Verhüllen, verpixeln, verboten? Wie die Medienhysterie die Jagd auf Fotografen antreibt

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Dieses Schmuckstück „durfte“ ich nicht ablichten (22.08.2010) © Thomas Irlbeck

Heute fotografierte ich eine Hochhausfassade in Neuperlach, ohne dass Menschen im Bild waren. Auf einmal kam eine aufgeregte Frau auf mich zu und rief „Das ist verboten!“. Ich fragte: „Was soll verboten sein?“ Sie: „Das Fotografieren und Filmen von Häusern“. Ich entgegnete, dass das Fotografieren von Häuserfassaden im öffentlichen Raum sehr wohl erlaubt sei. Sie meinte, nein, der Datenschutz, und das böse Google (gemeint hat sie im Besonderen Google Street View; der Verfasser), es sei ja alles so schlimm heutzutage. Es würden Personen fotografiert und diese würden per Software verändert. Ich sagte ihr, ich fotografiere Häuser, keine Personen. Ich wies darauf hin, dass es im Gespräch sei, eventuell eine Veröffentlichung von Häuserfassaden bei gleichzeitiger Beigabe der Geodaten einzuschränken. Jetzt aber sei auch das nicht verboten. Sie fragte: „Was? Geodaten? Was ist das?“

Wie schlecht informiert kann man eigentlich noch sein? Wann wird der erste Hund auf einen Privatfotografen gehetzt, der eine Fassade eines anonymen Wohnhausblockes just for fun fotografiert?

Der Hintergrund ist, dass Google mit seinem Dienst Street View bald in Deutschland online gehen will. Street View zeigt Häuseransichten ganzer Orte, die vom öffentlichen Raum aufgenommen wurden. Da sich auch die geographischen Koordinaten dazu abrufen lassen oder man sich eben von einem bestimmten Ort die Häuseransichten anzeigen lasen kann, kam Kritik auf, die von den Medien, sicherlich auch durch das Sommerloch, erheblich verstärkt wurde.

Google Street View-Auto in Palma de Mallorca. Fährt hier das Böse oder verändert sich die Welt einfach nur und die Leute haben Angst vor Neuerungen – v.a. aus Unkenntnis? Foto: Mark Wiewel / Lizenz siehe: flickr

Wie bei allen Neuerungen gibt es auch hier zwei Seiten. Man kann z.B. überprüfen, ob das anvisierte Hotel wirklich so toll am Strand liegt. Das ist eine positive Seite (für den Hotelbetreiber eher nicht, aber egal). Die negative Seite ist, dass ein jeder, der ggf. auch nichts Gutes im Schilde führt, schauen kann, in welcher Gegend man wohnt, ohne aufwändig anreisen zu müssen. Mehr sieht man aber nicht als über ein Foto, das ggf. in den gigantischen Bilderbeständen, z.B. flickr, veröffentlicht ist. Oft sind auch diese mit Geodaten und Straßennamen verknüpft. Die Bilderbestände zeigen inzwischen auch schon deutschlandweit einen beträchtlichen Anteil aller Häuser. Man suche z.B. mal bei flickr nach seiner Straße und überprüfe das.

Obwohl es gesetzlich nicht erforderlich ist, pixelt Google auf Wunsch Häuserfassaden. Dies geschieht noch vor dem Start des deutschen Street View. Personen und Autokennzeichen werden generell unkenntlich gemacht. Vermutlich will Google mit der Einspruchsmöglichkeit einer möglichen gesetzlichen Änderung vorgreifen. Google sollte mit dem Einspruchsrecht leben können und die Eigentümer auch. Der einzige Knackpunkt ist hierbei, dass es noch weitere Dienste wie Street View bereits gibt und sicher noch geben wird. Bei diesen müsste man dann separat um eine Unkenntlichmachung bitten. Wenn diese Dienste alle einem Einspruch nachkommen, braucht es dazu auch kein Gesetz, das im schlimmsten Fall die Pressefreiheit gefährdet. Man stelle sich einen Außenreporter vor, der von einem Ereignis berichtet und unter Nennung des Straßennamens filmt. Das alles könnte durch entsprechende Interpretation eines im schönsten Bürokratendeutsch formulierten Gesetzes mit viel Rechtsverdreherei dann mindestens zu einer strittigen Handlung werden.

Kommen wir zurück zu unserer aufgeregten Frau, die vermutlich in der obigen herrlichen Wohnmaschine gerade ihre Socken stopft. Es ist selbstredend erlaubt, Google und Street View zu kritisieren. Ein bisschen wissen, um was es geht, sollte man aber schon. Es gibt ja Leute, die meinen, man könne sie in Zukunft live unter der Dusche beobachten. Noch aber gibt es zu wenige spritzwassergeschützte Webcams.

8 Gedanken zu „Verhüllen, verpixeln, verboten? Wie die Medienhysterie die Jagd auf Fotografen antreibt“

  1. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man drüber lachen. Hier sieht man, wie die „Bildung“ der Öffentlichkeit funktioniert. Und das, bei einem eigentlich eher harmlosen Thema. Wie ist das dann erst bei den wirklich wichtigen Politik-Themen? Da wundert es mich nicht, dass auch die Wahlbeteiligungen immer geringer werden. Man scheint ja gar keinen Bezug zur Wirklichkeit mehr zu haben.

  2. Ich würde eher sagen, daß die Hsysterie eine neuen Höhepunkt erreicht. Ich wurde immer wieder, bevor Street View in den Medien aufgeschlagen ist, von Leuten, häufig ziemlich unhöflich, gefragt, was ich da photographiere. Komischerweise häufig dann, wenn ich klassische Objekte wie Häuser ablichtete.
    Von der U-Bahnwache wurde ich schon auf sehr unfreundliche Art angemacht, daß das Photographieren in U-Bahnhöfen nicht gestattet sei. Das stimmt definitiv so nicht. Aber diese Masche wird immer wieder eingesetzt.
    Wahrscheinlich wird davon in Zukunft noch mehr Gebrauch gemacht werden.

  3. Von der U-Bahnwache wurde ich schon auf sehr unfreundliche Art angemacht, daß das Photographieren in U-Bahnhöfen nicht gestattet sei. Das stimmt definitiv so nicht.

    Soweit ich weiß, ist es ohne Blitz und Stativ erlaubt. (Der Blitz kann den U-Bahnfahrer blenden, das Stativ kann ein Hindernis auf dem Bahnsteig sein.) Bin mir aber nicht ganz sicher. Im Untergrund und in anderen Bereichen, wo das Fotografieren eingeschränkt oder verboten ist, fotografieren ich ganz gerne mit dem Handy. Das bekommt kein Mensch mit, zumal ich den Auslöserton gelöscht habe. Aber die Qualität ist halt lau.

  4. Nicht nur die U-Bahnwache redet einen schwach an. Auch DB Sicherheit ist sich oft seiner Sache sicher, dass nicht fotografiert werden dürfte. Sowohl bei der MVG als auch bei der DB darf aber in öffentlich zugänglichen Bereichen ohne Blitz und Stativ fotografiert werden, solange es privat und nichtkommerziell ist. Erst dann braucht es eine Genehmigung.

    Ich hab irgendwann die Schnauze voll von den Diskussionen gehabt und mir bei der DB eine persönliche Fotogenehmigung ausstellen lassen. Allerdings weiss ich nicht, ob sich der Mitarbeiter seiner Sache ganz sicher war, was er mir da ausgestellt hat: zeitlich unbegrenzt und nichtöffentliche Bereiche sind mit eingeschlossen.

  5. solange es privat und nichtkommerziell ist.

    Ein bisschen Google Adwords-Werbung, ein flattr-Button und schon ist eine private Website nach Auffassung vieler kommerziell. Die Fotos darf man dann möglicherweise nicht mal auf seiner Website veröffentlichen… (Du bist ja jetzt nicht betroffen, Du hast eine Genehmigung.)

    Bis jetzt habe ich eigentlich immer Glück gehabt. Es sprachen mich Leute zwar an, wenn ich fotografierte, aber nur extrem selten wirklich böse. Allerdings habe ich bislang eher wenige Bahnfotos gemacht. Aber ich meine die generelle Entwicklung, jetzt auch in Bezug auf Google Street View.

    Oft war die Frage, warum ich fotografiere, auch speziell bei Motiven, die in den Augen vieler anderer belanglos sind. Hier fehlt auch manchmal die Empathie. Es wird dann gesagt, ich solle das doch lassen, Baustellenfotos wären doch nichts wert und absolut uninteressant. Aber dann würde ich das Zeug ja nicht fotografieren, oder? Es ist offenbar für einige schwer, anzuerkennen, dass die eigenen Geschmäcker und Vorlieben sich nicht mit denen anderer decken.

    Heutzutage ist es ja zum Glück besser geworden. In den 1970er-Jahren war man ein absoluter Außenseiter, wenn man Eisenbahnen fotografiert hat. Warum eigentlich? Inzwischen wird es gesellschaftlich einigermaßen akzeptiert.

  6. Du hättest das erleben müssen, wie mich die Eisenbahnfotografen am Heimeranplatz dumm angeschaut haben, als ich nicht die Züge fotografiert habe, noch dazu dass zu diesem Zeitpunkt eine Lok vorbeikam die normal nicht nach München kommt. Aber mein Ziel der Fotos war ein anderes und mehr auf die Strecke aus. Die haben mich auch drauf angesprochen und ich hab kopfschütteln und absolutes Unverständnis geerntet. Wieso eigentlich? Es soll doch jeder das fotografieren, was ihm lieb ist.

  7. Du hättest das erleben müssen, wie mich die Eisenbahnfotografen am Heimeranplatz dumm angeschaut haben, als ich nicht die Züge fotografiert habe, noch dazu dass zu diesem Zeitpunkt eine Lok vorbeikam die normal nicht nach München kommt. Aber mein Ziel der Fotos war ein anderes und mehr auf die Strecke aus. Die haben mich auch drauf angesprochen und ich hab kopfschütteln und absolutes Unverständnis geerntet. Wieso eigentlich? Es soll doch jeder das fotografieren, was ihm lieb ist.

    Im konkreten Fall waren ja wenigstens Eisenbahnfotografen vor Ort, da sollte man schon Verständnis erwarten können, weil man ihnen selbst ja auch nicht immer Verständnis entgegenbringt, sodass sie wissen soltlen, wie das ist.
    Als Kind und Jugendlicher habe ich bereits Trambahnen fotografiert, was im ganzen Umfeld gar nicht gut ankam. Die meisten hielten das für Filmverschwendung, für sinnloses Geldrausschmeißen, andere auch für hirnverbrandt. Trambahnen hatten damals auch noch kaum Fans und wurden als Verkehrshindernisse angesehen, die es auszurotten gälte. Heute würde ich viel für die Bilder (Dias) geben, aber sie wurden wohl bei einem der Umzüge, an denen ich nicht beteiligt war, entsorgt.

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