Prügel für Schlagzeile

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Auf der heutigen Stadtteilzeitung lautet die große Schlagzeile auf der ersten Seite „Klein, aber fein!“. Diesen Tiefpunkt an Einfallslosigkeit muss man nicht weiter kommentieren, wenngleich es natürlich schwierig ist, sich immer was Neues einfallen zu lassen. Aber würde es nicht auch eine Redewendungsdatenbank tun, die einfach anhand ein paar Kriterien das Richtige raussucht? Das Ergebnis wären Headlines wie „Klein, aber oho!“, „Klein, aber mein!“, „In der Kürze liegt die Würze“ usw. Wenn der Computer die Schlagzeile macht, hat man zumindest hinterher niemand mehr, den man für das Ergebnis windelweich prügeln muss.

Schutz vor tätlichen Angriffen enttäuschter Zeitungsleser, die sich an Schlagzeilen wie „Google kennt Ihre Wohnung“ (Münchner tz) stören. Dieser Zeitungsstand ist sicher wie Fort Knox. Foto: thosch66 / Lizenz siehe: flickr

Andere abgedroschene Redensarten außerhalb des Themas „klein, aber irgendwie gut/vorteilhaft“ verkneife ich mir. Denn es gibt welche, die sich beständig Mühe machen und oft Kreatives produzieren. Beispielsweise aktuell Spiegel online: Fahren mit Fäkalien – Der Mist-Käfer. Die Überschrift wirkt fast niedlich, geht es dabei doch um ein Auto vom Fabrikat VW Beetle, das mit aus menschlichen Exkrementen gewonnenem Methangas angetrieben wird. Jeder Toilettengang verschafft also nicht nur Erleichterung, sondern bringt einen auch ein paar Kilometer weiter. Für Bild-Verhältnisse ist Bild.de heute schon fast gut. Man hat Trug Paris Hilton die falschen falschen Haare? getextet. Die Frau, die manche schon als globale Prostituierte bezeichnet haben, hat sich die Haarerweiterungen von einem Fremdhersteller verpassen lassen, was den Tatbestand eines Vertragsbruchs erfüllt. Mit fremden Federn schmücken, das geht einfach nicht.

Mehr in Richtung Stilblüten geht eine Sammlung älterer Schlagzeilen: „Für 5 DM bringen wir ganze Familien um die Ecke!“ (Aus dem Berliner Taxi-Tarif-Prospekt). Die Taxiinnung will sich offenbar durch Auftragsmorde etwas dazuverdienen, und für 5 DM scheint das Angebot auch recht günstig zu sein. Nach der Euro-Umstellung und nach eingerechneter Inflation dürfte man heute aber nicht mehr so billig wegkommen.

Talent hat, wer bei seinen kreativen Anzeigen-Gesuchen nicht nur Erfolg hat und Kosten minimiert, sondern auch die aktuelle Politik kritisiert: „Suche Maler für Praxisrenovierung zu Seehofer-Zahnarzt-Bedingungen (das heißt die Arbeit muss vollständig erledigt werden, wird aber nur unvollständig nach meinem willkürlich festgelegten Budget bezahlt).“ (Anzeige aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung).

Nun kommen wir erneut zu etwas, wofür ich keinen Ausdruck kenne (vielleicht kann ein Leser weiterhelfen?), das ich aber als „absichtliche Stilblüte“ bezeichnen würde: „Nach dem Durchfall bei der Stadtratswahl: SPD verspürt dringendes Bedürfnis nach Wiederöffnung von Klohäusln“ (Süddeutsche Zeitung).

Manchmal kann man aus einem Wort, was sich die Mehrheit der Bevölkerung spontan denkt, auch eine gute Schlagzeile machen. Der taz ist es mal gelungen. Die Schlagzeile lautete schlicht und ergreifend „Endlich“ und wurde anlässlich der verlorenen CDU-Bundestagswahl gedruckt, als der Ewig-Kanzler Kohl (endlich, versteht sich) weichen musste.

Ungewohnt unkreativ gibt sich die Presse beim Thema Google-Street View: Politiker lassen ihre Häuser pixeln (Spiegel online) und Politiker lassen ihr Haus verpixeln (taz). Fast möchte man fragen, wer denn von wem abgeschrieben habe. Der Unterschied liegt jedoch im Plural (Haus, Häuser) und damit in der Frage, ob der Plural sich auf mehrere Politiker bezieht (die ja nicht alle ein und dasselbe Haus haben) oder auf das Faktum, dass ein Politiker sich heutzutage selbstverständlich mehr als nur ein Haus gönnt, also Plural. Die linke taz bleibt beim Singular, ein Politiker habe nur ein Haus zu haben, basta. Dafür verwendet die taz die Variante ver-pixeln statt pixeln, das „ver“ bringt in diesem Fall mehr Abwertung in die Geschichte rein. Das sind kleine, aber feine Unterschiede.

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