Ich denke nicht, also bin ich

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Neuperlach.org verfolgt ja ein Motto: Immer mal was Neues wagen, denn immer gleiche Themen wie „Ladensterben im Marx-Zentrum“ werden irgendwann langweilig. Nun soll eine Buchbesprechung für Abwechslung sorgen. „Non cogito, ergo sum“ nennt Holger Junghardt sein Buch, auf Deutsch „Ich denke nicht, also bin ich“.

Junghardt beschreibt im ersten Teil unsere pervertierte Gesellschaft, was alles schief läuft. Wir züchten Tiere in Schlachtfabriken, um sie zu essen oder für Versuche zu verwenden (z.B. um Kosmetikartikel zu testen, die uns ewige Jugend und Schönheit bringen sollen), unser leistungsorientiertes Schulsystem ist ineffektiv, es gibt Kriminalität, Perspektivlosigkeit, die Religionen haben sich widersprechende Absolutheitsansprüche, Parteien dienen dem Selbstzweck, in der Erziehung läuft viel falsch, ebenso im Miteinander, speziell in Partnerschaften, im Beruf finden nur wenige Erfüllung und Freude, und mit immer mehr Bürokratie geht unendlich viel Zeit verloren. Zu allen erdenklichen Themen hat der Autor was zu sagen. Kurz und schonungslos rechnet er mit dem dekadenten System ab. Man hat den Eindruck, hier schreibt ein schlimmer Zyniker, der am Leben verzweifelt und gescheitert ist. Einige Aussagen erscheinen verächtlich, ausländer- und frauenfeindlich. Weisheiten wie

Insbesondere die Jugend fällt immer mehr durch Gewaltkriminalität auf. Dies ist vor allem verbreitet in Unterschichten, die sich in diesem Land ständig vermehren — der größte Reichtum des Prolet in seiner Kinderschar besteht.

würde man spontan Thilo Sarrazin zuschreiben. Junghardt erwähnt zwar nicht namentlich die Muslime, aber spricht von Unterschicht, von Migranten und von radikalen Religionen. Seine Botschaft ist die, dass die westliche Welt irgendwann auf den Stand der Dritten Welt zurückfällt, da die immer größer werdende Unterschicht das ganze System herunterzieht.

Die Aussage zur Gleichberechtigung der Frau ist unhaltbar:

Hierzu ((gemeint ist der Feminismus, der Verfasser)) ist zu sagen, dass die Mehrheit der Frauen für die Emanzipation ist, intelligente Frauen dieser jedoch gleichgültig gegenüberstehen.

Eine andere beleuchtet das Wahlverhalten der Frauen:

[…] wählen Frauen sehr gerne nach der Attraktivität eines Kandidaten, gleichsam wie in einem Wunschprogramm, um ihrem Helden später möglichst oft in Rundfunk und Fernsehen zu begegnen

Ich war mehrmals kurz davor, das Buch im hohen Bogen wegzuwerfen, war aber dann doch neugierig, welche Lösungen der Autor im zweiten Teil anzubieten hat.

Junghardt sieht das Problem in einer Überbetonung des Verstandes, der im Grunde genommen nur eine Art Computer ist und bei vielen Menschen, den Dummen, auch noch schlecht arbeitet, man könnte sagen, schlecht programmiert ist. Dieser Verstand blubbert den ganzen Tag, er ist ein Warner, die Quelle lähmender, schädlicher Ängste und der Ursprung allen Übels. Die wahre Freude, das Empfinden der Schönheit der Natur, ist mit einem verstimmten, dominierendem oder überhaupt einem aktivem Verstand nicht möglich. Tiere empfinden Freude in ihrer reinsten Form, eben weil ihnen der Verstand fehlt, sie sich nicht des Endlichen bewusst sind. Aber der Mensch sieht sich zu Unrecht als Krone der Schöpfung und spricht Tieren das Recht auf Leben ab.

Schlachtfabrik
Schlachtfabrik. Schweine haben ein Hundeleben, das man ihnen auch noch nimmt. Foto: Johannes Lietz / Lizenz siehe: flickr

Der Autor bietet ein paar relativ einfache Verhaltensweisen an, die fern jeder Ideologie und Institution sind. Nach der Goldenen Regel der Ethik („Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“), dem achtsamen Umgang, z.B. mit dem Leben und Konsum, und dem Ideal des Strebens nach Schmerzlosigkeit statt nach Genuss kommt Junghardt zum interessantesten Punkt. Der Mensch an sich ist halb komatös, er muss wieder wacher werden, sich selbst wahrnehmen und den Verstand auf seine nützliche Funktion zurückschrauben. „Ich denke, also bin ich“ (Descartes) wird als größer Irrtum der Menschheitsgeschichte entlarvt, folgerichtig kommt Junghardt zu seinem Titel. Das Besänftigen des Verstandes bedeutet eine ständige Arbeit, ein permanentes Training, das sich vor allem auf ein immer währendes Selbstbeobachten stützt. Selbstbewusstsein – in unserer Gesellschaft als Charakterstärke fehlgedeutet – wird zum Ursprung zurückgeführt – des Sich-selbst-bewusst-sein, der Mensch erkennt, dass er ist. Wut, Neid, Hass und weitere schlechte Eigenschaften verschwinden, und Konfusionen, die mitunter in Kriege ausarten können, werden vermieden. Alls ist mit allem verbunden, alles wird eins, weil es bereits eins ist. Wer würde sich zum Beispiel selbst den Arm abhacken? Bei anderen haben wir aber nicht diese Hemmungen, wenngleich sich das nicht immer martialisch manifestieren muss, subtilere Vergehen (Steuerbetrug, Ladendiebstahl) oder psychische Varianten (Mobbing etwa) sind nur andere Facetten einer scheinbaren Trennung. Wer anderen schadet, schadet ebenso sich selbst, ja in gewisser Weise nur sich selbst. Die Welt trägt jeder in sich, das Außen ist in Wahrheit nur ein Bild im Inneren, ein Produkt des Gehirns. Das Gegenüber, ob Freund oder Feind, ist eine Projektion, die in uns stattfindet. Der Beobachter ist das Beobachtete, man ist selbst die Welt.

Der erste unsägliche Teil des Buches erscheint auf einmal in einem anderen Licht. Man verzeiht dem Autor nicht nur seine Auswüchse, sie werden vielmehr absolut bedeutungslos. Fazit: Ein Buch zum Aufwachen.

Junghardt, Holger: Non cogito, ergo sum, BOD, Oktober 2010, Taschenbuch, ISBN 978-3839195307, EUR 7,90

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