vergilben, sich Seiten lösen. Aber das Blättern in einem Buch ist immer noch was Sinnliches, es ist nicht vergleichbar mit einem Mausklick oder einem Fingertipp auf das berührungssensitive Display. Und man hält was in der Hand, man kann etwas ins Regal stellen und die Bücher nach immer ausgeklügelteren Methoden sortieren. Etwa nach der Farbe des Buchrückens, um interessante Farbübergänge zu schaffen. Um ein bestimmtes Buch zu finden, ist das aber eher unpraktisch.

All diese Bucherlebnisse bietet das E-Book nicht. Immerhin nutzen sich digitale Bücher nicht ab. Man kann darin schnell nach Begriffen suchen, und man spart Kubikmeter Platz in der Wohnung. Hat man irgendwann überhaupt keine Bücher aus Papier mehr, entfällt auch das lästige Abstauben. Wer gerne staubwischt, hat Pech gehabt oder kauft sich – natürlich über das Internet – staubanziehende Accessoires.

Entlastungsstadt Perlach

Ein richtiges Buch, ein historisches noch dazu: "Entlastungsstadt Perlach" – herausgegeben von der Neuen Heimat. Seien wir doch mal ehrlich, das gleiche Buch als E-Book wäre nur eine von Tausenden langweiligen Dateien, die auf der Festplatte herumschwirren. Alleine das "Alte" eines Buches, auch die einen oder anderen Gebrauchsspuren, das Lesezeichen, ein alter handgeschriebener Notizzettel oder Zeitungsschnipsel, den man im Buch findet, das bietet nur "das gute, alte Buch" (12.10.2011) © Thomas Irlbeck

Amazon bot mir tagelang den neuen Kindle aufdringlich auf der Startseite an. Wer es nicht weiß, das ist ein E-Book-Reader. Ich habe mir überlegt, ihn zu bestellen, bin aber davon wieder abgekommen.

Da frage ich mich, werde ich so langsam alt, konservativ, wo ist meine ansonsten so ausgeprägte Innovationsneurose geblieben?

Schließlich bin ich so was wie ein Mann erster Stunde. Als Erster in meiner Schulklasse zeichnete ich die Diagramme nicht mehr mit dem Bleistift, sondern erstellte sie mit dem Heimcomputer Commodore 64 und druckte sie mit dem Commodore MPS 801 aus, einem der ersten bezahlbaren Computerdrucker. Bezahlbar heißt, er war dennoch schweineteuer, er war laut und er hämmerte die Druckpunkte mit einer Nadel aufs Papier. Das Druckbild war katastrophal, dennoch konnte man mit etwas Geduld ausreichend viel erkennen. Der Mathelehrer war nicht begeistert, akzeptierte es aber schließlich. Zur Ableitung und Integration von Formeln entwickelte ich eigene Software. Man könnte mir jetzt vorwerfen, dass ich das ja selbst lernen und nicht der Software überlassen sollte. Doch da ich die Software mit der notwendigen Intelligenz ausstatten musste, lernte ich während der Entwicklung der Software das Ableiten und Integrieren, sodass ich es danach wirklich beherrschte. Meine Facharbeit schrieb ich auch auf dem Computer. Allerdings bestand der Lehrer wegen des schlechten Schriftbildes des MPS 801 darauf, dass ich die Facharbeit auf der Schreibmaschine am Ende noch mal abtippte. Ich profitierte immerhin von der Fähigkeit der Textverarbeitungssoftware. So konnte ich die Arbeit zigmal umschreiben, ohne dass ich mit Schere und Klebstoff arbeiten musste. Nur die Reinschrift mit der Schreibmaschine am Ende musste ich wie gesagt leisten. Ich kann mich heute noch dran erinnern, wie weh jeder Tippfehler tat, da er ein Auslösen der Korrekturtaste erforderte. Diese hinterließ Spuren auf dem Papier und ich befürchtete Punkteabzüge.

Nun mache ich nicht mehr jede Entwicklung mit. Immerhin lese ich abends im Bett keine gedruckten Zeitschriften und keine Zeitung mehr, sondern surfe mit meinem Smartphone auf Nachrichtenwebsites, bin also noch kein Vollzeitkonservativer. Das Smartphone als Papierersatz hat den Vorteil, dass die Nachrichten aktueller sind und dass ich mehr Auswahl habe. So erfahre ich nun fast jede Nacht noch per Eilmeldung, dass Griechenland nun endgültig fast faktisch pleite ist.

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