Zum Schreien – die Kinderkrippe im eigenen Haus

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Was nicht als Geräusch, sondern als störender Lärm empfunden wird, fällt individuell sehr verschieden aus. Den einen stört der tropfende Wasserhahn, den anderen die Geräusche von Windrädern oder das quietschende Gartentor vom senilen Nachbarn. Verkehrslärm ist der schlechte Lärm, dieser darf stören. Kinderlärm ist der gute Lärm und niemand hat etwas gegen Kinderlärm, solange er nicht vor der eigenen Haustüre stattfindet. Gegen Verkehrslärm kann man viel machen und die technischen Möglichkeiten sind längst noch nicht ausgeschöpft. Das geht bei leiseren Automobilen los, die auf Flüsterasphalt hinter Erdwällen und Schallschutzwänden fahren, und hört bei Gegenschallanlagen auf, die den rollenden Verkehr fast vollständig ruhig stellen. Mindestens Letzteres ist noch weitgehend Zukunftsmusik, aber Musik kann ja auch stören.

Sicher kann auch Kinderlärm schrecklich unangenehm sein. Bei gleicher Lautstärke wird das Schreien von Kindern nicht von allen als angenehmer empfunden als Justins aufgepimptes Moped, mit dem der Kerl verbotenerweise dauernd um den Häuserblock kurvt. Kinderlärm ist sicher nicht der besserer Lärm, aber der natürlichere.

Was sind wir doch für eine feine Gesellschaft, in der Anwohner durchsetzen, dass die Kinder der Kita Marienkäfer hinter einer hohen Schallschutzwand verschwinden müssen oder nicht mehr im Garten, sondern nur noch drinnen spielen dürfen? Aber es geht noch besser: Nicht selten verhindern besorgte Anwohner auf dem Klageweg, dass Kitas überhaupt gebaut werden. Vielleicht baut man ja statt eines Spielplatzes dann einen Parkplatz, der hat ja wenigstens noch einen Sinn.

Aber auch wenn früher nicht alles besser war, könnte es das jetzt werden. Denn die Bundesregierung will jetzt den Kinderhassern den Marsch blasen. Kurzum: Gegen Kinderlärm soll man in Zukunft juristisch nicht mehr oder nur noch unter erheblich erschwerten Bedingungen vorgehen können und Kitas sollen auch in reinen Wohngebieten generell zulässig werden.

Ein paar Häuser von meinem Wohnhaus entfernt hat es die Bewohner eines Wohnblocks ganz hart getroffen (siehe Abbildungen). Im Erdgeschoss ist eine Kinderkrippe beheimatet. Die ungeliebte Kinderkrippe gibt also es nicht nur vor dem Haus, sondern auch im eigenen Haus. Das Erdgeschoss eignet sich prima dafür. Damit die Gören nicht auch noch im Hausflur lärmen und das Treppenhaus blockieren, hat man nun zwei zusätzliche Türen in die Außenwände eingesetzt. Da das Haus Neuperlach-typisch über Hochparterre verfügt, musste man auch noch zwei Treppen errichten. Schön sieht das alles nicht aus, was aber auch daran liegt, dass der gesamte Wohnblock mal saniert gehört.

Durch die künstliche, nachträglich vorgenommene Trennung zwischen der Kindereinrichtung und den übrigen Wohnungen werden also Beeinträchtigungen so gering wie möglich gehalten. Die Bewohner im ersten Stockwerk haben dank den dünnen Neuperlacher Deckenbetons sicher nicht mehr so viel Ruhe wie früher, aber hoffentlich die „Ruhe weg“, aber in den oberen Stockwerken dürfte die Einrichtung sich wie eine Art Black Box verhalten – da ist etwas, aber man kennt sein Inneres nicht und kriegt von dem Ganzen nicht viel mit.

Das Konzept, die Wohnungen im Erdgeschoss zusammenzulegen und in eine Kita mit eigenem Zugang umzuwandeln, könnte fallweise ein Modell für die Zukunft sein. Gerne, solange sie nicht das eigene Haus umbauen. Aber mal im Spaß: Mich stört Kinderlärm auch gelegentlich. Aber für mich ist es am wichtigsten, nachts Ruhe zu haben und schlafen zu können. Vor meinem Haus war ein Kindergarten, in dem es vormittags und mittags mitunter krakelenmäßig laut war. Dasselbe Gebäude wurde in den Nächten von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag regelmäßig für Privatpartys an Jugendliche und junge Erwachsene vermietet. Hier war bis zum Morgengrauen an Schlaf nicht mal zu denken. Man konnte nicht mal denken, an Schlaf zu denken. Dann doch lieber eine reine Kindertagesstätte. Und jetzt: Ruhe, bitte!

Kinderkrippe im Wohnblock
Der Wohnblock mit Kinderkrippe in der Totalen (16.01.2011) © Thomas Irlbeck
Kinderkrippe im Wohnblock
Etwas näher an der (Lärm?)quelle. Hier im Erdgeschoss ist die Kinderkrippe (16.01.2011) © Thomas Irlbeck
Kinderkrippe im Wohnblock
Einer der beiden zusätzlich errichteten Eingänge (16.01.2011) © Thomas Irlbeck
Kinderkrippe im Wohnblock
Und hier der zweite. Ist das Treppchen nicht schön elegant? (16.01.2011) © Thomas Irlbeck

Ein Gedanke zu „Zum Schreien – die Kinderkrippe im eigenen Haus“

  1. > Hier war bis zum Morgengrauen an Schlaf nicht mal zu denken.
    > Man konnte nicht mal denken, an Schlaf zu denken.

    Wärst halt mal rüber gekommen, wir hatten einen Heidenspass 🙂

    achherrje, ist das lange her …

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