Hilfe, ich habe zu viel Geld auf meinem Konto!

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Wer würde nicht gerne mehr Geld auf seinem Girokonto vorfinden, als er erwartet? Auf den ersten Blick hätte sicherlich kaum jemand etwas dagegen. Bevor ich aber weiter aushole, ein Hinweis. Die Geschichte ist wahr. Alle Namen und Orte wurden aber geändert, um eine Rückverfolgung zu verhindern.

Nun aber ganz von vorne. Anfang Mai dieses Jahres fand ich unter den Online-Umsätzen meines Girokontos, das ich bei der Oberbayerischen Privatbank* habe, eine Gutschrift, die als „Lohn/Gehalt“ ausgewiesen ist. Es handelt sich um einen Betrag von knapp 400 EUR. Sie stammt von einer Firma „Petru Pet“*. Mir war neu, bei einer solchen Firma angestellt zu sein. Genauer bin ich bei überhaupt keiner Firma angestellt. Eine Recherche ergab, dass es sich bei „Petru Pet“ um eine osteuropäische Metzgereikette handelt. Um die zehn Filialen weist sie auf, alle in Osteuropa. Quasi ein osteuropäischer Vinzenzmurr. Nehmen wir mal an, eine Fleischereifachverkäuferin arbeitet in einer osteuropäischen Stadt bei „Petru Pet“. Würde sie dann über ein deutsches Konto der Oberbayerischen Privatbank verfügen? Das erscheint sehr unwahrscheinlich. Dagegen spräche auch, dass eine Auslandsüberweisung zu teuer wäre. Auch gibt es in dem Land keinen Euro, sondern eine herrliche nationale Währung. Es stellt sich auch noch die Frage, wie das Geld auf einem anderen Konto landen kann. Durch einen Zahlendreher? Auch dies scheint nahezu ausgeschlossen. Die Kontonummer hat eine Prüfziffer. Wenn man irgendwo einen Zahlendreher drin hat, dann kann man keine gültige Kontonummer generieren, die Prüfziffer würde dann nicht stimmen.

100 EURO
Geld einfach so – ohne Leistung. Prima! Foto: Markusram / Lizenz siehe: flickr

Ein Tipp eines Bekannten lautete, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass osteuropäische fleischverarbeitende Unternehmen Saisonarbeiter in Deutschland in Schlachtbetrieben beschäftigen. Nicht immer legal. Eine Recherche ergab, dass „Petru Pet“ tatsächlich auch über eine Niederlassung in Deutschland verfügt – im Saarland*. Handelt es sich hier schlicht um das Gehalt eines Hilfsarbeiters, der vielleicht zu schlechten Konditionen in einer Schlachtfabrik beschäftigt ist? Für die Maßstäbe seines Heimatlandes wären knapp 400 EUR relativ viel Geld.

Einen Storno-Button gibt es beim Onlinebanking leider nicht bzw. nur für unrechtmäßige Lastschriften. Den Fall, dass jemand eine Gutschrift stornieren will, hat man schlicht vergessen, weil so etwas wahrscheinlich nur höchst selten benötigt wird. Ich überlege daher, bei „Petru Pet“ zu intervenieren, aber verwerfe den Gedanken wieder. Ich sehe es nicht ein, ihnen die Geschichte zu erzählen und dabei vielleicht sogar meine Kontonummer herauszurücken. Ich sehe die Bank als Ansprechpartner. Da sitzen die Experten. Also mache ich mich auf den Weg zur Bank. Mit dem Trämli – unüblich für das Internetzeitalter.

Schlachter
Vermisst hier jemand sein Gehalt? Bild nur zur Illustration. Foto: Paul Keller / Lizenz siehe: flickr

Inzwischen hatte ich noch herausgefunden, dass Onlinebanking nicht gleich Onlinebanking ist. Auf den Kontoauszügen, die man sich als PDF herunterladen kann, die aber nicht tagesaktuell zur Verfügung stehen, ist noch eine weitere Vermerkzeile enthalten. Aus dieser erfuhr ich, wer der Empfänger des Geldes ist: ein gewisser Damir Dumitrescu*.

Auf der Fahrt gehe ich noch mal alles durch. Für mich ist klar, dass ich das Geld nicht behalten darf und will. Es gehört mir nicht, es ist ein Versehen. Der Bankmitarbeiter gibt sich überrascht. So etwas komme praktisch nie vor, meinte er. Er zieht weitere Bankmitarbeiter und Bankmitarbeiterinnen hinzu. Alle scheinen ein wenig überfordert zu sein. Eine Mitarbeiterin hat die Idee, man solle doch mal schauen, ob ein Herr Damir Dumitrescu ein Konto bei der Oberbayerischen Privatbank habe. Man könnte dann untersuchen, ob die Kontonummer eine ähnliche sei und damit eine profane Verwechslung vorliege. Doch ein Kollege bremst sie. Eine Suche sei nur möglich, wenn man über das Geburtsdatum verfüge, meint er. Ich trage meinen Wunsch vor, die Gutschrift stornieren zu lassen. Dem kommt man dann nach.

Eigentlich scheint der Fall nun abgeschlossen zu sein. Die Buchhaltung von „Petru Pet“ wird sicher schon längst gemerkt haben, dass da was nicht stimmt. Und spätestens bei dem Storno wird sie reagieren. Von der Oberbayerischen Privatbank kam inzwischen ein Entschuldigungsschreiben:

Diese Überweisung war nicht für Sie bestimmt, deshalb haben wir sie wieder von Ihrem Konto abgebucht. Bitte entschuldigen Sie das Versehen.

Es geht weiter

Doch es kam anders. Ende Mai gab es die nächste Gutschrift. Dieses Mal sind es nur etwas mehr als 100 EUR, die als „Lohn“ ausgewiesen sind. Vielleicht hat Damir Dumitrescu noch eine Prämie für seine hervorragende Schlachtleistung erhalten. Um es genauer zu sagen, wenn dann hätte er sie erhalten sollen, denn ich bin ja wieder der Glückliche. Ich warte erst mal ein paar Tage ab. Es kann mich niemand zwingen, sofort wieder mit dem Trämli zur Bank zur düsen. Anfang Juni dann der nächste Schlag. Nun finde ich knapp 900 EUR vor, jetzt aber als „Gehalt/Rente“ ausgewiesen. Warum nun ein viel höherer Betrag? Ist Damir Dumitrescu etwa zum Manager aufgestiegen? Groteskerweise stammt das Geld jetzt nicht von „Petru Pet“, sondern von einer Firma „SATTE“*. Eine Recherche ergab, „SATTE“ ist ebenso ein fleischverarbeitendes Unternehmen, die Postanschrift ist auch die gleiche. Also vermutlich ein Tochterunternehmen oder einfach ein anderer Name für das gleiche Unternehmen. Wie der Kontoauszug zeigt, sind Gutschrift 2 und 3 wiederum für Damir Dumitrescu bestimmt.

Ein paar Tage warte ich noch, dann mache ich mich wieder auf dem Weg zur Bank. Dieses Mal meint man, da müsse ein Experte ran, das könne man jetzt nicht auf die Schnelle klären. Ich bekomme einen Termin. Da würde dann ein Experte den Fall klären.

Nun erscheine ich das dritte Mal in der Bankfiliale. Der „Experte“ ist derselbe, der das erste Storno durchgeführt hat. Er zeigt sich verwundert, meint, einen solchen Fall mit gleich mehreren unrechtmäßigen Buchungen habe er noch nicht gehabt. Er vermutet einen Fehler in der Buchhaltung bei „Petru Pet“ bzw. „SATTE“. Nicht ausgeschlossen sei auch ein Fehler im System der Oberbayerischen Privatbank. Er meinte, das Geld dürfe ich prinzipiell nicht behalten, aber es gäbe auch keine Verpflichtung, die Gutschrift ohne Aufforderung zu stornieren. Das Unternehmen könnte das Geld nicht selbst stornieren. Sie seien auf mich angewiesen. Er meinte: „Stellen wir uns mal vor, Sie würden das Geld behalten. Was könnte Ihnen passieren? Petru Pet könnte Sie verklagen. Aber nur, wenn man auf Sie kommt und Sie sich weigern, das Geld zurückzubuchen. Haben Sie eigentlich ein Sparbuch bei uns? Dann könnten Sie das Geld vom Girokonto darauf überweisen, dann ist es weg vom Konto“. Ich bin sehr überrascht. Er sagte zwar nicht „Machen Sie es einfach! Behalten Sie das Geld!“. Er sagte es nur indirekt. Für mich kommt es jedoch auf dasselbe raus. Ich halte solche Tipps für extrem unseriös, einer Bank unwürdig. Ich bestehe auf eine Stornierung.

Ein paar Tage später kamen zwei weitere Entschuldigungsschreiben der Oberbayerischen Privatbank. Der Inhalt war jeweils der gleiche wie beim ersten Schreiben. Banken sind nicht kreativ und fast immer humorlos.

Jetzt heißt es abwarten. Mal sehen, ob zu diesem Artikel demnächst ein Update hinzugebucht werden muss.

* Alle Namen und Ortsangaben geändert

3 Gedanken zu „Hilfe, ich habe zu viel Geld auf meinem Konto!“

  1. Ich muss zugeben, ich hätte das Geld wohl behalten — nicht, weil ich dem Schlachtereiarbeiter nicht seinen Lohn gönne oder mich unbedingt auf diese Art und Weise bereichern möchte, sondern schlicht und einfach weil mir der ganze Stress mit den Banken zuviel wäre…! Und dass es den gäbe, wäre mir auf Grund diverser Erfahrungen über die Jahre von vornherein klar gewesen…

  2. Es gibt Banker und richtige Banker. Die einen können nur Geld auszahlen und Einzahlungen entgegen nehmen, die anderen haben auch Ahnung von der Materie.

    Offensichtlich sitzen dort nur Flachpfeifen.

  3. Die rechtliche Situation ist mir nicht bekannt, was das moralische Problem angeht kann ich nur Mark Twain zitieren:

    „Ich erinnere mich an die Zeit, als ich auf der Straße einen abgewetzten, uralten Real fand und feststellte, daß sein Wert für mich dadurch wesentlich gesteigert wurde, daß ich ihn nicht verdient hatte.“

    😉

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