A very very very special Radio – eine Geschichte des Radios (Update 04.02.2018)

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Aufziehradio
Auch so kann man Radio hören – man zieht es auf. Foto: paulmmay / Lizenz siehe: flickr

Früher, zu Beginn der 1980er-Jahre, konnte man in München kaum mehr als nur eine Hand voll Radioprogramme empfangen. Das waren im Wesentlichen Bayern 1, 2, 3 und 4 sowie der Österreichische Rundfunk. Mit dem Privatrundfunk hat sich das ab Mitte der 1980er-Jahre geändert. Die Kommerzialisierung brachte nicht nur eine quantitative Zunahme an empfangbaren Sendern mit sich, sondern auch die eine andere erfrischende Bereicherung. Aber bereits nach wenigen Jahren war die Radiolandschaft qualitativ wieder erheblich ärmer geworden. Bemerkenswerte Sendungen wie der „Kopfhörer“ auf Radio Gong 2000 (1985 bis 1992, präsentiert von „Zwitscher“), in der gewöhnungsbedürftige, zum Teil hervorragende Musik meist wenig bekannter Künstler gespielt wurde und in der die herrliche Rubrik „Das strapaziöseste Stück der Woche“ installiert war, wurden sang- und klanglos (im wahrsten Wortsinn) eingestellt. Ebenso schaltete das Schweizer öffentlich-rechtliche Radio DRS-3 (das man in München zusammen mit den neuen Privatsendern auch per Kabelnetz1 empfangen konnte und das daher irgendwie auch zu der neuen Radiolandschaft zählte), auf dem fast ausschließlich wenig bekannte, dafür aber umso anspruchsvollere Titel liefen, auf ein sogenanntes durchhörbares Programm um. Da der Schweizer öffentliche-rechtliche Rundfunk werbefrei ist, ein Schritt, der nicht unbedingt nachvollziehbar ist, aber vermutlich versteifte man sich auf die Steigerung der Hörerzahlen durch Mainstream-Musik – mag es aus Imagegründen gewesen sein oder um die Existenzberechtigung zu bekräftigen.

Formatradio – Der Niedergang des Radios in den späten 1980er-Jahren

Doch Mainstream alleine reicht nicht für die Reichweitenmaximierung. Die alles entscheidende Frage ist, bei welchen Inhalten möglichst viele Hörer einschalten und möglichst wenige abschalten. Achtete man anfangs noch manuell unter Einbeziehung einer Musikuhr auf die genehme Stilrichtung, übernahm dann ab den frühen 1990er-Jahren der Computer fast ganz alleine die Musikauswahl und sorgt dafür, dass nur getestete, massenkompatible Titel in der richtigen Kombination gespielt werden. Einzelne Stilrichtungen sollten sich dabei nicht wiederholen, da dies zum Um- und Abschalten verleitet. Solche Hörerkiller sind z.B. zwei ruhigere Titel, die unmittelbar hintereinander gespielt werden. Wäre dies nicht schlimm genug, hat sich die Unart durchgesetzt, Gewinnspiele zu veranstalten, die über Stunden oder gar Tage warmgehalten werden und die Hörer dazu verleiten, dranzubleiben und ggf. auch am nächsten Tag wieder einzuschalten, da man ja die Auflösung endlich wissen will. Ich kann mich erinnern, dass eines der letzten Male, als ich eines der fürchterlichen Münchner Stadtradios hörte, gerade ein neues Spiel gestartet wurde. Es galt, einen kurz angespielten Musiktitel zu erraten. Dabei beschränkte man sich auf ein paar Hundertstelsekunden des Stücks, es war entsprechend nur ein kurzes Zischen zu hören. Klar, dass dies keiner erraten kann, aber der Moderator kündigte an, den Ausschnitt im Laufe der nächsten Stunden sukzessive zu verlängern. Ich fühlte mich so veräppelt, dass ich das tat, was eigentlich genau durch das Erfolgskonzept verhindert werden sollte: Ich schaltete wutentbrannt das Radio aus.

Vom Mainstream-Formatradio mit Musikuhr zum Special-Interest-Kuriosum

Mit dem Aufkommen der Internetradios änderte sich die Radiolandschaft wieder. Ohne großes finanzielles Risiko und ohne die Mühen der Beschaffung einer Senderlizenz konnte jedermann Radio machen und so hatten auch Sender mit sehr speziellen Inhalten (special interesest radio) und ohne Mainstream-Ausrichtung wieder eine Chance. Auch fanden kommerzielle Veranstalter durch die weltweite Verfügbarkeit einen ausreichend großen Markt für sehr spezielle Musik vor. Der Senderverbund di.fm und sky.fm etwa bietet über 80 Musiksender an, unter denen sich sehr spezielle Angebote finden wie der Kanal Chiptunes (nicht nur für Freunde der alten Heimcomputersounds à la C64-SID), spezielle Techno-Richtungen, aber auch Jazz, Salsa, Lounge und klassische Musik. Das Programm ist weitgehend unmoderiert, Live-Sendungen mit Moderation finden aber gelegentlich statt – es ist also nicht alles „Playlist shuffle“.

Eine Hommage an die „Famous Four“

Einer der groteskesten Sender ist dabei „A Beatles Tribute“. Hier wird alles gespielt, was irgendwie mit den Beatles zu tun hat. Konkret muss einer der Pilzköpfe den Titel mindestens komponiert oder interpretiert haben, er muss nicht zwangsläufig von den Beatles sein. John Lennon solo oder die „Wings“ sind also als Vorlage auch zugelassen. Meist laufen dort Coverversionen der Beatles, die sich mehr oder weniger am Original orientieren oder aber eigenwillige Interpretationen darstellen, die z.B. von großen Orchestern oder mit ungewöhnlichen Instrumenten gespielt werden. Auch wer sich an den Melodien der Beatles totgehört hat, wird feststellen, dass die Songs so viel Potenzial haben, dass sie diese in anderer Interpretation eine neue, verblüffende Wirkung entfalten können. Kurioserweise findet auf dem Beatles-Kanal gerade eines offenbar nicht statt: die original Beatles. Wen man sich vergegenwärtigt, dass zum Repertoire des Kanals Tausende an Beatles-Coverversionen gehören, erscheint dies nicht verwunderlich, dass die Originale zahlenmäßig eher untergehen. Alleine von „Yesterday“ sind über veröffentlichte 3.000 Coverversionen bekannt. Man könnte auch annehmen, da dem Kanalnamen „A Beatles Tribute“ nach den Pilzköpfen Tribut gezollt wird, die Originale bewusst nicht gespielt werden, sondern dass andere Künstler in Gestalt einer Hommage an die Beatles auftreten. Doch wer lange genug zuhört, wird ab und zu, ganz selten, auf dem Beatles-Kanal dann doch was Erstaunliches hören: die echten Beatles.

Es gibt sicherlich in den Tiefen des Internet noch verrücktere Kanäle. Der „EP Express“ steht schlicht für Elvis Presley. „Er“ kommt dort rund die Uhr. Der King lebt! Wer auf solchen Kanälen länger hängen bleibt, wird aber schnell zu einer neuen Monotonie finden.

Von Top 40 zu Top 2

The Beatles
Ein eigener Radiosender, der ausschließlich die Beatles ehrt. Doch gerade die Beatles finden dort offenbar nicht statt. Oder doch? Aber wie auch immer: Es geht sicher noch spezieller. Foto: Gonzalo Barrientos / Lizenz siehe: flickr

Wie schlimm die Eintönigkeit auf dem normalen terrestrischen Mainstream-Dudelfunk-Radio geworden ist, sollte ein Protestaktion eines Moderators eines Hamburger Privatradios zeigen, die bereits 1999 stattfand, also in der schlimmsten Radiozeit, als die Kommerzialisierung bereits einen vorläufigen Höhepunkt erreicht und das Internetradio sich noch nicht durchgesetzt hatte. Beobachtern mag aufgefallen sein, dass wenn ein Radiosender Abba spielt, es meist der Titel „Dancing Queen“ ist. Die Erkenntnis hinter diesen genialen Auswahl ist schlicht und ergreifend, dass dieser Titel zu denjenigen mit den geringsten Ab- und Umschaltraten gehört. Der rebellische Moderator entwickelte das Top 40-Prinzip, das besagt, dass sich ein Radiosender über Wochen hinweg auf die gleichen 40 Titel beschränkt, weiter zum Erfolgsformat „Top 2“. Konkret verbarrikadierte er sich im Studio und spielte Abbas „Dancing Queen“ und „No Milk Today“ von Herman’s Hermits in einer Endlosschleife. Der Geschäftsführer des Senders, der das gewaltige Potenzial von Top 2 nicht erkannte, konnte diese ungeheuerliche Provokation erst nach Stunden beenden. Nur unter Aufbietung aller Möglichkeiten gelangte er mit einem aufopfernden Trick dann doch ins Studio, um die Sendung an sich zu reißen – er benutzte den Lastenaufzug.

Playlist mit ersten Titeln der Sendung „Kopfhörer“ online (Update 04.02.2018)

In der öffentlichen Spotify-Playlist „Kopfhörer-Zwitscher“ finden sich nun dank Leserinnenmitarbeit eine Reihe von Musikstücken aus der legendären Sendung. Jeder kann sich gerne beteiligen und selbst noch Titel beisteuern. Einen Link zu dieser Playlist gibt es auch: spotify:user:21q6xuwkscodepx6wqhtstyzy:playlist:50e1TEa9ohIUUycNuLIAYw

1 Um ein wenig den Bezug zu Neuperlach herzustellen: Neuperlach lag im Kabelpilotprojekt München. Damit konnte ich ein paar Monate die ersten, zum Teil extrem kuriosen Anfänge des offiziellen Privatrundfunks in Deutschland mitverfolgen, bevor auch der Rest der Republik mit dem Kommerz beglückt wurde.

10 Gedanken zu „A very very very special Radio – eine Geschichte des Radios (Update 04.02.2018)“

  1. Sehr guter Artikel!
    Ich habe zuhause sämtliche Radios verbannt…es lebe das Internetangebot!
    Früher haben wir häufig FM4 gehört, aber mittlerweile ist die Qualität dort leider auch stark gesunken.

  2. Danke für die Erwähnung des „Kopfhörer“ – die Sendung hat mich damals stark geprägt. Ich hab jede Folge auf Kassette aufgenommen und hinterher die Favoriten auf „Best of“-Tapes compiliert. Klassische Radiosozialisation eben, die bei mir mit der NDW einsetzte. Hast du nähere Infos zu dieser Sendung? Wer hat das noch mal moderiert und gibt es diesen Menschen noch?

    1. Danke für den Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Der Moderator nannte sich, wenn ich mich recht erinnere, „Zwitscher“. Im Netz findet man praktisch nichts über ihn, es gibt offenbar nur einen Forenbeitrag, in dem er in einem Kommentar ganz kurz erwähnt wird:

      Radiohörer sterben aus

      Da wird auch an Gesa Thoma erinnert, die hatte die Folgesendung und musste einen Übergang zwischen dem wüstesten Underground und der in der Endphase der Sendung bereits durchoptimierten, leicht hörbaren Senders finden. Sie wählte dazu dann einen Titel, der deutlich härter als das sonstige weichgespülte Zug war.

      Ob Zwitscher noch moderiert, weiß ich nicht, da ich kein Gong 96,3 höre. Auf deren Homepage habe ich nicht einmal eine Moderatorenliste gefunden, auch im Wikipedia-Eintrag nicht.

  3. „Zwitscher“ ist leider im Netz nicht auffindbar. Ich habe das immer mal wieder versucht, weil ich so gute Erinnerungen an die Sendung „Kopfhörer“ habe – leider ohne Erfolg. Auch ich habe damals viel auf Kassette aufgenommen und viele Songs höre ich auch heute noch gerne, nachdem ich sie mir mühsam auf Spotify zusammengesucht habe. Was gäbe ich für eine Playlist der kompletten Sendung, da waren so viele Perlen dabei…

    1. Ich habe noch eine Idee: Man könnte doch bei Spotify eine öffentliche Zwitscher/Kopfhörer-Playlist machen. Vielleicht ergänzen ja andere diese noch.
      Ich selbst wäre sehr interessiert daran, auch wenn ich selbst kaum daran mitarbeiten könnte, aber ich würde sie nutzen.
      Falls kein Interesse besteht, auch eine private Playlist hätte ich gerne. Würde mich freuen, wenn Du mir diese schickst. Ich mache auch gerne eine Gegenleistung dafür.

  4. Hey Leute! Bin auch Zwitscher-Fan gewesen… Und habe neulich erst für ein Musik-Kunst-Projekt eine 6oer Kassette aufgenommen – mit allen möglichen Schmankerln aus der Zeit…
    Bitte ja unbedingt, Spotify Playlist, bin dabei!!!
    Könnt Ihr mir den Link schicken auf sonja@battenberg.net?
    Danke & Grüße! Sonja

    1. Hallo Sonja 🙂
      Bin auch schon sein Jahren auf der Suche nach Zwitscher, Kopfhörer und dem „Strapaziösesten Stück der Woche“. Schön, hier Gleichgesinnte zu finden! Der Spotify-Playlist folge ich seit gerade eben 🙂

      Floh

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