Gebrochenes Still-Schweigen

Werbung

Die Farbe der Tröte ist nicht so entscheidend. Das hat zumindest mal ein Hörgerätehersteller herausgefunden. Foto: Andrewthecook / Lizenz siehe: flickr

Vor dem Haus scheint eine Horde Elefanten zu tröten. Nein, ich werde mich jetzt nicht lautstark über die fürchterlichen Vuvuzelas auslassen, denn die WM ist kein Thema bei Neuperlach.org. Aber: Geht es nur mir so, oder trifft es tatsächlich objektiv zu, dass die Lärmverschmutzung immer mehr zunimmt? Zunächst möchte ich einen Schritt im Gehörgang zurückmachen. Es war so um mein 13., 14. Lebensjahr herum, als meine Lärmempfindlichkeit ihren leisen Anfang nahm. Der Nachbar unter mir hatte eine Hi-Fi-Anlage in Betrieb mit mächtigen Boxen, die zur besseren Schallübertragung an der Decke befestigt waren, und der Nachbar oberhalb ging einem seltsamen Hobby nach, das vermutlich pathologisch bedingt war. Er betrieb handwerkliche Arbeiten vornehmlich in der Nacht. Dabei begnügte er sich nicht etwa mit einem Hämmerchen, mit dem er klopfte, sondern er steigerte seine Aktivitäten durch Gebrauch einer Schlagbohrmaschine, die er typischerweise nach 22 Uhr einsetzte. Da ist – so mein leiser Verdacht – der Strom billiger. Die ersten Tage kamen, an denen ich wegen Schlafentzug in der Schule Konzentrationsschwierigkeiten bekam. Still und heimlich entwickelte sich dann eine Lärmempfindlichkeit.

Laute(r) Maschinen

Die Tatsache, dass heute viel mehr mit Maschinen erledigt wird als noch z.B. in den 1980er-Jahren, läutete eine neue Epoche in meiner lärmbedingten Leidensgeschichte ein. Früher hatte der Hausmeister im Herbst einen Rechen in der Hand. Die damit verbundenen Geräusche (in der Comicsprache vielleicht ein „kratz-schleif“) hatten nach heutigen Maßstäben betrachtet was Idyllisches, was Be-Ruhigendes. Heute übernimmt ein Hightech-Laubbläser die Aufgabe des Rechens. Die Ingenieure haben es mit viel Mühe geschafft, diese kleinen Mistteile so laut zu machen wie einen Düsenjet. So eine hohe Lautstärke bei so geringer Größe verdient einen Innovationspreis. Die Laubbläser sind so praktisch, dass der eine oder andere Hausmeister damit nicht nur im Herbst das Laub zusammenbläst. Viel mehr vereint er auch in den anderen Jahreszeiten einzelne Blätter, die ein Baum schon mal so verlieren kann, und das ganze Kleinzeug, das so am Boden liegt, etwa kleine Äste, Kaugummipapier und alle Arten von kleinerem Abfall, mit viel Wind und Schall in einem Haufen. Um einer Gehörschädigung zu entgehen und weil der Lärm fast schon Schmerzen bereitet, mache ich ganz gerne einen weiten Bogen um die Laubbläser, was dazu führt, dass ich mich ein wenig mehr an der frischen Luft bewege als vorher.

Früher gab es auch nicht so viele Autoalarmanlagen. Heute geht immer mal wieder eine los, meistens dürfte es ein Fehlalarm sein. Beachtung findet so was kaum, dazu ist es zu häufig, störend wirkt es aber schon, denn dazu ist es wiederum zu laut.

Nachts ist vom gegenüberliegenden Pflegeheim jetzt immer wieder ein lästiger und regelmäßiger Piepton zu hören, vermutlich ein Läuten eines Bewohners nach dem Pflegepersonal. Hier ist weniger die Lautstärke, mehr aber die Höhe des Tons und die penetrante Regelmäßigkeit nervenzerrend.

Und im Bad und in der Küche tropfen die Wasserhähne. In einer Folge der Sesamstraße wird das Problem des tropfenden Wasserhahns durch das Einschalten eines Radios gelöst. Um dieses zum Schweigen zu bringen, wird das Geräusch durch einen Staubsauger überlagert. Das lasse ich aber lieber.

3 Gedanken zu „Gebrochenes Still-Schweigen“

  1. Ja, Lärm gibt es inzwischen viel mehr als früher. Das Dumme – oder auch das Gute – ist, man gewöhnt sich auch irgendwie dran. Und dann machen sich die Menschen Gedanken darüber, ob man bei den Elektroautos vielleicht einen extra Lärm einbauen soll, weil man sie sonst nicht hört…und da könnte man dann ja überfahren werden. Wie absurd ist das denn!?

  2. Die Geschichte mit den Lautsprecherboxen erinnert mit an meine Jugendzeit. Damals wohnte ein älteres Ehepaar über der elterlichen Wohnung. Das Radio stand genau über meinem Zimmer, aber leider hielten sich die Herrschaften in einem anderen Raum auf und daher war es so laut eingestellt, dass man die Musik, aber auch die anschaulichen Worte des Radiopfarrers in der ganzen Wohnung hören konnte. Und selbstverständlich drang das Geräusch auch durch die Decke und nervte mich, wenn ich am Sonntag etwas länger schlafen wollte.

    Zur damaligen Zeit waren Telefonanschlüsse noch ziemlich rar und es gab so genannte Doppelanschlüsse. Zwei Teilnehmer hatten eine gemeinsame Hauptleitung zur Vermittlungsstelle, aber natürlich jeder eine eigene Rufnummer. Wenn unsere Nachbarn telefonierten, war unsere Leitung besetzt – und umgekehrt. Nun gab es aber eine spezielle Vorwahl für Techniker, mit der diese die Leitung testen konnten. Man wählte diese Vorwahl und anschließend die eigene Nummer. Dann legte man auf. Wenige Sekunden später klingelte das Telefon und nach dem Abheben ertönte ein Messton in einer abartigen Frequenz. Natürlich funktionierte das auch, wenn man statt der eigenen die Rufnummer des anderen Doppelanschlußinhabers wählte. Also bemühte ich mich zum Telefon, wählte diese spezielle Vorwahl und die Nummer der Nachbarn. Die Guten liefen zuerst zum Radio und stellten es leise und dann zum Telefon. Dort hörten sie dann eben diesen Messton. Und regelmäßig vergaßen sie dann, das Radio wieder laut zu stellen. So hatte ich dann wieder meine Ruhe.

  3. Pieptöne, das sind in meinen Augen die schlimmsten akustischen Umweltverschmutzer: Kassen, Handys, Ampeln, Uhren, … irgendwo piepts immer –
    Zu übertreffen ist dieses Nervpotential eigentlich nur durch meinen Nachbarn, der es vor 2 Wochen fertig gebrat hat, echte 9 Stunden lang, fast ununterbrochen, jede einzelne Fuge der Betonpflastersteine seiner Einfahrt mit einem Hochdruckreiniger aus zu spritzen. Ist sowas schon pathologisch?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.