„Dieses Rattenloch ist kein Zuhause“

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Marx-Zentrum mit Alpenpanorama © Jörg Lutz

Es gibt Filme, die sieht man sich nur an, weil sie direkt vor der eigenen Haustüre gedreht wurden. Im Marx-Zentrum. „Das beste Jahr meines Lebens“ ist so ein Film, der vor kurzem im SWR wiederholt wurde und auch auf DVD erhältlich ist. Ausgerechnet auf der Geburtstagsfeier von Laura (gespielt von Christine Neubauer) wird ihr Mann Niklas (Huub Stapel) verhaftet. Der Vorwurf: Kreditbetrug. Es gebe eine anonyme Anzeige, heißt es. Am Anfang glaubt Laura nur an ein großes Missverständnis, doch mit jeder Filmminute spitzt sich die Lage zu. Zunächst muss Laura ihren Luxus aufgeben. Die Möbelfirma ihres Mannes ist pleite. Auch das luxuriöse Haus ist futsch. Laura zieht mit ihren beiden Kindern ins Marx-Zentrum, das offenbar eine Entsorgungsstätte für gescheiterte Reiche ist (siehe TV-Serie Arme Millionäre). Sohn und Tochter sind von dem heruntergekommenen Hochhausblock gar nicht begeistert. Das Filmteam half ein wenig nach, um von vornherein eine mögliche Neuperlach-Liebe zu verhindern – beim Einzug werden sie von einem übel hustenden Penner begrüßt. Die Tochter bezeichnet das Marx-Zentrum als „Rattenloch“.

In „Das beste Jahr meines Lebens“ bezieht sich das „beste“ nicht aufs Marx-Zentrum – im Gegenteil

Die Kinder rebellieren zunächst, fügen sich aber letztendlich. Laura freundet sich mit ihrer allein lebenden Nachbarin Ziggy (Sandra Borgmann) an. Die unkonventionelle Frau, die ihr Geld mit Taxifahren und Telefonsex verdient, bringt Laura auf neue Gedanken und findet auch einen Bezug zu den Kindern. Nachdem Laura es auch mit dem Taxifahren versucht hatte, was mit einem kleinen alkoholbedingten Unfall ein jähes Ende fand, tritt Laura einen Job als Bedienung in dem verlotterten italienischen Lokal „La Grotta“ an, das irgendwo in der Innenstadt liegt. Dort wird sie vom Koch angegrabscht. Der ihr zur Hilfe eilende Arbeitskollege Robert (Nicki von Tempelhoff), mit dem sie später eine Affäre haben wird, befördert ihn mit einem mächtigen Faustschlag ins Spital. Der Koch fällt erst einmal für längere Zeit aus. Das ist die Chance für Laura und spätestens jetzt wird es arg kitschig. Laura steigt zur Küchenchefin auf und bringt mit Talent und Vollweib-Einsatz das Lokal wieder auf Vordermann. Währenddessen findet Laura heraus, dass ihr Mann nicht nur die Banken betrogen hatte, sondern auch sie. Er hatte ein Verhältnis mit seiner Sekretärin. Aber auch das wirft sie nur kurz aus der Bahn.

Der Film ist größtenteils vorhersehbar, und wo er das nicht ist, ist er nicht immer ganz logisch und glaubwürdig. Als Laura die Geliebte zur Rede stellt, gibt diese innerhalb von Sekunden nicht nur die Affäre zu, sondern auch ohne Not und ohne zu zögern, hinter der anonymen Anzeige zu stecken, als Rache, weil Niklas sich nicht ganz für sie entscheiden wollte und eine Trennung von Laura ablehnte.

Christine Neubauer bekommt 2008 den BAMBI
Christine Neubauer lobt im Film die herrliche Aussicht, die man von den oberen Stockwerken im Marx-Zentrum hat. Foto: BAMBI 2010 / Lizenz siehe: flickr

Letztlich ist der Film nur eine auf Zelluloid gebannte Trivialliteratur-Schnulze mit schwülstigem Happy-End. Die Charaktere folgen einer strikten Gut-Böse-Einteilung. Witzige Elemente, die den Film noch in eine Komödie retten könnten, findet man so gut wie keine, es sei denn, man interpretiert abgedroschene Szenen, etwa die, in der Lauras spießige, reiche Freundin Helene (Andrea L’Arronge) zufällig zum Taxifahrgast wird, als irgendwie komisch. Oder die Einstellung, in der Laura an ihrem ehemaligen Wohnhaus vorbeifährt und wehmütig das Schild „Zu verkaufen“ entdeckt.

Keine Negativdarstellungen mehr erlaubt

Der Film entstand bereits 2005, damals durfte im Marx-Zentrum noch ungehemmt gedreht werden. Heute darf per Eigentümerbeschluss das Marx-Zentrum nicht mehr negativ dargestellt werden. Generell treffen hier künstlerische Freiheit und die Interessen der Eigentümer und Bewohner aufeinander.

Ich habe selbst im Marx-Zentrum gewohnt. Ich zog 1974 dorthin, da war das Marx-Zentrum noch eine halbe Baustelle; als 8-Jähriger sah ich damals mit Freude den Bauarbeitern zu, die die letzten Arbeiten erledigten. So waren die Fußgänger- und Lieferbereiche noch nicht gepflastert und es war noch kein Laden fertiggestellt. Auf dem nahe gelegenen Sportplatz gab es aber Baracken mit Einkaufsmöglichkeiten. Heute lebe ich in einem Wohnblock, der fast derselben Architektur unterliegt, also auch „hübsch“ mit schwarzen Platten verkleidet ist. Er schließt sich nahtlos, ohne dass auch nur ein Zentimeter dazwischen wäre, an das Marx-Zentrum an. Man könnte den Bau als eine Art Erweiterung des Marx-Zentrum sehen, der Schönheitsfehler liegt jedoch darin, dass er bereits ein paar Jahre vor dem Marx-Zentrum entstand, so gesehen ist das Marx-Zentrum eher eine Erweiterung meines Wohnblocks. Formal sind beide Wohnanlagen getrennt. Weitere Bauten mit der gleichen Architektur gibt es in Neuperlach keine. Damit will ich sagen, die Bezeichnung „Rattenloch“ trifft mich ebenso. Immerhin werden die Bezeichnungen „Marx-Zentrum“ und irgendwelche Straßennamen im Film weder erwähnt, noch sind entsprechende Schilder zu sehen. Das verringert die Chance, dass man sich am Tag nach solchen Filmausstrahlungen bei Arbeitskollegen und Bekannten für sein Zuhause rechtfertigen muss. Allerdings fällt der Name Neuperlach mehrere Male. Ich habe Verständnis, dass Bewohner sich über solche Negativdarstellungen ärgern. Meinen Ärger unterdrücke ich damit, dass ich der künstlerischen Freiheit einen sehr hohen Rangwert einräume, auch wenn ich nichts Künstlerisches an diesem Film erkennen kann.

Maibaum Viktualienmarkt Stadtflagge
Maibaum auf dem Viktualienmarkt mit der schwarz-gelben Stadtflagge. Foto: patrikmloeff / Lizenz siehe: flickr

Trotz des erwähnten Eigentümerbeschlusses wird im Marx-Zentrum vermutlich auch in Zukunft fleißig weitergedreht. Wenn das Marx-Zentrum nicht mehr ins schlechte Licht gerückt werden darf, dann spielt der Film halt offiziell wo anders. Wenn die Filmhandlung etwa in Berlin stattfindet, dann kann ja das Marx-Zentrum in München nicht heruntergemacht werden. Oder etwa doch? In beiden Fällen sind es ja Geschichten, die erzählt werden, wo diese auch immer stattfinden. Das, was der Zuschauer sieht, bleibt optisch das Marx-Zentrum. Aber es ist eben nur Fiktion. Trotz einiger Missstände lebt es sich im Marx-Zentrum und drumherum gut. Die Wohnungen haben einen Komfort, wie er von heutigen Neubauten oft nicht mehr erreicht wird. Die schwarzen Gebäude mit den vielen gelben Sichtbetonelementen mag man als bedrohlich, unästhetisch ansehen. Mit etwas Phantasie findet man in der Gestaltung aber die Münchner Identifikationsfarben der Stadtflagge: schwarz-gelb. Aber dass diese das Motiv des Architekten waren, bleibt ein Gerücht.

12 Gedanken zu „„Dieses Rattenloch ist kein Zuhause““

  1. Ich glaube schlimmer war die Hetzkampagne der Abendzeitung vor einem Jahr, nach einem Mordfall im PA 14. Leider die Darstellung in den Filmen entspricht fast der Wahrheit. Zum Glück gibt es keine Gerochsfernsehen. Die Hunde und einige Männer markieren hier ganz fleißig ihren Revier. Eigentlich wären die Wohnungen und die Umgebung gar nicht so schlecht, wenn die Bewohner etwas mehr schätzen würden was sie haben. Jetzt ist auch Zeit mehr Geld für die Renovierung ausgeben, aber ich glaube, dass die „Soci“ spielt nicht mit und einige Nachbarn auch nicht. Schade.

  2. Hat jemand zufällig altes Foto von der Pavillon im Marx Zentrum? Die neuen Nachbarn kennen gar nicht mehr das Dach mit den Rosen und anderen Grünzeug.

    1. Ich habe auf Anhieb allenfalls ein paar miserable Screenshots aus „Fast wia im richtigen Leben“ (Gerhard Polt).
      Man muss aber eines dazu sagen: Im Marx-Zentrum gibt es bekanntlich keine Parkanlage. Als Ersatz sollte der Dachgarten auf der Mittelinsel dienen. Da waren oben nicht nur Pflanzen, sondern auch Bänke zum Verweilen und Spielplätze. Man konnte z.B. auf einem drehenden Zylinder balancieren, für Kinder ein großer Spaß.
      Dann wurde der Dachgarten geschlossen – vermutlich aus Kosten- oder/und Sicherheitsgründen. Man mag jetzt Kosten sparen, aber dafür ist die Anlage nicht mehr benutzbar und sieht aus wie eine Mondlandschaft. Insbesondere von den oberen Stockwerken aus kein schöner Anblick. Schade.

  3. Es gibt viele Städte oder Stadtteile, die in diversen Filmen oder TV-Serien „herunter gemacht“ werden. Ich erinnere nur an die Tatort-Folgen mit „Kommissar Schimanskiy“ Das ist aber Dramaturgie, die einem Film nicht fehlen darf. Wenn die Bewohner sich wohl fühlen, ist alles in Ordnung.

    1. Jedes Ding hat zwei Seiten. Zum einen ist die Freiheit von Drehbuchautor und Regisseur sicher hoch zu bewerten. Zum anderen tragen aber die vielen negativen Darstellungen zum schlechten Ruf Neuperlachs bei. Viele sind ganz erstaunt, wenn ich ihnen sage, dass die Kriminalität in Neuperlach um ein Vielfaches geringer als z.B. in der Altstadt ist.

  4. Diese Serien sind im Grunde nichts im Vergleich zu diesen unzähligen „Reportagen“ in denen Neuperlach und dessen Bewohner diffamiert werden. Hier kann man auch beim besten Willen keine künstlerische Freiheit geltend machen, da sich solche Berichte auf Tatsachen stützen sollten.
    Zumal das Leben in Neuperlach alles andere als billig ist, da wir schließlich über einen Münchener Stadtbezirk sprechen. Ein Rattenloch ist also kaum die treffende Bezeichnung.

    Zum Dachgarten: Ich habe mich als Kind -als die Aufgänge noch nicht verschärft gegen Eindringlinge gesichert waren- ab und an hochgeschlichen um dort zu spielen. 🙂 Leider haben die Bewohner das natürlich gesehen, weshalb eine spannende Jagd des Hausmeisters nach uns immer die logische Folge war.
    Es gab damals jedoch auch etliche Bewohner, denen es wegen des Lärms (den spielende Kinder nunmal verursachen) ganz recht war, daß der Dachgarten geschlossen wurde. Sehr bedauerlich.

    1. Ja, ich erinnere mich daran, dass die Zugangssicherung mindestens einmal verschärft wurde. Aber halt auch noch an die Zeit, wo man den Dachgarten ganz offiziell betreten durfte. Und an den Tag, als der Dachgarten eröffnet wurde.

      Was waren denn wirklich die Gründe für die Schließung? Kosten, Sicherheit, Lärm? Oder eine Kombination daraus? Bislang sind es ja nur Vermutungen.

      Auch in meinem Haus sollte ja die Gemeinschafts-Dachterrasse geschlossen werden. Hier ging es um Sicherheit und Kosten: Geknickt statt abgenickt. Zum Glück wurde der Antrag auf Schließung abgelehnt.

  5. Die Pavillon in der Mitte des Zentrum wurde der Firma Brandl (Vinzenzmurr) verkauft. Das Dach sollte renoviert werden. Die Frau Brandl hat natürlich die billigste Lösung gewählt und der Dachgarten gleich beseitigt. Seitdem die Verfall des Zentrum geht immer schneller voran.

  6. Danke für die Warnungen. Ich habe mich für eine Eigentumswohnung im Marx-Zentrum zur Kapitalanlage interessiert. Nachdem ich das hier gelesen habe, werde ich natürlich weitersuchen.

    1. Der Bericht sollte nicht unbedingt eine Warnung sein. Eigentlich gefällt es uns dort ganz gut, und auch da Konzept der Anlage ist durchdacht, war fast mal revolutionäre. Es gibt aber diverse Missstände, die uns weniger gefallen. Aber wir geben nicht auf und kämpfen für ein schöneres Marx-Zentrum. Sagt einer, der verwaltungsrechtlich gesehen nicht direkt im Marx-Zentrum wohnt, aber in einer Anlage mit fast exakt demselben Architekturstil, die sich nahtlos – ohne auch nur einen Meter Abstand dazwischen – an das Marx-Zentrum anschließt.

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