Stempeln gehen – einfach kompliziert, der MVV-Tarif!

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Trambahnhaltestelle Neuperlach Nord. Um 1980, kurz vor Einstellung der Trambahn. In den 1970er-Jahren stieg ich hier sehr oft ein, um in die Innenstadt zu fahren. Doch ich variierte die Fahrtwege des Öfteren. Immer legal? Fotograf: Peter Bauer. Mit freundlicher Genehmigung der Freunde des Münchner Trambahnmuseums e. V.

Schon seit Jahrzehnten beschäftigt mich immer wieder ein und dieselbe Frage. Wenn ich mit dem MVV per Streifenfahrkarte oder Einzelfahrkarte ein Fahrziel ansteuere, muss ich dann den direkten Fahrweg nehmen, darf ich Umwege fahren? Und was ist überhaupt der direkte Fahrtweg? Wann also ist diese Fahrt im Sinne der Tarifbestimmungen erlaubt und wann nicht? Bereits als kleiner Bub stellte ich mir die Frage (den MVV gab es damals schon, genauer seit dem 05.04.1971). Meine Eltern sagten mir, ich dürfe nicht wieder zurückfahren oder Umwege fahren, ohne neu zu stempeln.

Als Kind ist man ja besonders neugierig und so wurden immer mal wieder Fahrten mit anderen Linien und Verkehrsmitteln ausprobiert, auch wenn die Fahrt dann länger dauerte. Aber als Kind hat man die Zeit und so genoss ich des Öfteren die Fahrt mit dem Trämli vom Ostbahnhof zum Stachus. Man sieht einfach von München an der Oberfläche mehr als mit der S-Bahn im Tunnel.

MVV-Einzelfahrkarte
Eine MVV-Einzelfahrkarte. Ist der MVV-Tarif kompliziert? Foto: hcii / Lizenz siehe: flickr

Aber sind solche Fahrten überhaupt zulässig? Im konkreten Fall waren dies keine großartigen Umwege, die Streckenlängen dürften nur mäßig abweichen. Die Divergenz ist hier eher zeitlich zu sehen. Ich ging davon aus, dass meine Fahrten legal seien, aber war mir nie ganz sicher.

Was aber ist, wenn man doch einen (kleinen) Umweg einbaut, etwa just for fun oder weil man irgendwas irgendwann irgendwo abholen muss und dieses Irgendwo nicht genau auf dem Weg liegt, sondern irgendwo im Nirgendwo? Ist das erlaubt oder führt die Fahrt ins Gefängnis? Diese Frage beschäftigte mich immer wieder und wieder.

Natürlich habe ich in jungen Erwachsenenjahren genau die Tarif- und Beförderungsbestimmungen des MVV studiert: Diese sagen Folgendes:

Einzelfahrkarten berechtigen zur Fahrt über die der Preisstufe der Fahrkarte entsprechende Anzahl von Zonen in Richtung auf das Fahrtziel mit beliebiger Unterbrechungs- und Umsteigemöglichkeit. Beim Unterbrechen oder Umsteigen kann die Fahrt auch von einer dem Ziel näher gelegenen Haltestelle aus fortgesetzt werden. Rück- oder Rundfahrten sind nicht gestattet.

Dass Umwege verboten sind, steht da nicht. Nur Rück- und Rundfahrten. Aber es gibt auch so etwas wie gefühlte Rück- und Rundfahrten. Nehmen wir mal zwei Fälle.

Ein extremes und ein weniger extremes Beispiel

A) Quiddestraße – Innsbrucker Ring per U5, dann Innsbrucker Ring – Hauptbahnhof per U2, zurück dann mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof zum Truderinger Bahnhof und weiter mit dem Bus 139 zur Corinthstraße (liegt in der Nähe der Quiddestraße). Eine Kreuzung liegt in diesem Beispiel nicht vor, Ausgangs- und Zielhaltestelle sind verschieden. Streng mathematisch ist dies keine Rück- oder Rundfahrt, gefühlt aber schon. Schließlich könnte man eine Einkaufsfahrt in die Stadt unternehmen und sich trickreich (?) einmal das Stempeln und damit Geld, wenn man das in 3 Stunden schafft. Erlaubt? Wohl kaum. Oder etwa doch?

B) Isartor – Ostbahnhof mit der S-Bahn und weiter mit der U-Bahn zum Max-Weber-Platz. Auch dies ist streng mathematisch keine Rück- oder Rundfahrt, allerdings wechselt man beim Umsteigen am Ostbahnhof optisch die Fahrtrichtung, man fährt in die fast entgegengesetzte Richtung quasi wieder zurück. Erlaubt?

Irgendwie kam ich nie dazu, der Sache mal ganz genau auf den Grund zu gehen. Doch was lange währt, wird endlich gut, jetzt habe eine Anfrage beim MVV gestellt. Die Antwort ist für mich etwas überraschend, die Kriterien sind doch strenger, als ich es gedacht habe.

Die Antwort des MVV

Nach den Bestimmungen des MVV-Gemeinschaftstarifs berechtigen Fahrkarten des Zonentarifs (Einzel- und Mehrfahrtenkarten) zur Fahrt innerhalb ihres örtlichen Geltungsbereiches in Richtung auf das Fahrtziel. Dies bedeutet, dass stets der streckenmäßig kürzeste Fahrtweg zu wählen ist. Abweichungen von diesem direkten Fahrtweg sind nur dann erlaubt, wenn durch die Benutzung von schnelleren Verkehrsmitteln (S-Bahn, U-Bahn) ein Zeitgewinn erreicht werden kann, oder wenn dadurch ohne Zeitverlust weniger oft oder barrierefrei umgestiegen werden muss/kann.

Rückfahrten sind Fahrten in Richtung auf den Ausgangspunkt der selben Strecke, die bei der Hinfahrt benutzt wurde. Beispiel: Isartor – Ostbahnhof – Rosenheimer Platz Rundfahrten sind Fahrten, die beispielsweise a) auf einem anderen Weg zum Ausgangspunkt zurückführen; b) die zu einem Punkt führen, der nahe dem Ausgangspunkt liegt oder c) die zu einem Fahrziel führen, das bereits mit der Hinfahrt hätte erreicht werden können.

Beispiel A: Quiddestraße – Innsbrucker Ring per U5, dann Innsbrucker Ring – Hauptbahnhof per U2, zurück dann mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof zum Truderinger Bahnhof und weiter mit dem Bus 139 zur Corinthstraße (liegt in der Nähe der Quiddestraße) ist definitiv eine Rundfahrt. Dieser Fahrtwunsch führt zu einem Ziel, der nahe dem Ausgangspunkt liegt.

Beispiel B: Isartor – Ostbahnhof mit der S-Bahn und weiter mit der U-Bahn zum Max-Weber-Platz ist keine Rundfahrt. In unserer elektronischen Fahrplanauskunft (EFA) wird die Fahrstrecke über den Ostbahnhof beauskunftet und ist somit zur Fahrt gültig.

Eine Faustregel gibt es jedoch nicht. Grundsätzlich gilt: Wenn eine Verbindung von der EFA mit Fahrpreis angezeigt wird, kann diese zur Fahrt genutzt werden. Absichtlich gewählte Umwege werden von der EFA ohne Preisangabe berechnet. Diese Fahrtmöglichkeiten entsprechen dann nicht der tariflichen Regelung „….. in Richtung auf das Fahrtziel …..“.

Wir hoffen, wir konnten Ihre Frage beantworten, stehen aber für noch eventuell auftretende Rückfragen gerne zur Verfügung. Die verspätete Beantwortung Ihre Anfrage bitten wir zu entschuldigen.

Gedanken zur Antwort

Es ist also der streckenmäßig kürzeste Fahrtweg zu wählen. Abweichungen davon sind nur erlaubt, wenn ein Zeitgewinn mit einem schnelleren Verkehrsmittel erzielt werden kann oder wenn dadurch ohne Zeitverlust weniger oft oder barrierefrei umgestiegen werden muss/kann.

Meines Erachtens ist das aber keine wirklich hundertprozentig präzise Definition, da der Fahrgast überfordert sein dürfte, den streckenmäßig bzw. zeitlich kürzesten Weg in jedem Fall zu kennen und entsprechend zu wählen. Die Streckenlänge ist ja gar nicht genau per Meter ausgewiesen (Fahrplan, Verkehrslinienplan etc.), sondern ergibt sich vor allem optisch und gefühlt – als wahrscheinliche Annahme. Die Fahrtzeit ist zumindest per Fahrplan definiert, kann aber bereits fahrplanmäßig von der Tageszeit abhängen. (Dazu kommen nicht planbare Unterschiede wie ein Trämli, das im Stau stecken bleibt, die wir aber mal ignorieren.) Allerdings denke ich, dass wer nach bestem Wissen und Gewissen von A nach B fährt und nicht absichtlich Umwege dabei macht, nichts zu befürchten hat. Eine Gewissheit ist dies aber nicht. Meiner Interpretation nach gibt es außerdem viele Grenzfälle.

Auch der Hinweis auf die elektronische Fahrplanauskunft (EFA), die Sicherheit bringen soll/kann: Diese gab es früher nicht und auch heutzutage verwendet die ja nicht jeder (weil er das nicht will oder kann).

Somit bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack. Warum müssen die Bestimmungen so kompliziert sein? Warum ist die Antwort vom MVV viel präziser (und komplizierter) als in den gedruckten Bestimmungen, die jeder einsehen kann? Schließlich kann man ja nicht vor Fahrtantritt eine schriftliche Anfrage an den MVV stellen, welche die eigenen Bestimmungen (ob rechtssicher oder nicht, soll jetzt nicht näher erörtert werden) interpretiert und weitschweifiger darlegt.

Trotz weiterer Unsicherheit und etwaiger Grenzfälle habe ich aber seit ein paar Jahren kein Problem mehr: Mit meiner „MVV-Flatrate“ IsarCard fahre ich unabhängig vom Zonentarif, und Rück- sowie Rundfahrten sind ausdrücklich erlaubt. Es geht also auch einfach.

5 Gedanken zu „Stempeln gehen – einfach kompliziert, der MVV-Tarif!“

  1. Du hast noch Antwort vom MVV bekommen? Respekt. Meine Anfrage bezüglich eines Tickets für den Übergang in die 1. Wagenklasse – wie in den Tarifbestimmungen vorgesehen – ist bereits zweimal vom MVV sowie auch von der DB unbeantwortet geblieben. Vermutlich weiß man selbst keine Antwort.

    Den Hinweis vom MVV auf EFA halte ich auch durchaus für sehr gewagt. Wenn man weiß wie, kann man sich EFA schon ziemlich genau hindrehen, wie man es braucht – inklusive Preisangabe und Diskussionen zwischen „Freak“ und Kontrollschaffner. Aber mit solchen Einzelheiten muss sich der MVV ja auch nicht rumschlagen – kontrolliert wird durch die Verkehrsunternehmen.

    1. Warum sich mit den Kontrolleuren rumschlagen. Mit der Rückmeldung und einen Efa Screenshot dürfte sich die Sache im Kundencenter recht schnell erledigen.

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