Die Feuerbeschau – oder „Was es mit dem Wohnzimmer eines Mehrfamilienhauses auf sich hat“

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Ganz so schön war die Kakteen- und Pflanzenausstellung in meinem Hausflur nicht. Aber man mag mir verzeihen, dass ich hier nur ein Bild zur Illustration bringe und nicht die reale Pflanzensammlung festgehalten habe. Denn was weg ist, kann man ja nur noch eher schlecht fotografieren © Simone Krüger / Pixelio

Hausflure in Mehrfamilienhäusern sind mehr als sterile Zugänge zu den schönen Wohnungen und Apartments. Oft werden sie liebevoll eingerichtet und mit Kakteen, Kunst, Kitsch und Krempel bestückt. Einige Bewohner nutzen den Hausflur als verlängerten Wohnungsflur und stellen alles ab, was in der Wohnung keinen Platz hat oder unerwünscht ist (etwa Kinderwagen, Schuhschrank, Fahrräder, hässliche Pflanzen, Schwiegermutter).

Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Stil. Man könnte den Stockwerken sogar Namen geben. Da gibt es das Stockwerk mit der „ständigen Kakteenausstellung“, die einen Besuch im Botanischen Garten überflüssig macht, das „Kunststockwerk“ mit einer riesengroßen, sehr attraktiven Skulptur oder das Chaosstockwerk mit dem hässlichen Schuhschrank und dem Fahrradersatzteillager.

In die Wohnungen kann man nicht so ohne Weiteres reinschauen. Aber der Hausflur ist für jeden einsehbar. Er ist gewissermaßen das Wohnzimmer des Mehrfamilienhauses.

Nun aber hat die Idylle ein Ende. Per Schreiben vom Hausverwalter werden alle Bewohner aufgefordert, sämtliche Gegenstände aus den Hausfluren und dem Treppenhaus zu entfernen. Eine von der Branddirektion durchgeführte Feuerbeschau hätte nämlich ergeben, dass die abgestellten Gegenstände § 22 und § 24 der „Verordnung über die Verhütung von Bränden“ widersprechen würden. Nur die Fußabstreifer dürfen bleiben, sonst muss alles raus. Nicht entfernte Gegenstände würden sonst zwangsentsorgt werden. O.k., Sicherheit geht vor!

Nun ist es so weit, die Frist ist abgelaufen. Mein Haus ist kaum mehr wiederzuerkennen. Jedes Stockwerk sieht jetzt gleich aus. Die wunderschöne Skulptur, die für mich ein Hinweis war, dass ich im richtigen Stockwerk bin, in dem sich der Zugang zum Dachboden befindet, ist weg. Die ständige Kakteenausstellung ist für immer geschlossen, das verrostete Fahrrad aus dem Treppenhaus wohl beim „Eisen Karl“ zur Entsorgung.

Alles ist nun so beliebig und steril. Manches ist zu Recht auf dem Müll, anderes vermisse ich. Mein Haus hat nun kein „Wohnzimmer“ mehr.

Update 03.08.2009: Heute wurde mir per Hausverwalter-Schreiben mitgeteilt, dass man noch nicht so ganz zufrieden sei. Es seien immer noch Pflanzen u.a. in den Fluren abgestellt. „Nur auf fahrbaren nicht brennbaren Untersätzen“ aufgestellte Pflanztöpfe seien „bis auf jederzeitigen Widerruf geduldet“. Im nächsten Satz wechselt der Brief das Thema, denn eigentlich sollte es ja um die Feuerbeschau gehen. Es heißt, „Verunreinigungen durch diese Pflanzen“ seien „von den jeweiligen Besitzern zu entfernen“. Schön, dass man das Thema Schmutz damit gleich miterledigt. Problem erkannt, reagiert und beseitigt.

23 Gedanken zu „Die Feuerbeschau – oder „Was es mit dem Wohnzimmer eines Mehrfamilienhauses auf sich hat““

  1. So eine Wohnanlage ist auch ein Sammelsurium an Charakteren. Sehr schön kann man die Lebenseinstellung seiner Mitmenschen an solchen Dingen ablesen. Vielleicht kann man der jetzigen Sterilität der Stockwerke ja dadurch begegnen, dass man Kunst direkt auf die Wand aufbringt.

  2. Von den Brandschutz-Vorschriften mal abgesehen: Ich finde, man muß seine Individualität o. ä. nicht seinen Etagen-Nachbarn aufzwingen. Das Zeug im Stockwerk ist doch eh nur wirklich Gerümpel, was man nicht mehr drinnen haben will aber nicht wegschmeißen mag. Wenn die Leute damit nicht klarkommen, sollen sie sich ´n Haus kaufen; da können sie ihren Garten zur „Kulturstätte“ umfunktionieren für Sperrmüll. Falls meine Nachbarn in KI im Dez. immer noch das merkwürdige „Kunstobjekt“(???)vor der Wohnungstür haben, häng ich da jedenfalls 3 Packungen Lametta dran auf. Jawoll!

  3. @doro: Alte Schuhschränke und vergammelte Fahrräder müssen in der Tat nicht sein. Aber gegen ein paar gut gepflegte Pflanzen dürfte kaum jemand etwas haben. So wie es jetzt ist, sieht jedes Stockwerk identisch aus. Leer und steril – wie ein Gang in einem Spital. Fehlen nur noch die Betten auf Rollen, welche die Patienten zum OP bringen. Ich fühle mich fremd im eigenen Haus.

  4. Doch! In einem Mehrfamilienhaus/Hochhaus kann nicht jeder seine blöden Kakteen auf den Etagenflur stellen. Vielleicht mögen Leute keine Kakteen? Als Wohnungseigentümer verlange ich zwar keinen blitzblank gewienerten Boden. Aber ich möchte nicht den Sperrmüll der Nachbarn als „Kunst“ dargeboten kriegen. Und dazu zählen bei mir auch aussortierte Kakteen. Ich stell ja meine verhaßten Sukkulenten auch nicht auf den Etagenflur, sondern warte darauf, daß sie von selbst eingehen.

  5. kann nicht jeder seine blöden Kakteen auf den Etagenflur stellen.

    Kann er doch, hat man ja gesehen. Ich gehe mal davon aus, dass wenn erstmal Gras über die Sache gewachsen ist, dass die Pflanzen nach und nach zurückkehren. Hehehehehehe! Schließlich will jeder nach dem Aussteigen aus dem Fahrstuhl von einem entgegen schwingenden Zweig im Gesicht gekitzelt werden.

  6. @admin Du bist zu jung, um gegen das Establishment zu revoltieren. Da hättste ca. 10 Jahre früher für geboren sein müssen. Du wählst Piraten, ich hasse Flur-Kakteen. Irgendwie ähnlich, aber das Alter scheint doch was auszumachen.
    Guck mal auf meinvz. 🙂

  7. @doro Vielleicht sollte ich im Hausgang ja eine Sammlung von Hubschraubermodellen aufbauen. Oder eine Sammlung giftiger Spinnen installieren. Oder die besten Papst-Poster aufhängen.

  8. @doro: Eben drum! Ich wollte das im Hausflur installieren, das Dir einen Wohlfühlfaktor verschafft. Und nix OT: Es geht immer noch um den Hausflur, die Feuerbeschau, den Brandschutz, ganz einfach ums Leben und all das, das im Leben wichtig ist und Freude macht.

  9. Das Gerümpel-Verbot im Hausflur hat aber noch einen anderen Grund als die Brennbarkeit des Schrotts.

    Das Freihalten der Fluchtwege fällt mir noch ein…

  10. Es geht nicht ums Raus- sondern ums Reinkommen. Wenn da alles mit Kaktüssen und Radln vollgemüllt ist, ist es, wenn auch noch mördermäßiger Rauch ist, für die Feuerwehrleute schwierig, zum Retten reinzukommen.

  11. Es geht nicht ums Raus- sondern ums Reinkommen. Wenn da alles mit Kaktüssen und Radln vollgemüllt ist, ist es, wenn auch noch mördermäßiger Rauch ist, für die Feuerwehrleute schwierig, zum Retten reinzukommen.

    O.k., natürlich Rettungs- und Fluchtweg.

  12. Klar, in gewisser Hinsicht ist das alles scheußlich. Aber ich liebe die Hausflurgestaltung durch die Nachbarn ebenfalls. Einfach, weil ich weiß, wo ich bin! 🙂 … es macht gerade einförmige Mietshäuser viel individueller und schließlich gehören doch auch die Flure zum Wohnbereich.

  13. @doro meist hilft da der „Zurück“ Button beim Browser. Zum Thema Gegenstände auf Hausfluren: Bei uns ist das auch nicht erlaubt und als ich mal meinen Regenschirm im Hausflur zum abtropfen abgestellt hab (Balkon ist hier net überdacht) kam geschätzte 5 Minuten später der Hausmeister mit dem Verweis auf Brandschutz. Das wurde bei einer Begehung hier auch mal bemängelt.

  14. @Bas1c:: Klar, die nassen Regenschirme sind ja wunderbare Brandbeschleuniger. 😀 Aber mal im Ernst: Wenn im dichten Rauch sich die Feuerwehrleute zu den Wohnungen durchkämpfen müssen und dann noch über die ganzen im Flur abgestellten Schirme fallen, dann geht das natürlich nicht.

  15. Aber Ihr nehmt mich alle nicht ernst!
    Nassen Schirm kann man ja wohl in die Badewanne stellen.

    Und dann hat man den teuren Teppich oder den teuren Laminatboden (quillt bei Nässe auf und ist dann hinüber) richtig schön vollgetropft! Nein, danke! Aber die Sicherheit geht natürlich vor.
    Ich weiß aber aus Erfahrung, wenn der erste Respekt wieder weg ist, werden die Leute wieder ihr Zeug auf den Hausflur stellen (ich natürlich nicht)! 😀

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