Immer schön freundlich! Piep!

Werbung

Bäckerei
Täglich Brot. Foto zur Illustration, es zeigt ausdrücklich nicht die im Text erwähnte Bäckerei. Foto: Jens-Olaf / Lizenz siehe: flickr

Neuperlach, München, Bayern, ach was, ganz Deutschland ist inzwischen eine gut ausgestattete Serviceoase, keine Sahara-ähnliche Un-Welt mehr. Gerne kaufe ich im Supermarkt gleich am Eingang Backwaren, die sich eigentlich Aufbackwaren schimpfen sollten. Egal, man gewöhnt sich daran. In letzter Zeit ist der Platz hinter dem Tresen aber auffallend oft verwaist. Nach einer Höflichkeitsminute kann man ja auf die Klingel drücken, wenn diese nicht inzwischen entfernt worden wäre. Denn zu viel Service ist auch nicht gut, weil es die Kunden verdirbt. Ich warte viele, viele Minuten. Einige Kunden, die nach mir kamen, haben den Laden schon wieder entnervt verlassen, die Konkurrenz in den benachbarten Läden freut sich. Früher standen hier zwei Verkäuferinnen in Lohn und Brot, die wechselseitig Pausen und das Annehmen von Lieferungen hinter den Kulissen kompensierten. Das fiel aber offenbar dem Rotstift zum Opfer.

Endlich menschelt es, die Verkäuferin taucht wie aus dem Nichts auf und begrüßt mich mit dem zeitsparenden und stimmbandschonenden „Was?“, der praktischen Kurzform für „Grüß Gott! Was darf ich Ihnen denn bitte geben?“. Es geht alles schnell. Die Waren werden alle in eine Tüte gestopft, auch der Kuchen, der keinen Druck verträgt und so schnell mal die Hälfte seiner ursprünglichen Höhe einbüßt. Macht gar nichts, denn beim Essen und der Verdauung später wird der Kuchen ja ohnehin zersetzt und das Auge muss ja nicht immer mitessen. Der Preis wird gerufen, ohne Berücksichtigung der Eventualität, dass ich mich vielleicht mit dem Wunsch nach zusätzlichen Waren weiter selbst kasteien möchte. Vielmehr wird bereits der nächste Kunde ausgepeitscht. Auch bei diesem bekommt es die Verkäuferin nicht so wirklich gebacken.

Natürlich kann jeder mal einen schlechten Tag haben. Doch es gibt so manches Personal, das erscheint mir generell nicht ganz gar gebacken zu sein. Die kurze Form erinnert mich an einen Trämli-Kontrolleur in Augsburg. Statt „Grüß Gott, die Fahrscheine bitte!“, schnauzte er „So, Karten her!“. Dabei hat man doch in vielen Bereichen das „Bitte“ implantiert. Früher hieß es bei der Münchner U-Bahn „Zurückbleiben!“, dann „Zurückbleiben, bitte!“ und schließlich „Bitte zurückbleiben!“. In Nürnberg übrigens wird übrigens die bei Politikern gefürchtete Floskel „Bitte zurücktreten!“ verwendet. Genauer „wurde“, jetzt heißt es nur noch „Piep“ – die Technik (Stichwort sensible Türkante, Kameraüberwachung usw.) hat ihre eigenen Höflichkeit. Aber sie lächelt nicht.

7 Gedanken zu „Immer schön freundlich! Piep!“

  1. Hm, ich bin etwas zwiegespalten. Das ungelernte Personal arbeitet bei diesen Billig-Auftauern für einen Hungerlohn mit beschissenen Arbeitszeiten. Das soll natürlich ein gewisses Maß an Höflichkeit und Freundlichkeit nicht ausschließen.
    Aber wo mindere Qualität verramscht wird, darf man sich auch über Personal zweiter Klasse nicht wundern.

    Was bin ich froh, direkt nebenan eine Bäckerei, also eine richtige, u haben. Zum nächsten richtigen Metzger ist es auch nicht weit.

  2. Bei meinem hier (= in S-H)benachbarten Markant-Markt kann man an der gut sortierten Fleischtheke nach Bedienung klingeln. Als ich mal die Warteminuten ohne Klingeln zum Betrachten der leckeren Waren nutzte, sagte die dann erscheinende Verkäuferin, ich müsse doch nicht warten, ich solle einfach klingeln! So geht´s also auch.
    Im Bus passe ich mich inzwischen den kurz und knapp formulierten Wünschen der anderen Fahrgäste an: Statt „einmal Alb.-Schw.-Str., bitte“ sag ich inzwischen „Albert Schweitzer!“, ohne bitte. Da liegt die Wortkargheit an den Kunden.
    Es gibt überall in der Service-Wüste so´ne und solche, aber leider prägen sich meistens die muffeligen ein, und die netten nimmt man als normal/selbstverständlich hin. 🙁

  3. Wie wahr das Ganze doch ist…
    In Nürnberg(der Stadt in der ich nun lebe), hat man allerdings zusätzlich noch mit der fränkischen Verkäufermentalität zu kämpfen.
    Nach dem Motto: Man will schliesslich – durch den Erwerb von Waren – etwas vom Verkäufer, nicht umgekehrt. So kann man auch in einer „echten“ Bäckerei oder Metzgerei einiges erleben. Nicht selten habe ich nur einen Bruchteil der Waren gekauft den ich eigentlich wollte, nur weil der/die Verkäufer/-in mir in einer geradezu feindseligen Weise begegnet ist.
    Gerade im Servicebereich schreit es im gesamten Bundesland nach erheblichen Verbesserungen!

  4. Wenn du mal wieder in einem Laden nicht beachtet wird – probier´s doch mal mit einem vernehmlich lauten Grüß Gott. Die ganz Harten probieren es einfach mit einem gebrüllten „Überfall“. Du wirst sehen das Personal läßt sich zügig blicken.
    Viel Spaß beim nächsten Einkauf.

    1. Im konkreten Fall kann man ja bei der Supermarktkassiererin die Bäckerin per Mikro ausrufen lassen. Fairerweise muss man aber sagen, dass die eingebaute „Bäckerei“ früher oft durch zwei Leute besetzt war. Jetzt muss eine einzige Kraft reichen. Wenn die eine Lieferung entgegen nimmt oder sonst was im Hintergrund machen muss, ist halt der Tresen durchaus mal länger unbesetzt. Also liegt es auch an den Arbeitsbedingungen.

Schreibe einen Kommentar zu Daniel Schuhmann Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.