Was am Krankheitssystem nicht gesund ist – oder „Immer der Reihe nach“

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Wegen einer Erkrankung, die hier nicht weiter von Belang ist, muss ich seit knapp 20 Jahren alle 2 bis 3 Wochen, bei schwankenden Werten auch schon mal jede Woche oder zweimal die Woche, zur Blutuntersuchung bei einem Neuperlacher Arzt. Die eigentliche Blutabnahme dauert dank meiner guten Venen nur wenige Sekunden. Klar, dass ich nicht einfach so beim Arzt auftauchen kann, dieser alles stehen und liegen lässt, um mir schnell Blut abzunehmen. Also heißt es erst einmal beim Empfang anstellen. Vor mir in der Schlange laufen die unterschiedlichsten Diskussionen. Einer muss ins Spital und braucht eine OP-Vorbereitung. Der andere will ein Rezept. Da das gewünschte Medikament aber nicht in seiner Krankenakte verzeichnet ist,gibt es da ein Problem. Er soll zunächst in die Sprechstunde, will aber nicht. Bei der nächsten Patientin gibt es gewisse Sprachschwierigkeiten. Neuperlach ist halt international. Bei allen, die auch zur Blutuntersuchung möchten, zähle ich mit. Ich weiß, dass sich meine Wartezeit mit jedem gleichgesinnten Patienten um 10 bis „nach oben offen“ Minuten erhöhen wird, je nach Venenzustand, Neurosen oder Hang zu Ohnmachtsanfällen. Bei jedem zusätzlichen Blutabnahmewunsch verschlechtert sich meine Laune. Endlich bin ich dran. Nein, nicht zur Blutabnahme, sondern beim Vorsprechen am Tresen. Man schickt mich in den Wartebereich. Die Stühle dort sind hart, aber erst nach einer Stunde schmerzt der Allerwerteste. Endlich werde ich aufgerufen. Unter einer Stunde komme ich selten raus, manchmal sind es zwei, der Rekord war mal drei einhalb. Und das für einen kurzen Pieks.

Arzt
So sieht ein Arzt des Vertrauens aus. Foto: aeu04117 / Lizenz siehe: flickr

Mir ist klar, dass ein solches Prozedere sein muss, denn es kann für niemand eine Extrawurst geben. Doch der Rest ist ärgerlich. Um 16:45 des gleichen Tages erwartet man mich, um das Ergebnis abzuholen. Doch oft weiß man erst einmal gar nicht, um was es geht. Ich weise darauf hin, dass das Labor die Ergebnisse per Fax sendet. Es wird nach dem Fax geforscht. Eine Polarforschung ist auch aufwändig. Oft werde ich dann noch einmal für eine halbe Stunde oder eine Stunde in den Wartebereich verfrachtet, weil ja alles der Reihe nach gehen muss.

Blutuntersuchung
Das Blut wird fachmännisch im Labor untersucht. Foto: MikeBlyth / Lizenz siehe: flickr

Viel sinnvoller wäre es, wenn mir der Arzt in aller Ruhe das Ergebnis telefonisch oder per E-Mail mitteilen würde. Wer jetzt meint, dies wäre zu unsicher, dem sei gesagt, auch in einem persönlichen Gespräch vor Ort kann es zu Verwechslungen und Missverständnissen kommen. Ein Zeitgewinn wäre für den Arzt durchaus vorhanden, er könnte alle Mitteilungen in einem Arbeitsschritt versenden und dabei alles noch einmal kontrollieren. Der Stress wäre weg. Für mich wäre der Zeitvorteil sehr groß und es wäre nicht der gesamte Tag verplant. Ich bräuchte abends nur ganz gemütlich die entsprechende E-Mail öffnen. Versuche, das auf telefonischer Weise zu erledigen, gab es. Doch leider hat sich dies überhaupt nicht bewährt, sodass ich nun wieder die Praxis persönlich aufsuche. Auch ein Wechsel des Arztes würde wohl nichts bringen, da es nicht unwahrscheinlich ist, dass alles noch schlechter werden würde, und ich mit dem Arzt an sich ja sehr zufrieden bin. Daher werde ich auch in Zukunft immer wieder hören „Der Nächste bitte“, aber meist wird ein anderer gemeint sein und ich darf weiter warten. Das Beispiel zeigt aber, dass vieles an der Organisation in Arztpraxen optimiert werden und auch ein Einsatz neuer Medien – wenngleich E-Mail wahrlich nicht mehr wirklich neu ist – die Effizienz erhöhen und den Stress reduzieren könnte. Und Stress ist ja bekanntlich ungesund.

4 Gedanken zu „Was am Krankheitssystem nicht gesund ist – oder „Immer der Reihe nach““

  1. Dein Bericht erinnert mich stark an meinen früheren Hausarzt. Alles immer schön der Reihe nach, egal ob Termin oder nicht. Die Folge: keiner ließ sich mehr einen Termin geben. Unter anderthalb Stunden bin ich dort selten rausgekommen, meist waren es sogar zwei Stunden und länger. Lediglich die Blutentnahme ging ein wenig schneller. Das war in etwa 45-60 Minuten erledigt.

    Das und ein weiterer Grund hat mich veranlasst den anderen Hausarzt auszuprobieren (bei mir auf dem Dorf ist die Auswahl ja nicht groß). Seitdem habe ich wieder grundsätzlich Termine: da komme ich schnell dran und bin allerspätestens nach einer Stunde wieder raus. Zur Blutentnahme geh ich ohne Termin, bin aber auch dann innerhalb von 15 Minuten wieder aus der Praxis verschwunden – inklusive Termin zur Blutwertbesprechung.

    Der Arztwechsel war für mich sehr positiv, auch wenn ich lange hinüberlegt und meine Bedenken hatte. Aber Zeit ist kostbar und ich habe noch andere Interessen als meine Lebenszeit in Wartezimmern zu verbringen. Und mein jetziger Arzt ist auch nicht schlechter und geniesst das gleiche Vertrauen von meiner Seite.

  2. Sehr schöne Schilderung eines Arztbesuchs! Das ergeht mir ähnlich, wenn auch seltener – zum Glück.

    Zitat:
    „Wer jetzt meint, dies wäre zu unsicher, dem sei gesagt, auch in einem persönlichen Gespräch vor Ort kann es zu Verwechslungen und Missverständnissen kommen.“

    – Geht es hierbei nicht auch um Sicherheit und Datenschutz? Ich denke dies spielt in diesem Zusammenhang schon eine bedeutende Rolle, aber praktisch wäre es sicherlich. Aber das ist mehr eine Frage als eine Anmerkung, da ich mich nicht eingehend mit diesem Thema befasst habe.
    Die Post bietet ja seit einiger Zeit einen angeblich sicheren Service an, natürlich kostenpflichtig…dennoch eine Überlegung wert, dies wäre für eine Arztpraxis durchaus eine Entlastung.

    1. Geht es hierbei nicht auch um Sicherheit und Datenschutz? Ich denke dies spielt in diesem Zusammenhang schon eine bedeutende Rolle, aber praktisch wäre es sicherlich. Aber das ist mehr eine Frage als eine Anmerkung, da ich mich nicht eingehend mit diesem Thema befasst habe.

      Generell nehmen es viele Ärzte nicht so genau mit Sicherheit und Datenschutz. Vermutlich würde man von so manchem Arzt problemlos am Telefon Auskunft erhalten, wenn man angibt, man sei ein naher Verwandter oder eine Vertrauensperson eines Patienten. Eine E-Mail, die direkt an den Patienten geht, sehe ich auch ohne Verschlüsselung und digitale Unterschrift nicht kritischer an als so manche geschäftliche E-Mails, wo auch nur allzu oft auf so etwas verzichtet wird. Verschlüsselung und digitale Unterschrift bei E-Mails könnten die Ärzte sicher einführen, die meisten dürften aber andere Probleme haben, als sich um so was zu kümmern. Der Stress dort ist ja bei so manchem Arzt so hoch, dass man nach zwei Minuten schon wieder aus dem Sprechzimmer geworfen wird, ohne alle seine gesundheitsbezogenen Fragen gestellt zu haben. Da würde für einen Optimierungsvorschlag keine Zeit mehr bleiben.

  3. Lang lebe die Dreiklassenmedizin. Als Privatpatient würde sich deine Situation sicherlich anders darstellen. Als normaler Kassenpatient bist du halt für deinen Arzt nicht wirklich lukrativ. Die Kaufmänner in den weißen Kitteln (ich verallgemeinere) werden allerdings von den gestetzlichen Kassen wirklich schlecht honoriert. Ohne Privatpatienten kann leider keine Praxis überleben und somit ist eine Vorzugsbehandlung nachzuvollziehen. Solange also unser Gesundheitsystem in drei Klassen aufgeteilt (gesetzlich mit Kartenabrechnung, gesetzlich als Selbstzahler und Privatpatienten) ist wird sich an der jetzigen Situation nichts ändern. Es wird nicht besser werden!

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