Wenn Profis (nicht) in Serie gehen – oder „Die Medi-Ausgabe“

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Heute fand ich eine Infopost-Karte in meinem Briefkasten, in der sich eine Agentur als IT-Partner für Internetprojekte vorstellt. Statt einer Anrede steht auf der Karte ganz oben der Text <<Briefanrede>> <<Nachname>>:

Infopost-Karte à la Serienbrief. Ein Klick macht die Abbildung ganz groß

Jeder, der schon einmal mit Microsoft Word gearbeitet hat, wird diese Kennzeichnungen als Felder für Serienbriefe erkennen. In diese Felder werden dann beim Druckvorgang Inhalte aus einer Datenbank eingesetzt.

Entweder ist das Ganze ein peinlicher Fehler, wobei man so eben schnell vergessen hat, einen bereits bestehenden Serienbrieftext durch eine druckmaschinenfreundlichere Anrede wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ auszutauschen, oder eine Art Gag, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Das ist ja den Kreativen für den zweiten Fall ganz gut gelungen. Wie auch immer, besonders professionell wirkt es nicht auf mich.

Was aber ist professionell?

Als Wortherkunftsfan muss ich dem mal auf den Grund gehen. Oft findet sich ja in Wörtern eine ganz interessante Bedeutung, aus der auch eine neue Erkenntnis gelingen kann. Haben Sie z.B. gewusst, dass „Seele“ von „See“ kommt? Die alten Germanen dachten nämlich, dass die Ungeborenen und Toten im Wasser verweilen würden. So hat der amerikanische „Soul“ zumindest etymologische Wurzeln im Germanischen.

Aber zurück zu „professionell“. Was so schön Romanisch klingt, ist natürlich auch Lateinisch: „professio“ ist das „öffentliche Bekenntnis“ (u.a. zu einem Gewerbe). Wer seine Arbeit berufsmäßig ausführt, arbeitet also (meist, eigentlich, grundsätzlich)  „professionell“. Die etwas ursprüngliche Form ist „profiteri“, was „öffentlich bekennen/erklären“ bedeutet. Das „pro“ ist hier in der Bedeutung „für“ zu verstehen („pro Steuersenkung“ etwa, ohne hier politisch werden zu wollen).

Der zweite Teil ist schon schwieriger, das „fessionell“ in „professionell“ hat nichts mit „Fesseln“ zu tun, auch wenn so mancher Profi in diesen gefangen ist, sondern leitet sich von dem Indogermanischen (einer Art Ursprache; die Hälfte der Weltbevölkerung spricht eine davon abgeleitete Sprache) „bha“ ab, das für „sprechen“ steht. Aus „bha“ wurde im Lateinischen „fari“ („sprechen, feierlich sagen“) und „fateri“ („bekennen“), das übrigens mit „fatal“ (sic!) verwandt ist.

Wörter werden aus Faulheit gekürzt und manchmal aus Unwissenheit gelängt

Und schon sind wir wieder bei jemandem, der sich für etwas (seinen Beruf) bekennt und diesen mit hohem Können ausführt, dem „Profi“. Früher übrigens – in Langform – „Professionist“, aber wer hat heute noch für so lange Wörter Zeit, wo doch bereits Patienten inzwischen von „Medis“ sprechen, weil „Medikamente“ viel zu lange und zu kompliziert ist? Im Spital gibt es entsprechend die „Medi-Ausgabe“. Das schöne, elegante Wort „Automobil“ etwa lebt im Wesentlichen nur noch im Begriff „Automobilbranche“ weiter, keiner (außer mir) sagt heute mehr „ich gehe mir nun mal ein Automobil kaufen“. Andere Wörter werden dagegen gelängt. So findet sich speziell im Zeitalter, in dem unsere Kanzlerin in einer wöchentlichen Videobotschaft zu ihrem Volke spricht, die Unsitte, das Wort „wäre“ (wie in „es wäre gut“) als „währe“ zu schreiben, obwohl dies mit der „Wahrheit“ nichts zu tun hat (zumal es falsch ist), sondern mit „war“. Leider lese ich inzwischen in Foren etc. so oft „währe“, dass ich an meiner richtigen Schreibung schon langsam zweifle. Auch das „tolerant“ bekommt ein Zeichen geschenkt und wird zum „tollerant“, obwohl dies nichts mit „toll“ zu tun hat, wenngleich Toleranz eine wohl hehre, tolle Charaktereigenschaft ist.

Gibt es eigentlich das Wort „gelängt“ im Sinne von „länger gemacht“ überhaupt? Es ist mindestens auch so ein Konjunktiv II Präterium von „gelingen“. Sprache ist schwer. Im Vergleich dazu ist die Serienbrieffunktion von Word ein Klacks. Ein sehr kleiner noch dazu.

2 Gedanken zu „Wenn Profis (nicht) in Serie gehen – oder „Die Medi-Ausgabe““

  1. Auch als Professioneller in meinem Bereich verabreiche ich Medis. Ich käme aber nicht auf die Idee, das Wort in einem Text in dieser wenig ästhetischen Form zu schreiben. Aber im verbalen Alltag liegt häufig in der Kürze die Würze. Aber der Doktor verordnet immer noch die Medikation – schriftlich und mit Handzeichen.
    Manchmal sterben Wörter auch aus, weil es die Gegenstände dazu nicht mehr gibt: dabei ist Münzfernsprecher so ein schönes Wort…

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