Deutschland zählt sich ab

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Abakus
Auch damit kann man zählen. Foto: DaveAustria.com / Lizenz siehe: flickr

Manche erinnern sich vielleicht noch an die umstrittene Volkszählung 1987. Von der Öffentlichkeit und Presse bislang wenig beachtet ist allerdings die Volkszählung 2011, auch unter „Zensus 2011“ mit dem (fast) imagefördernden Beitext „Wissen, was morgen zählt“ bekannt oder eben eher unbekannt.

Vor ein paar Tagen flatterte mir Post zum „Zensus 2011 – Vorbereitung der Gebäude und Wohnungszählung 2011“ ins Haus. Bislang hatte ich über die Volkszählung nur durch eine Aufstellung der Tagesordnungspunkte meiner Eigentümerversammlung erfahren.

Um was geht es eigentlich? Das offizielle Schreiben des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung („Mit Bayern rechnen“ – erneut so ein Wortspiel, das die Behörden untypischerweise verwenden) klärt auf:

In Deutschland wird zum Stichtag 9. Mai nächsten Jahres der Zensus 2011 (…) durchgeführt. (…) Mit diesem Gesetz setzt Deutschland die Verordnung (EG) Nr. (…) des Europäischen Parlaments und des Rates (…) über Volks- und Wohnungszählung um.

Aus dem weiteren Verlauf des Schreibens geht hervor, dass der Staat nicht wisse, wie viele Wohnungen und Gebäude es in Deutschland überhaupt gäbe, wie viel Wohnraum zur Verfügung stehe, wie alt die Häuser seien, wie sie beheizt werden (z.B. klassischer Holzofen oder offenes Feuer) und so fort. Der Staat braucht also die Angaben von den Immobilieneigentümern und Verwaltern, um seine Politik ausrichten zu können.

Ich frage mich aber vielmehr, was es den Staat angeht, ob ich eine Dusche oder eine Badewanne habe, wie viele WCs meine Wohnung hat und wie viele Bewohner ich aufgenommen habe.

Natürlich könnte man in Versuchung geraten, das Schreiben nebst Fragebogen (die nur der Vorbereitung dienen, die eigentlichen Fragen kommen dann später) in Ablage „R“ (Reißwolf) zu legen.

Die Gebäude- und Wohnungszählung, die für alle Eigentümer und Verwalter Pflicht ist, stellt aber nur einen Teil des Ganzen dar. Es wird (natürlich) noch viel, viel persönlicher. 10 % der Bevölkerung werden außerdem per Zufallsprinzip ausgewählt und müssen zusätzlich persönliche Fragen beantworten (Fragebogenmuster siehe hier), z.B. zu einem etwaigen Migrationshintergrund, zur Religionszugehörigkeit und zur persönlichen Weltanschauung. Zum Teil ist die Beantwortung der Fragen freiwillig. Man muss zwar noch angeben, welcher Religionsgesellschaft man angehört, bei der Frage, zu welchem Glauben man sich bekennt, darf man aber schweigen. Das heißt, jemand, der offiziell in der römisch-katholischen Kirche ist, muss das verraten, aber nicht, dass er sich inzwischen dem Buddhismus zugewandt hat. Auch nach dem Schulabschluss und dem derzeit ausgeführtem Beruf wird (natürlich) gefragt, ohne Spielraum für eine Verweigerung.

Da die Bereitschaft der Auskunftserteilung bei vielen nicht rekordverdächtig hoch sein dürfte, sind Sanktionen selbstverständlich notwendig. Damit niemand seine gerechte Strafe einfach aus der Portokasse bezahlen kann, hat man das Bußgeld angemessen hoch angesetzt. Wer schweigt, dem drohen bis zu 5.000 EUR (in Worten fünftausend!) Bußgeld und der Besuch eines „Erhebungsbeauftragten“. Klingeling!

Was die Immobilien angeht, ist meine Hausverwaltung der Auffassung, dass die Beantwortung der Fragen für den Eigentümer „äußerst umfangreich und zeitintensiv sein“ dürfte. Es werde nach der Anzahl der Wohnungen im Haus, dem Gebäudetyp, den Eigentumsverhältnissen, dem Baujahr, der Heizungsart usw. gefragt. Es wird der Eindruck erweckt, einige der Fragen könnten vom Eigentümer möglicherweise gar nicht beantwortet werden. Aber kein Problem ohne Lösung. Die Hausverwaltung hat mir inzwischen einen Erhebungs-Service-Vertrag zugesendet. Nach Abschluss des Vertrags und Zahlung von 25 EUR zzgl. 19 % MwSt. werde die Hausverwaltung die Übermittlung der Daten an das Statistische Landesamt übernehmen. Doch auch hier gibt es eine klitzekleine Schwierigkeit. Die Hausverwaltung hat zwar viele, sehr viele Daten über die Häuser, aber eben nicht zur den einzelnen Wohnungen. Aber gemeinsam kann man es schaffen. Ein Teil der Fragen wird einfach über ein zum Vertrag gehöriges Formular geregelt. Hier muss man nur die Fragen zur Wohnung (die berühmte WC-Anzahl und so was) eintragen, den Rest (die Gebäudefragen) übernimmt der Verwalter.

Super Geschichte! Oder etwa nicht? Manchen sind vielleicht noch die verballhornenden Formulare zur Volkszählung 1987 im Gedächtnis, die in Schulhöfen und Firmen etc. kursierten. Aus der Antwortmöglichkeit „Zeitsoldat“ etwa wurde der „Zinnsoldat“. Für solche harmlosen Scherze ist die Geschichte angesichts der staatlichen Datensammelwut, die in heutigen Zeiten viel einfacher und viel effektiver als damals missbräuchlich verwendet werden kann (Stichwort Verknüpfung von Datenbanken), viel zu ernst.

7 Gedanken zu „Deutschland zählt sich ab“

  1. Ein schöner Artikel!
    Ich war nämlich auch unter diesen 10% die mit dem „Mikrozensus“ belästigt und verhört wurden. Zuerst sollte sogar ein persönlicher „Interviewer“ bei mir zuhause(!)aufkreuzen, nachdem ich dies allerdings erfolgreich verhindern konnte, wurde mir dieser Fragebogen zugesandt. Weil ich für ein persönliches Gespräch – oder Verhör, wie ich es zu bezeichnen pflege – nicht zur Verfügung stand, musste ich mir sagen lassen, daß es für Leute wie sie in meinem Wohngebäude anzutreffen seien typisch wäre, einen solchen Besuch zu verweigern. Sehr freundlich, da ist der Herr vom Amt knapp an einer Beleidigung vorbeigeschrammt. Dann wurde mir eröffnet, daß mir dieser Eingriff in meine Privatssphäre noch 4(!)mal bevorsteht! Erst dann würde wieder ein neues Opfer per Zufallsgenerator auserwählt. In wie weit sich meine Lebenssituation in den Jahren ändert, scheint die Initiatoren wohl auch stark zu interessieren. Wie im obigen Text bereits beschrieben, wird hier auch nach Körpergröße und -gewicht gefragt, von anderen indiskreten Fragen mal ganz abgesehen. Jedoch sind nicht alle Fragen sog. „Pflichtfelder“, was die ganze Farce jedoch nicht im geringsten abschwächt oder gar entschuldigt. Da ich zwischenzeitlich umgezogen bin (aus anderen Gründen), hoffe ich diesem System nun entkommen zu sein. Aber von einer Verweigerung kann man tatsächlich absehen, da reicht ein kurzer Blick in den mitgelieferten Gesetzestext, der wie auch der beiliegende Fragenkatalog, unzählige Seiten nebst juristisch Zwangsmaßnahmen und empfindlichen Bußgeldern beinhaltet.
    Wer sich wegen Google´s Streetview belästigt fühlt, hat mit Sicherheit noch nie an einem Mikrozensus teilgenommen.
    DAS ist wirklich eine äußerst dubiose Maßnahme!

  2. Muss bei dieser Volkszählung aka Unterschrift der Neo“Volksliste“ jeder Unterschreiben?
    Weil ich hab so dermaßen keinen Bock da zu unterschreiben, weil ich nicht überwacht werden will.
    Wobei das ja ziemlich knapp wird, ich hab ja am 14.05.11 meinen 18ten, und die Zählung ist ja De Facto am 9.05.11.
    Mal schauen, wie das aussieht

    1. Meines Wissens musst Du nur mitmachen, wenn Du Immobilienverwalter oder -Eigentümer bist (dann gilt es, die Gebäude- und Wohnungsfragen zu beantworten) oder wenn Du unter den 10 % bist, die den Schwarzen Peter gezogen haben (dann gilt es, die persönlichen Fragen zu beantworten).

  3. Ich habe über die „Volkszählung“ (Wortentstehung dank Hitler), auch schon eine Menge gelesen.
    Noch nie jedoch etwas, von betroffenen.

    Weiß einer, wie es bei diesen Pflichtangaben mit Falschangaben steht?
    Wenn ich zu Angaben gezwungen werde (Schulabschluß, Größe, Gewicht, Anzahle der WCs,..), dann
    würde ich das ALLES nicht wahrheitsgemäß beantworten.

    Wäre super von „Neuperlach“ wenn man da dran bleibt, sobald es was neues gibt.

    1. Absichtliche Falschangaben sind mit einer Auskunftsverweigerung gleichzusetzen. Zumindest war dies in der Presse zu lesen. Es droht also ebenso ein saftiges Bußgeld. Alles andere wäre in den Augen der Datensammeln wohl auch kontraproduktiv. Denn wer ohne Konsequenzen lügen darf, könnte sich dazu ja regelrecht aufgefordert fühlen.

      Ob man allerdings Falschangaben nachweisen kann, ist eine ganz andere Geschichte.

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