Sicherererer

Werbung

Airbags kann man falsch bedienen. Foto: Taekwonweirdo / Lizenz siehe: flickr

Mit diesem kreativ gesteigerten Komparativ wirbt der Onlinebezahldienst PayPal. Treffender könnte man es gar nicht ausdrücken, um eine Krankheit zu beschreiben, die nicht nur die deutsche Politik und die deutschen Behörden befallen hat. Zunächst einmal ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn die Welt immer sicherer wird. Der Sicherheitsgurt etwa hat unzählige Leben gerettet. Bei seiner Einführung hat man noch leidenschaftlich diskutiert, ob eine Anschnallpflicht nicht dem Selbstbestimmungsrecht zuwiderläuft. Da nicht angeschnallte Leute beim Crash aus dem Wagen geschleudert werden können und damit nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere eine Gefahr darstellen – andere Verkehrsteilnehmer müssen ggf. den Herausgeschleuderten ausweichen –, ist die Anschnallpflicht sicherlich gerechtfertigt.

Münchner J-Wagen (Heidelberger) am 11.09.2010. Die alten Wagen dürfen nur ohne hohen Auflagen wieder fahren – schließlich könnten bei den ungesicherten Türen Fahrgäste aus dem Zug fallen (11.09.2010) © Thomas Irlbeck

Der Luftsack, auf Neudeutsch auch Airbag, hat ebenso viele Leben gerettet und Leute vor schlimmeren Verletzungen bewahrt. Oft wird aber der Fehler gemacht, sich nicht anzuschnallen, da ja der Airbag da ist. Nur verpufft die Wirkung des Airbags dann im wahrsten Sinne des Wortes. Der Airbag kann nämlich eine Person gar nicht auffangen; ohne die Unterstützung des Sicherheitsgurtes ist der Airbag ein Sprungtuch ohne haltende Helferhände. Es gibt aber noch einen weiteren „Bedienungsfehler“: Mehr Sicherheit verleitet zu riskanteren Fahrweisen. Damit wird mindestens ein Teil, im Extremfall der gesamte Sicherheitsgewinn wieder verspielt. Ähnliches gilt für das Antiblockiersystem (ABS) und die Stabilitätsprogramme (ESP). Mit ABS bremst es sich auf Schnee und generell glatten Straßen besser, also wird schneller gefahren. ESP kann so manchen Fahrfehler ausgleichen, folglich wird mehr Gas gegeben. Immerhin ging die Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland seit den 1970er-Jahren kontinuierlich zurück. Waren es 1970 in Westdeutschland noch dramatische 13.000 Tote, lag die Zahl 2009 bei entschärften 4.150 Toten, wobei im letzteren Fall auch die Neuen Bundesländer enthalten sind. Wenn man sich aber den immensen Aufwand an Technik anschaut, der betrieben wurde, müsste die Anzahl der Verkehrstoten mathematisch gesehen schon längst unter null liegen.

Teufelsrad auf der Wiesn. Hier soll sich schon mal jemand blaue Flecken geholt haben. Wie furchtbar! Foto: Traveller_40 / Lizenz siehe: flickr

Der staatlich verordnete Schutz greift in alle Lebensbereiche hinein. Neue Personenumlaufzüge – auf Altlateinisch Paternoster – etwa werden wegen der Verletzungsgefahr in Deutschland allenfalls noch unter hohen Sonderspezialauflagen genehmigt. So musste bei einem 2009 neu in Betrieb genommenen Paternoster in Berlin eine Ampel eingebaut werden, die signalisiert, wann ein Zustieg und Abstieg gefahrlos möglich ist. Bei einem Rotlichtverstoß wird die Anlage, die übrigens gegenüber früheren Paternostern deutlich gedrosselt ist, per Lichtschranke automatisch gestoppt.

Früher mussten die Fahrgäste noch selbst aufpassen. Ähnliches gilt z.B. bei der Trambahn. Am 11.09 dieses Jahres feierte man 115 Jahre Elektrische Trambahn in München. Die alten Wagen, die nicht über automatische Türen, sondern über rein per Hand bediente Schiebetüren verfügen, erhielten ihre Zulassung für den Einsatz bei Sonderveranstaltungen nur unter der Auflage, dass 2 (!) Zugbegleiter pro (!) Türe das Öffnen und Schließen der selbigen überwachen. Damit dürfen die Züge aber nicht im normalen Fahrgasteinsatz rollen, hier würde die Auflage sicherlich auf vier Zugbegleiter pro Türe erhöht werden.

Velodrom auf der historischen Wiesn 2010. Stürze und Zusammenstöße lassen sich nicht vermeiden. Unerhört! Foto: sanfamedia.com / Lizenz siehe: flickr

Neue Bahnübergänge werden in Deutschland in der Regel nicht mehr genehmigt, wegen der vielen meist selbst verschuldeten schweren Unfällen. Zuerst gab es die Vollschranken, die jedoch zur Falle werden konnten. Dann kamen die Halbschranken. Diese lassen einen Fahrzeugführer mit abgestorbenem Motor wieder aus dem Gefahrenbereich rausfahren, aber geben anderen die Möglichkeit, einen Bahnübergang trotz geschlossener Schranken zu passieren. Manche scheinen nicht zu wissen, wie unfassbar groß der Bremsweg eines Zuges ist und dass auch die stabilste Automobilkarosserie von einem Zug zermanscht wird wie ein Modell aus Pappmaché. Nun werden bei neuen Bahnstrecken als Ersatz für die Bahnübergänge millionenteure Unterführungen und Brücken gebaut. Die hohen Kosten verhindern so manche Neubau-Regionalbahnstrecke (bei Hochgeschwindigkeitsstrecken sind Bahnübergänge freilich nicht angebracht). Aber wenn es der Sicherheit dient.

Auch das Gehör wird geschützt, die Lautstärkebegrenzung – deren Umgehung immer besser abgesichert wird – von MP3-Playern macht es möglich.

Bei so viel Sicherheit und Gängelung blickt man erstaunt auf die Wiesn (auf Alt- und Neupreußisch: Oktoberfest). Dort gibt es Parcours mit rotierenden Trommeln, bei der gefühlt jeder zweite stürzt und sich verletzten könnte. Da ist das Teufelsrad, das die Leute spätestens per Boxattacke vom Rad schleudert. Im Velodrom kann man mit merkwürdigen Fahrrädern seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Man liest verwundert, dass sich „Zusammenstöße und Stürze nicht vermeiden lassen“. Ja, äh, wo bleibt hier die Sicherheit?

Wann kommt die Schaumstoff- und Helmrepublik, in der jede Anhöhe mit einem Schutzgitter versehen ist? Wo selbst Treppen nur noch als Feuerfluchtweg erlaubt sind, unter strengsten Auflagen versteht sich? In der man sich ohne Hirn und Verstand gefahrlos frei bewegen kann und vor allem und vor allem vor sich selbst geschützt wird? Wir sind auf dem Weg dahin. Aber sicher.

3 Gedanken zu „Sicherererer“

  1. Der Sicherheitswahn ist in Deutschland schon weit fortgeschritten. Aber scheinbar geht es manchen Menschen noch nicht weit genug. Demnächst steht neben jedem Raucher ein Feuerwehrmann mit einer Löschkanone 😉

  2. @Jürgen: In S-H ist jetzt Rauchmelder-Pflicht in Wohnungen. Das gilt aber nur für Flur/Eßdiele (weil Fluchtweg), Kinder- und Schlafzimmer. Wenn man im WoZi mit ´ner Kippe einpennt und die Höhle abfackelt, ist das wohl minder schlimm. 🙂

  3. Der Sicherheitswahn entstammt ja den angloamerikansichen Ländern, und auch Japan, und hat wohl seinen Ursprung in entsprechenden Gerichtsurteilen, wo Hersteller für die Dummheit ihrer Kunden haften mussten und sich daher entsprechend schützen wollen („Caution! Hot“ -wer hätte gedacht, dass Kaffee heiss ist???). Die VerSICHERungsmentalität hat leider bei uns auch schon Einzug gehalten: wer auf der Treppe im Winter ausrutscht – ja, im Winter ist es nunmal rutschig – der verklagt vorsichtshalber mal den „Treppenbetreiber“, statt zu sagen „Scheisse, nicht aufgepasst“. Also muss der Treppenbetreiber für die entsprechende SICHERheit sorgen. Keiner will aus verständlichen Gründen haftbar gemacht werden. In Japan standen bei der Expo an jeder Rolltreppe oben und unten Aufsichtspersonen, die davor gewarnt haben, dass die Rolltreppe zu Ende ist. Das schlimme: sind Kinder mal an diesen absurden und sauteuren (wer zahlt das eigentlich?))) Standard gewöhnt, dann werden sie sehr schnell Probleme bekommen, man kann nicht die ganze Welt abSICHERn. Ich war vor einem Jahr in London und Wales und erschrocken, für wie dumm der gemeine (ja, wohl: gemeine) Mensch gehalten wird. Vor einem Baum stand: Achtung, herunterhängende Äste. Noch schlimmer: in Regionalzügen hingen Schilder, auf denen stand, dass es verboten ist, den Fahrer zu überfallen. Wer hätte das gedacht?
    Auf diese Weise suggeriert man den Bürgern immer mehr UnSICHERheit, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. Aber eine ganze SICHERheitsindustrie lebt davon, und zwar gut.

Schreibe einen Kommentar zu doro Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.