EU-Norm: 160.000 Euro wegen ein paar Zentimeter Plastik – oder „Wir sind schließlich keine Müllionäre“

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Das Thema Stilllegung der Müllschlucker und Bau von Mülltonnenhäuschen (Neuperlach.org berichtete) wurde ausgiebig auf der Eigentümerversammlung am Dienstag behandelt. Die Müllabwurfschächte müssten definitiv geschlossen werden, heißt es seitens der Verwaltung, die Lokalbaukommission hätte dies angeordnet. Der Anbringung von Brandschutzvorbauten hätte die Lokalbaukommission nicht zugestimmt, auch sonst gäbe es keine Möglichkeiten des Weiterbetriebs, weder über den Bestandsschutz noch durch Sondergenehmigungen etc. Komisch nur, dass im Marx-Zentrum vorerst keine Schließung der Müllabwurfschächte geplant ist, obgleich die Anlage fast genauso alt ist. Hat man hier wirklich alles ausgelotet?

Die Stimmung im Saal verschlechtert sich beim Thema Müllhäuschen. Bislang entsorgen die Bewohner den Müll in einem Müllraum im Keller. Auch in dem einen Haus, das über den Müllabwurfschacht verfügt, müssen größere Gegenstände und alles, was nicht Restmüll ist, dort hingebracht werden.

Mülltonnen
So sieht es derzeit ausdrücklich nicht vor dem Haus aus, aber ein Bild zur Illustration muss sein, da kaum niemand reine Bleiwüsten liest. Foto: hmboo/ Lizenz siehe: flickr

Die Tonnen werden zur Entleerung mit Lastenaufzügen an die Oberfläche befördert. Diese 40 Jahre alten Lastenaufzüge entsprechen nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen. Sie verfügen z.B. nicht über eine automatische Abschaltung, falls etwas eingeklemmt wird. Über den Bestandsschutz könnten sie wahrscheinlich vorerst noch weiterbetrieben werden. Das Problem aber seien die neuen vorgeschriebenen EU-Mülltonnen aus Plastik, so die Verwaltung. Diese würden von der Form nicht in die Lastenaufzüge passen, ein Test hätte dies bereits ergeben. Momentan bestehe noch eine Sondergenehmigung für die alten Metalltonnen, die aber auslaufe und nicht mehr verlängert werden könne. Daher empfiehlt die Verwaltung den Bau von Müllhäuschen. Kosten: ca. 160.000 Euro für die zwei benötigten Müllhäuschen. Plus Zusatzkosten, etwa für Schließung der Müllabwurfschächte, Stilllegung der Lastenaufzüge, Umbau der Müllräume für eine andere Nutzung usw. Andernfalls müssten die Tonnen demnächst im Freien gelagert werden. Im Saal regt sich Protest. Es kommen Zwischenrufe wie „Wegen einer EU-Norm und ein paar cm Unterschied müssen wir 160.000 Euro bezahle und verlieren wir unseren Komfort“. Ein anderer Eigentümer: „Wir verschandeln unsere Gartenanlage.“ Ein Herr mit einer körperlichen Einschränkung befürchtet, er könne sich bei Glatteis den Oberschenkelhals brechen. Andere Leute befürchten, dass die Leute einen Teil ihres Mülls auf dem Weg zum Müllhaus verlieren und nicht wieder aufsammeln. Die Gefahr von Geruchsbelästigungen und Ratten kommt auch zur Sprache. In den anderen Wohnanlagen ginge das auch mit den Müllhäuschen, hieß es seitens der Verwaltung. Der Hausmeister würde ja die Wege räumen und streuen. Der Herr mit der körperlichen Einschränkung wendete ein, er würde derzeit bei Eis und Schnee das Haus nie verlassen, aber wenn der Müllraum wegkäme, dann müsste er. Dann müsse er sich halt von Nachbarn helfen lassen, hieß es. Auch eine kurzzeitige Lagerung des Mülls auf der Loggia sei möglich. Es gibt immer eine Lösung, wenn man nur wolle.

Ein Eigentümer fragt, warum man denn die Lastenaufzüge nicht erneuern könne. Die Antwort ist, dies sei noch viel kostspieliger. Man könnte zwar neue Lastenaufzüge einbauen. Dann greife aber der Bestandsschutz nicht mehr. Das Problem sei, dass der Einbau nicht mehr in die bestehenden Schächte erfolgen könne, da diese nach Vorschrift nun weiter weg vom Haus sein müssten. Man müsse alles aufgraben und neue Schächte bauen. Kosten: ca. 270.000 Euro plus diverse Zusatzkosten. Einige Eigentümer werfen ein, dass diese Lösung zwar sehr teuer sei, aber man dafür auch den Komfort behalten könne. Im anderen Fall müsste man 160.000 Euro zahlen, um danach weniger als jetzt zu haben. Wir sind ja schließlich keine Müllionäre.

Es wird gefordert, dass nicht nur ein Antrag zum Bau der Müllhäuschen zur Abstimmung gestellt werde, bei dem man keine andere Wahl hätte, da ein mehrheitliches Nein zur Folge hätte, dass die Tonnen demnächst im Freien stehen würden, sondern auch ein Alternativantrag zur Sanierung bzw. des Neubaus der Lastenaufzüge.

Ein Eigentümer bringt noch einen interessanten Vorschlag auf. Warum nehme man denn nicht kleinere Tonnen, die kleinere EU-Tonne würde in den Lastenaufzug passen. Seitens der Verwaltung heißt es, dann müsste man mehr Müllgebühren bezahlen. Es wird gefragt, ob dies nicht auf viele Jahre erheblich billiger sei, als jetzt mindestens 160.000 Euro hinzulegen. Dies müsse man noch durchrechnen, hieß es.

Nachdem die Proteste zu groß werden, entscheidet sich die Verwaltung dafür, das Thema zu vertragen. In einer noch einzuberufenden außerordentlichen Versammlung soll dann das Thema noch einmal behandelt und schließlich abgestimmt werden. Es soll dann ein dreiteiliger Antrag vorgelegt werden: Variante 1: Bau der Müllhäuschen. Variante 2: Sanierung/Neubau der Lastenaufzüge. Variante 3: Weiterbetrieb der Lastenaufzüge über den Bestandsschutz mit kleineren Tonnen. Bei so viel Optionen erinnert mich das an die Mülltonne mit der Aufschrift „Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage“.

7 Gedanken zu „EU-Norm: 160.000 Euro wegen ein paar Zentimeter Plastik – oder „Wir sind schließlich keine Müllionäre““

    1. Wenn Du Dich auf das Bild beziehst, dieses dient nur zur Illustration, sieht aber natürlich dennoch übel aus. 🙂

      Noch schlimmer finde ich, dass wir jetzt so viel Geld zahlen müssen, um danach weniger zu haben als jetzt. Das könnte eine fette Sonderumlage geben.

    1. Die Bildunterschrift ist eigentlich eindeutig. Aber kann ja mal passieren. 😉 Die Gefahr ist aber immer da, wenn man Bilder nur zur Illustration verwendet, dass diese falsch gedeutet werden.

  1. Immer ein leidiges Thema, das mit dem Müll:
    Die kleinen Tonnen wurden auch vor ein paar Jahren wegen geänderter Normen ersetzt und passen jetzt nicht mehr in die Mehrzahl der älteren Müllhäuschen.
    Beim Nachbarn stehen sie seither draußen und sind so verwittert, dass sie wohl bald ersetzt werden müssen.
    Bei mir fallen sie beim ersten Öffnen der Tür nach der Leerung immer heraus, da die Müllmänner nicht genug Zeit und Muße haben, die Tonnen in die nicht mehr passende Aufnahme mühsam ein zu klemmen.

  2. Die Problematik mit den Müllabwurfanlagen ist in München primär die des mangelnden Brandschutz. Hier wird von der Branddirektion eine sogenannte F30-Abschottung zum Hausflur eingefordert und dies ist schlichtweg nicht möglich.

    Bei den Müllaufzügen widerum kommt die Arbeitsschutzverordnung in ihren verschiedene Aspekten zum tragen. Von Überwachung der ungesicherten Tonne beim Transport bis zur Gefährdung des Arbeitnehmers (Hausmeister) beim Beseitigen der eingeklemmten Mülltonne. Übrigens ist die Reparatur der Einschubschienen für die Mülltonnen bei Müllaufzügen möglich. Damit würden der Müllaufzug auch für die verschiedenen Spurweiten von Mülltonnen nutzbar sein.

    Ein anderes Problem ist bei der Stilllegung von Müllabwurfanlagen ist das Mietrecht, da jeder Mieter den Anspruch auf einen Müllabwurfanlage hat, sofern diese Müllabwurfanlage beim Einzug vorhanden war. Den vermietenden Eigentümer ist anzuraten die Stilllegung von Müllabwurfanlagen mit ihren Mietern zu besprechen.

    1. Danke für die interessanten Aspekte. Mein Ziel ist es, zumindest die Mülltonnenaufzüge zu erhalten oder zu ersetzen. Dafür gibt es durchaus Chancen, wenngleich sie nicht besonders gut stehen. Wenn man die Sicherheit verbessern kann oder muss, sollte man das auch tun. Skeptisch bin ich, dass es heißt, neue Mülltonnenaufzüge müssten einen größeren Abstand zum Haus aufweisen. Dann wird es schon sehr aufwändig. Ich werde dann zu gegebener Zeit darüber berichten, wie die Abstimmung ausging.

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