Amtsverschimmelt – Warum wir mehr Bürokratie brauchen

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Spielbetrieb für Kinder
„Spielbetrieb für Kinder“. Nur ein Bürokrat kann sich solche Wortkonstruktionen ausdenken. Foto: Elias Schwerdtfeger / Lizenz siehe: flickr

Bürokratie ist die Herrschaft der Verwaltung. Die übersteigerte Form nennt man Bürokratismus. Die Verwaltung der Verwaltung wahrscheinlich dann Metabürokratie. Tankstellenpächter müssen sich neuerdings in Bayern versichern lassen, dass Kunden, die außerhalb der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten erscheinen, Reisende sind. Als Reisende zählen grundsätzlich keine Fußgänger und Radfahrer. Unklar ist, ob es reicht, sich davon zu vergewissern, dass ein Kraftfahrzeug vor der Tankstelle steht oder/und der Kunde angibt, mit einem Kraftfahrzeug gekommen zu sein. Selbst wenn dies gegeben ist: Eine mit dem Auto zurückgelegte Kurzstrecke macht einen Fahrer keinesfalls automatisch zum Reisenden.

Apropos fahren: Ich fahre mit der U-Bahn zu meiner Bank. Zur Vermögensberatung. Der Berater erklärt mir, es gebe neue Vorschriften. Der Kunde müsse nun genau Auskunft geben über seine Einnahmen und Ausgaben. Ganz neu ist es nicht, aber die Vorschriften wurden erheblich verschärft. Diese Angaben seien dann eine wichtige Grundlage für eine kundengerechte Beratung. Hier habe der Gesetzgeber gehandelt, nachdem es immer wieder vorgekommen sei, dass Berater schlecht beraten und Leuten hochspekulative Papiere angedreht hätten, obwohl deren individuelle Finanzsituation im Widerspruch dazu stand. Sicherlich sind hier Leute im Extremfall um ihre Altersversorgung gebracht worden. Der Wunsch nach einer Regelung sei aus dem Volk gekommen.

 Baker Boyer Bank
Auf geht’s zur Bank! Foto: walla2chick / Lizenz siehe: flickr

Nun muss ich also Auskunft geben. Was für Einnahmen habe ich (selbstständige Tätigkeit, ggf. Mieteinnahmen)? Bei den Ausgaben muss ich angeben: Miete, Wohngeld, Stromkosten, Renten-/Lebensversicherung, Krankenversicherung und weitere Versicherungen. Genaue Centbeträge sind nicht erforderlich, aber es soll schon ziemlich genau sein. Allgemeine Lebenshaltungskosten, wie viel ziehe ich denn so monatlich am Geldautomaten? Ferner muss ich die Zeitpunkte nennen, an denen ich das erste Mal mit bestimmten Finanzprodukten Erfahrung gemacht habe. Großzügigerweise fragt der Berater nur nach dem Jahr. Ich kann nur schätzen. Der erste Aktienfond? Der erste Fond mit Kapitalschutz? Usw. Meine Angaben werden dann freundlicherweise mit dem Datum „1. Januar“ ergänzt, dabei weiß ich nicht mal, ob das Jahr stimmt. Auch die Anzahl der gekauften Papiere muss angegeben werden: 1, 2, 3, 4, 5 oder mehr. Dass es nicht noch genauer sein muss, nehme ich als eine Art Geschenk an.

Nun geht es an das Eingemachte: Habe ich eine Immobilie? Wie viel Quadratmeter? Wann wurde das Haus gebaut? Einige Angaben scheinen nichts mit meiner persönlichen Vermögenssituation zu haben. Aber, was tut man nicht alles für die Bürokratie?

Ich frage, was passieren würde, wenn ich die Angaben verweigere. Dann, so hieß es, könne ich weiterhin alle Produkte erwerben. Allerdings gäbe es dann keinerlei Beratung. Das überzeugt mich, ich bin kooperativ. Aber es gibt einen weiteren Haken. Selbst wenn ich alle Angaben mache, kann es passieren, dass ich dann nicht zu allen Produkten Beratung erhalte. Wenn es meine Situation nicht hergibt, dann bekäme ich für bestimmte Risikoklassen keine Beratung. Ein Computerprogramm entscheidet anhand der Eingaben, was möglich ist. Das mag ja alles einen Sinn haben. Aber: Nehmen wir den Fall, ein Kunde liest in einer Finanzzeitschrift von einem bestimmten Finanzprodukt und möchte dieses erwerben. Der Berater sagt dann, er dürfe zu diesem nicht beraterisch tätig sein, aber er würde es dennoch für den Kunden „auf eigenes Risiko“ kaufen. In diesem Fall könnte sich der Kunde für ein sehr schlechtes Produkt entscheiden. Der Berater darf dann nicht abraten. In diesem Fall bräuchte der Kunde dringend Beratung, erhält diese aber im Unterschied zur alten Regelung nicht mehr, obwohl der Gesetzgeber ja gerade die Beratung speziell in solchen Fällen verbessern will. Es zeigt sich mal wieder: Gut gemeint ist gut daneben gedacht. Erschreckend ist auch der Zeitaufwand. Über eine Stunde dauern die Erfassung und die zusätzlichen Erklärungen. Keine einzige Minute davon ist etwas, das man als Finanzberatung im eigentlichen Sinne werten könnte. Aber es ist eben Bestandteil der Bürokratie, dass es erst später zur Sache geht. Die Sache wird dann selbstverständlich mit einer bürokratischen Handlung abgeschlossen. Keine Ordnung muss schließlich auch nicht sein!

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