104 % der BILD-Leser fordern, dass zu Guttenberg weiter als Arzt praktizieren darf

Werbung

Ich habe mich lange zumindest in diesem Blog zur Causa zu Guttenberg zurückgehalten. Nun aber muss ich gestehen, dass das, was die letzten Tage geschehen ist, mir regelrecht Angst macht. Dass nicht jeder weiß, wie viel Arbeit im Verfassen eines Werkes steckt, angefangen mit eigenen, zeitaufwändigen Untersuchungen über das Zusammentragen der Ergebnisse, der Auswertung derselbigen bis hin zu dem Ausformulieren des Textes, was immer erneute Überarbeitungen notwendig macht, mag noch klar erscheinen. Entsprechend halten es viele Leute nicht für so besonders verwerflich, sich fremde Texte zu bedienen, da ja schließlich fast jeder mal in der Schule gespickt habe. Dieses Verhalten sei auch dann offenbar so ganz einfach zu verzeihen, wenn dies der Erzielung des höchsten akademischen Grad, des Doktors, diene.

Das Krisenmanagement des Karl Theodor zu Guttenberg seine eigene Person betreffend war eine Katastrophe. Ein klares Schuldeingeständnis fehlt bis heute. Es sind die anderen, zu Guttenberg sieht sich als Opfer und gibt scheibchenweise nur das zu, was sich nicht mehr leugnen lässt. Den Überblick über die Quellen habe er verloren. Wie unter anderem ein Artikel aus der FAZ in die Einleitung gelangen konnte, die ja was Persönliches, Eigenes darstellen sollte, kann dadurch nicht erklärt werden. Ähnliches gilt für unzählige weitere Stellen. Jeder Autor erkennt seine selbst geschriebenen Texte auch noch nach Jahren, daher würde selbst eine Gedächtnisschwäche nicht als Erklärung infrage kommen, dass ein Fremdwerk auf einmal als selbst verfasster Text angesehen wird. Schludrigkeit, Stress und Überlastung können es also nicht gewesen sein. Die Kommission der Universität Bayreuth überprüft derzeit, ob bewusste Täuschung vorliegt. Aufgrund der erdrückenden Indizien wäre alles andere als eine Bestätigung des Vorwurfes eine absolute Überraschung.

Schreibst du noch, oder plagiierst du schon?

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
Selbstverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: Bundeswehr-Fotos / Lizenz siehe: flickr

Aber das alles ist es gar nicht. Besorgnis erregend ist vielmehr der monströse Personenkult. Da fordert nicht nur eine kaum zu beziffernde Masse an Leuten einen Rücktritt vom Rücktritt und geht dafür auf die Straße, sondern veranstaltet zudem eine Heldenverehrung, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wohl einzigartig in ihrem Ausmaß sein dürfte. Um einen adligen Popstar, der zu Guttenberg zweifellos war, geht es schon lange nicht mehr. Vielmehr hat man den Eindruck, eine Lichtgestalt wie Elvis Presley hätte ein zweites Mal das Zeitliche gesegnet. Folgerichtig fordert eine Facebook-Seite inzwischen gar die Heiligsprechung von Karl Theodor zu Guttenberg. Diese meint es aber ironisch. Bei einem solchen Ausmaß kann man sich nur mit Ironie wehren. Besonderen Humor haben aber auch noch andere, die den Hoax, zu Guttenberg hätte sich bei der Verkündung seines Rücktritts eines Zitats aus einem Star Trek-Film bedient, ohne die Quelle darzulegen, in die Welt gesetzt haben. Dem gingen zahllose Wortspiele und Witze voraus, beginnend mit „zu Googleberg“, über „Dr. plag. Guttenberg“ bis hin zur „Universität Buyreuth“. All das mag man noch lustig finden, aber die Diskussion darüber, wie schnell (nicht ob!) aus dem „Guttbye“ wieder ein Comeback werden kann, nimmt groteske Züge an, zumal sie sich nahtlos an den Rücktritt anschloss wie ein Copy & Paste dem nächsten. Einige seiner Fans fordern, er sollte nun als Geläuterter eine weitere Doktorarbeit schreiben, dieses Mal redlich und unter Führung eines Aktenordners, in dem alle Quellen aufbewahrt werden und der nicht in den Untiefen des adligen Schlosses mal eben ganz schnell verloren geht. Möglicher Titel, der zum Thema Jura passt: „Plagiate in der Wissenschaft“.

3 Gedanken zu „104 % der BILD-Leser fordern, dass zu Guttenberg weiter als Arzt praktizieren darf“

  1. Zitat: „In 20 Städten soll demonstriert werden. Irre.“

    Dem „Irre“ kann ich nur beipflichten.
    Ich finde es ehrlich gesagt entäuschend, daß sich hierfür Menschen finden um gemeinsam zu marschieren, während andere Themen – für die es sich lohnen würde zu „kämpfen“ – nur mit einem Achselzucken bedacht werden.
    Ich bin schon sehr lange nicht mehr über die Tatsache verwundert, daß die B*LD die meist konsumierte („die meist gelesene“ wäre hier wohl eher unangebracht)Zeitung Deutschlands ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.