Die Abstimmung: Müll in die Müllhäuser oder Müllhäuser auf den Müll?

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Betrieb auf dem Mülltonnenspielplatz
Hier stehen die Tonnen, damit die Kleinen schon früh die Geheimnisse der Mülltrennung kennen lernen (Archivbild) © Thomas Irlbeck

Vor über zwei Monaten haben die Mülltonnen meiner Wohnanlage am Karl-Marx-Ring eine neue Bleibe gefunden. Sie stehen nicht mehr in den Müllräumen im Keller, sondern in zwei Gruppen am Kinderspielplatz und an der Freifläche an der Tischtennisplatte. Der Grund ist, dass der TÜV Süd die Mülltonnenaufzüge stilllegte. Das hat zur Folge, dass die Müllräume im Keller und auch die Müllabwurfschächte nicht mehr benutzt werden können, da es keine praktikable Möglichkeit mehr gibt, die Tonnen zwecks Entleerung an die Oberfläche zu befördern.

AnwALT eingeschALTet

Eigentlich sollte schon im Januar dieses Jahres das Thema behandelt werden, doch erst heute wurde auf einer außerordentlichen Eigentümerversammlung das Thema recycelt, nachdem man schon im November darüber gesprochen hatte. Ein Eigentümer hat einen Anwalt mitgebracht, der ihn unterstützen soll, den Bau von Müllhäusern zu verhindern. Der Anwalt ist schlau vorgegangen. Er hat schon vor Tagen ein umfassendes Schreiben an die Eigentümer herausgeschickt, aber diejenigen Eigentümer dabei übergangen, die verdächtigt werden, für den Bau von Müllhäusern stimmen zu wollen. Damit will er offenbar im „richtigen“ Lager einen Informationsvorsprung halten und nicht den Gegnern in die Hände spielen.

Ich bin ja der Auffassung, dass man was Bestehendes, das sich bewährt hat, reparieren und nicht für viel Geld stilllegen sollte, um nachher weniger zu haben als vorher. Ich bin also dafür, die Mülltonnenaufzüge zu sanieren. Zwar würde es mir nichts ausmachen, den Müll quer durch die Gartenanlage zu einem Mülltonnenhaus zu tragen. Aber es muss auch nicht sein, was nicht sein muss.

Teuer, teuer…

Ich werde aber den Eindruck nicht los, dass Verwalter und Beirat ganz massiv auf den Bau zweier Müllhäuser und für die Stilllegung der Müllabwurfschächte und der Mülltonnenaufzüge drängten. Schließlich seien Müllhäuser nicht nur in Neuperlach absoluter Standard und Müllabwurfschächte nicht mehr zeitgemäß oder gar illegal. Am Anfang sah es noch so aus, dass eine Sanierung der Mülltonnenaufzüge mindestens 300.000 EUR kosten würde, die Müllhäuser aber für „nur“ 150.000 EUR zu haben seien. Doch in Wahrheit ist die Sanierung der Mülltonnenaufzüge schon für ca. 126.000 EUR im Angebot, eine Erneuerung für ca. 165.000 EUR. Die Müllhäuser schlagen dagegen mit ca. 180.000 EUR zu Buche. In den Preisen sind jeweils alle erforderlichen Maßnahmen enthalten. So muss bei der Mülltonnenaufzugsanierung/-erneuerung in eines der Häuser eine Sprinkleranlage eingebaut werden, da es sich formal um ein Hochhaus handelt. Bei den anderen, niedrigeren Häusern ist es nicht notwendig. Im Übrigen erkennt man echte Hochhäuser daran, dass sie nicht über ein normales Treppenhaus, sondern über ein abgeschirmtes Fluchttreppenhaus verfügen. Das ist normalerweise ab 9 Stockwerken der Fall. Im Preis inbegriffen ist auch eine Abdichtung der Müllabwurfklappen im Hochhaus. In den anderen Häusern ist diese aus dem gleichen Grund nicht erforderlich.

In Verbindung mit dem Müllhausbau müssen natürlich die Müllabwurfschächte stillgelegt werden, hier rechnet man mit 12.000 EUR. Viel Geld, um danach etwas nicht mehr zu haben. 180.000 EUR sind natürlich eine richtige Stange Geld für zwei profane Müllhäuschen. Man bekommt eine recht schöne Wohnung für so viel Kohle, und das in München. Daher kam die Idee auf, keine Müllhäuser, sondern nur eingegitterte Müllstellplätze zu errichten. Ohne Dach mit abschließbarem Tor. Das gibt es für rund 62.000 EUR. Das ist aber eine Lösung, die auch kaum überzeugt, denn wer will schon bei Regen den Müll einwerfen? Mit einer Hand hält man den Schirm, mit der anderen den Deckel hoch und der Müllsack fliegt von alleine in die Tonne.

Daher spricht eigentlich viel für die Sanierung oder Erneuerung der Mülltonnenaufzüge, auch wenn die dachlosen Müllhäuser unschlagbar sind in ihrer preislichen Gestaltung. Daher ging ich davon aus, dass es zwischen diesen beiden Vorschlägen zu einer knappen Abstimmung mit viel Emotionen und Wortbeiträgen kommen würde.

Doch es kommt ganz anders: Zwar redetet der Anwalt viel und gut, weiß immer eine Antwort und stellt von der Gegenseite alles infrage. Er ist gut vorbereitet. Er scheint sogar die Abmaße jeder Mülltonnennorm zu kennen. Doch ab einem Punkt verliert er schlagartig seine Rolle, nämlich, als es in Richtung Abstimmung geht. Die Verwalterin weist überraschend darauf hin, dass laut einem Gerichtsurteil eine Eigentümerversammlung gar nicht befugt sei, einen Beschluss zur Stilllegung der Müllabwurfschächte zu fassen. Sie hätte das bislang auch nicht gewusst. Dennoch könne man Müllhäuser bauen. Prinzipiell. Zu meiner Verblüffung erfahre ich, dass man auch über die Müllhauspläne nicht abstimmen werde. Denn es handele sich um eine größere bauliche Veränderung, für den man unbedingt einen einstimmigen Beschluss brauche. Da aber ein solcher niemals erzielt werden könne, da im Vorfeld Eigentümer angekündigt hatten, auf jeden Fall gegen Müllhäuser zu stimmen, sei jeder Versuch sinnlos. Drei wunderschöne Vorschläge für Müllhäuser waren umsonst ausgearbeitet worden. Wenn man das früher gewusst hätte, hätte man sich die Arbeit…

Von 6 Abstimmungspunkten bleiben noch 2 – das macht die Sache einfacher, aber nicht einfach

So blieben nur noch die Sanierung und die Erneuerung (Neubau) der Mülltonnenaufzüge als Abstimmungspunkte1. Einige wenige wollen das nicht wahrhaben und kämpfen aussichtslos weiterhin für die Müllstandplätze. Ein Wutredner, der sich dafür einsetzt, wohnt offenbar gar nicht selbst in der Anlage. Dann will man natürlich als Vermieter die Kosten so niedrig wie möglich halten. Aber es hilft alles nichts, die Müllhauspläne sind schon längst im Reißwolf – rein gedanklich versteht sich.

Die Mülltonnenaufzüge (rechts hinten im Bild) werden nun doch erneuert (Archivbild) © Thomas Irlbeck

Eine Handabstimmung ergibt zunächst ein relativ knappes „Ja“ für die Sanierung der Mülltonnenaufzüge. Da aber ein Eigentümer nicht genau eine Stimme hat, sondern Stimmanteile gemäß seiner Wohnfläche, muss bei knappen Ergebnissen schriftlich abgestimmt werden. Nun aber verfehlt der Vorschlag überraschend die Mehrheit und es gibt auch Enthaltungen, die bei der Handabstimmung nicht vorhanden waren. Der Vorschlag, die Mülltonnenaufzüge erneuern zu lassen, bekommt dann die Mehrheit. In allen Häusern werden auch die Müllabwurfschächte allen Unkenrufen zum Trotz wieder in Betrieb gehen. Im Endeffekt haben sich hier vielleicht nicht Vernunft und monetäre Abwägung durchgesetzt, sondern die Sachzwänge. Mit dem Ergebnis werden aber die meisten leben können. In ein paar Monaten, wenn der Sommer vorbei ist, wird es auch wieder einen Spielplatz geben, den man nicht wie jetzt in die Tonne treten kann.

1Die Sanierung hat den Nachteil, dass geringfügig höhere Müllgebühren anfallen (pro Eigentümer typischerweise 3,50 EUR im Jahr), da kleinere Tonnen verwendet werden müssen. (Der Anwalt bestreitet, dass die großen Tonnen nicht passen.) Außerdem ist zu befürchten, dass man für den sanierten Aufzug in ein paar Jahren keine Ersatzteile mehr bekommt. Da ist ein neu gebauter Aufzug im Vorteil, der auch garantiert die großen Tonnen aufnehmen kann.

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