Der Endweltler

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Zugegeben bin ich kein besonders aktives Mitglied der katholischen Kirche. Die Kirche spricht mich in fast keiner Weise an. Auch wenn es unglaublich viele Leute in der Kirche gibt, die wertvolle Arbeit machen, ist es nicht meine Kirche. Denn die offizielle Haltung der Kirche halte ich für grundsätzlich reformbedürftig, in vielen entscheidenden Punkten für falsch. Man wird mir jetzt entgegenhalten, dass es ein grundsätzlicher Fehler wäre, wenn die Kirche jedem Modetrend hinterherlaufen würde. Sie müsse sich auf ihre Wurzeln konzentrieren, auf die Bibel, auf das Wort Gottes, auf Jesus Christus.

Doch das halte ich für den eigentlichen Irrtum. Nicht die mangelnde Begeisterung der Kirche für die neueste Mode ist das Problem, sondern fehlende Menschlichkeit. Die katholische Kirche sperrt sich gegen die Gleichberechtigung der Frau in den eigenen Reihen. Frauen dürfen keine Priester oder höher werden. Gäbe es Vergleichbares in einer beliebig anderen Organisation, wäre dieses mit Klagen überzogen. Die Kirche lehnt Abtreibung ab, selbst nach einer Vergewaltigung. Homosexualität wird ebenso verteufelt wie der Gebrauch von Kondomen, obwohl durch Kondome die Ausbreitung von AIDS reduziert werden könnte. All dies ist in meinen Augen inhuman.

Dennoch ließ ich mir gestern das Ereignis nicht entgehen. Kaum traf die Meldung des „weißen Rauchs“ per Facebook, Twitter – und wie das ganze moderne Teufelszeug heißt – ein, starrte ich gebannt auf den TV-Schirm. Endlose Minuten sieht man nur einen wehenden Vorhang. Dann geht Licht an. Aber es dauert noch einmal eine halbe Ewigkeit, bis sich endlich der neue Papst zeigt.

Papst Franziskus
Papst Franziskus. Foto: Catholic Church (England and Wales) / Lizenz siehe: flickr

Ein Argentinier ist nun neuer Papst. Jorge Mario Bergoglio. 76 ist er. Der erste Jesuit, der erste Nicht-Europäer. Er nennt sich Franziskus (ausdrücklich nicht Franziskus I.) und nimmt damit Bezug auf den Heiligen der Armen, auf Franziskus von Assisi, den Begründer des Ordens der Minderen Brüder (Franziskanerorden). Der neue Papst ist der Papst der Armen. Bergoglio soll diese Bescheidenheit auch gelebt haben.

Der neue Papst tritt auf die Loggia. „Cari fratelli e sorelle“ („Liebe Brüder und Schwestern“) sagt er. Dann stockt er kurz. Und dann sagt er einfach, etwas schüchtern wirkend, mit Glanz in den Augen, so als hätte er es sich anders überlegt und den verinnerlichten Gruß noch mal ausgetauscht, ganz geradeaus „Buona sera!“ (also „Guten Abend!“). Er sagt einfach „Guten Abend!“. Ich muss anerkennend grinsen, nicht nur, in Anbetracht dessen, was er sagt (er wird nicht der Erste mit diesen Worten gewesen sein), sondern wie er es sagt. Es wirkt volksnah und sympathisch, keineswegs intellektuell oder arrogant. Bis ans Ende der Welt sei man gegangen, um einen neuen Papst zu finden, sagt Franziskus.

Wenn man sich das anschaut, was über Franziskus bekannt ist, darf man in Sachen radikale Reformen wohl keine Wunder erwarten. Auch gibt es dunkle Flecken in seiner Vergangenheit. So wird ihm Nähe zur argentinischen Militärdiktatur (1976 bis 1983) vorgeworfen. Ich bin weiterhin skeptisch. Aber eine Chance hat er verdient. Glaube ich zumindest.

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