Was die „Blaufahrt über rote Ampel“ mit der Vorbildfunktion zu tun hat

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Vor fünf Jahren gab es unmittelbar vor meinem Wohnhaus am Karl-Marx-Ring einen tragischen Unfall. Bei einem spontan verabredeten und natürlich illegalen Straßenrennen zweier Fahranfänger flog ein Auto aus der Bahn und wickelte sich regelrecht um einen Baum. Der 18-jährige Fahrer des verunfallten Autos starb.

Mit diesen Bildern im Kopf betrachte ich seitdem die Themen „Leichtsinn“ und „Alkohol am Steuer“ mit einem noch weit kritischeren Blick. Nun ist sicher jede Alkoholfahrt eine Fahrt zu viel, unabhängig davon, ob eine Bischöfin am Steuer sitzt oder Herr oder Frau Mustermann. Für die Medien sind Hinz und Kunz aber weniger interessant. In manchen Redaktionen wird daher bei einigen Redakteuren sicherlich der Schadenfreude auslösende Sensationsdetektor angesprungen sein, als bekannt wurde, dass die beliebte evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann, die jüngst viel mediale Aufmerksamkeit und viel Lob wegen ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bekam, bei einer Blaufahrt ertappt wurde. Mit 1,54 Promille Alkohol im Blut war sie über eine rote Ampel gefahren. Frau Käßmann droht nun ein Strafverfahren.

Nun kann man aber nicht über etwas berichten, ohne dass man sich selbst dem Vorwurf aussetzt, Teil der Sensationsberichterstattung zu sein. Klar, auch Neuperlach.org ist mittendrin, wenngleich der Schaden angesichts der Tatsache, dass kein Millionenpublikum dabei ist, sondern nur eine Handvoll Leute mitlesen, eher gering ist. An der grundsätzlichen Tatsache, dass man sich selbst zum Rädchen in der Maschinerie macht, ändert dies aber nichts. Dennoch berichte ich ausnahmsweise über den Fall, da mich die gesamten Auswüchse der Berichterstattung selbst und auch so manche dazu abgegebenen Kommentare trotz einer gewissen Erwatungshaltung doch etwas verwundern.

„Das Maß ist voll, erst geschieden, jetzt betrunken“ schreibt ein Kommentator. Der nächste fordert den Rücktritt, zu dem es natürlich keine Alternative gebe. Der nächste kommt zu der Erkenntnis, dass der kirchliche Vorstand mit gutem Beispiel vorangehen müsse. Ein anderer fordert, dass Frau Käßmann sich fragen solle, ob sie ihren Ämtern gewachsen sei, und tritt auch ein wenig nach, er halte Frau Käßmann außerdem nicht für besonders selbstbewusst, sondern eher für laut. Es gibt freilich auch genug Gegenpositionen, etwa, dass man nur hoffen könne, dass die evangelische Kirche diese tolle Frau nicht wegen dieses blöden und gefährlichen Missgeschicks fallen lässt. Solche Diskussionen in Kommentaren werden erfahrungsgemäß schnell off-topic, immerhin klärt uns ein Kommentator auf, dass der Papst entgegen eines weit verbreiteten Irrtums keineswegs generell unfehlbar sei. „Unfehlbar“ seien nach katholischer Lehre nur Äußerungen des Papstes zur Glaubens- und Sittenlehre, wenn dieser sie ausdrücklich „ex cathedra“ verkünde.

Klar, Frau Käßmann hat Schuld auf sich geladen, die nicht relativiert werden kann, auch wenn leider solche Verfehlungen ein Massenphänomen sind. Richtig öffentlich bekennt sich kaum jemand dazu und kaum einer prahlt mit solchen Antiheldentaten. Es kommt aber auf den Ort und den eigenen Zustand an, an dem und in dem man etwas sagt. Die Stammtische sind solch ein Ort. Januskopfmäßig werden die Blaufahrten, die ja angeblich gar nicht so gefährlich wären, dann zum Heldenepos. Die Geschichten, dass die Dorfpolizei angeblich die Fahrten toleriere, und Anleitungen, wie man sich nicht erwischen lässt, wenn die Dorfpolizei doch mal anderer Meinung sei, werden im Wirtshaus mit viel Liebe zum Detail und reichlich alkoholbedingten Hinzudichtungen verkauft. Eine Geschichte einer Alkoholfahrt wird erst dann richtig spektakulär und unterhaltsam, wenn der Erzähler sie mit aktivem Ins-Glas-schauen flüssiger macht und der Zuhörer den Erzähler kopiert, indem er bei sich selbst für alkoholmäßigen Getränkenachschub sorgt. Die Vorbildfunktion befindet sich dann schnell auf dem Stand eines vollständig geleerten Maßkrugs.

Am nächsten Tag am Arbeitsplatz wird selbstverständlich die Vorbildfunktion hoher Würdenträger eingefordert. Bei denen, die selbst ein Vor-Bild sind, betrachte ich einen solchen Anspruch mit höherem Verständnis. Forderungen sind Worte, die gelebten Vorbilder sind die „Beispiele“. Hier passt das Zitat „Worte sind Zwerge – Beispiele Riesen!“ (Verfasser unbekannt).

Die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßman. Sie wurde erwischt, andere (noch) nicht. Foto: evangelisch / Lizenz siehe: flickr

Ein Gedanke zu „Was die „Blaufahrt über rote Ampel“ mit der Vorbildfunktion zu tun hat“

  1. Es ist schon seltsam, was in manchen Köpfen vorgeht. Da fährt eine Frau betrunken mit dem Auto. Statistisch dürfte dies seltener sein, als betrunkene Männer am Steuer. Das ist beides nicht in Ordnung. Nun ist diese Frau zufällig eine öffentliche Person, eine Bischöfin der Evangelischen Kirche. Zudem die oberste Repräsentantin dieser Kirche in Deutschland. Sicher sollten solche Menschen einen Vorbildcharakter haben – wie auch Politiker. Aber sind sie unfehlbar?

    Nein, sie sind es nicht. Es sind Menschen wie Du und ich. Ihr nun das Amt streitig zu machen, halte ich für überzogen, zumal es im Beamtenrecht (und dem unterliegt Frau Käßmann) dafür keine Rechtsgrundlage gibt.

    Mich regt das weitaus weniger auf, als die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs in katholischen Kreisen. Frau Käßmann hat eine rote Ampel überfahren (und glücklicherweise dabei niemanden gefährdet), die fraglichen Ordensmänner haben aber bleibende seelische Schäden an jungen Menschen verursacht. Doch das ist für die Presse keine Sensationsmeldung. Schade.

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