Geknickt statt abgenickt

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Die Dachterrasse sollte geschlossen werden. Dieses Archivbild wäre eine Erinnerung an alte Zeiten gewesen. Foto: Thomas Irlbeck

Die alte Hausordnung ist rund 40 Jahre alt, also muss eine neue her. Diese sollte auf der gestrigen Eigentümerversammlung abgenickt werden. Die neue Hausordnung wurde als Entwurf vom Verwaltungsbeirat erstellt. Offenbar geschah dies ohne große Rücksprache, zumindest wurde im Vorfeld keine Tendenz unter den Eigentümern ausgelotet. Denn die Stimmung im Saal war nicht gut. Einer der Redner meinte, die Hausordnung gehöre auf den Müll und komplett neu gemacht. Der Verwaltungsbeirat meinte geknickt, er habe Tage an der Hausordnung gearbeitet. Mein Vorschlag war, dass wir nicht über die Hausordnung als Ganzes, sondern über jeden strittigen Punkt gezielt abstimmen. Dies wurde dann auch gemacht. Später sollte sich dann herausstellen, dass dies die Versammlung beträchtlich nach hinten verzögerte und vom Feierabend dann fast nichts mehr übrig blieb.

Strittig war zunächst einmal die Schließung unserer schönen Gemeinschaftsdachterrasse, formuliert als „Die Dachterrasse darf aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden“. Ob man sich daran hält, ist was anderes. Aber wenn die Türe zur Dachterrasse so umgebaut wird, dass man diese mit dem normalen Hausschlüssel nicht mehr öffnen kann, dann nützt das alles nichts.

Ein weiterer Blick Richtung von der Dachterrasse. So ein Blick ist auch weiterhin möglich. Zumindest wenn das Wetter mitspielt. Foto: Thomas Irlbeck

Ich ging davon aus, dass es eine Auflage der Stadt sei, die hinter dem Betretungsverbot steckt. Zum Beispiel wegen zu niedrigerer oder wackelnder Geländer. Doch ich lag falsch. Laut Verwaltungsbeirat würden immer wieder Partys auf der Dachterrasse gefeiert. Wenn dann jemand angetrunken wäre, könnte was passieren. Es wurde nicht ausgesprochen, aber es war sicher ein Sturz vom Dach gemeint. Als zusätzlicher Grund wurde angegeben, dass man durch eine Schließung die Abnutzung des Bodenbelags verzögern könnte.

Jetzt platzte mir der Kragen. Ich sagte sinngemäß, für was wir denn die Dachterrasse hätten, wenn wir uns selbst verbieten, diese zu nutzen. Und das ohne Not. Das mit dem Bodenbelag sei ein Witz, denn wenn man etwas schont, indem man es nicht mehr benutzt, verliere die ganze Einrichtung ihren Sinn. Der Antrag auf Streichung des Betretungsverbots wurde mit großer Mehrheit angenommen, die Dachterrasse bleibt offen.

Nächster Punkt war das Verbot von Möbeltransporten in den Fahrstühlen. Ich führte aus, dass dies nicht praktikabel wäre, da kein Möbellieferant Möbel in den 9. Stock schleppe, wenn sie in den Fahrstuhl passen. Es sei aber dazu gekommen, dass Fahrstühle durch Möbeltransporte verkratzt wurden, wurde entgegnet. Dies überzeugte aber die Masse nicht. Der Antrag auf Streichung des Möbeltransportverbots in Fahrstühlen wurde mit großer Mehrheit angenommen.

Viele weitere Punkte wurden gestrichen oder umformuliert. Beispielsweise darf man auch weiterhin seinen Fußboden austauschen, ohne dies zunächst genehmigen zu lassen. Alles andere wäre ja bodenlos.

Ein Gedanke zu „Geknickt statt abgenickt“

  1. Find ich sehr interessant, welche Interessen hier von Eurem Verwaltungsrat vertreten werden …

    immer wieder erstaunlich zu welchem Unfug Eigentümerversammlungen fähig sind (wären).

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