World Wide Wait reloaded – Telekom führt drastische DSL-Drosselung auf 384 Kbit/s ein (Update 22.04.2013)

Werbung

Update 22.04.2013: Nun ist es amtlich. Für Neuverträge wird ab 2. Mai bei Volumenüberschreitung eine Drosselung auf lächerliche 384 Kbit/s eingeführt. Bei VDSL 50 liegt das Limit bei 200 GB pro Monat. Mehr dazu: Hier klicken.

Vielen dürfte es noch in Erinnerung sein: Beim Surfen im Web musste man früher sehr geduldig sein. Alleine der Aufbau einer Seite konnte schon mal ein paar Minuten dauern. Diese Schreckenszeiten aus den späten 1990er-Jahren könnten bald in bestimmten Fällen wieder Realität werden.

Noch ist zwar nichts entscheiden, aber die Deutsche Telekom hat inzwischen bestätigt, dass man plane, eine drastische Drosselung von DSL einzuführen. Ist das Monatskontingent verbraucht, setzt die Drosselung ein. Erst ab dem Monatsanfang steht dann wieder die volle Geschwindigkeit zur Verfügung, es sei denn, man kauft weitere Kontingente dazu, falls das möglich sein wird. Damit würde das, was bereits bei Mobilfunktarifen in aller Regel Standard ist, auch für das Festnetz gelten.

Slow Internet
Langsames Web. Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Aber vielleicht schlimm genug. Foto: Phil Denton / Lizenz siehe: flickr

Das freie Monatskontingent wird nach den Plänen von der Anschlussart abhängen. 75 GB könnten bei einem DSL-Anschluss frei sein und 200 GB bei VDSL mit 25 oder 50 Mbit/s. Das klingt zwar viel, dürfte aber selbst dem Weniguser nicht reichen. Alleine die automatisch durchgeführten Sicherheitsupdates sind groß. Da können durchaus schon einmal einzelne Pakete von 1 GB darunter sein. Eine halbe Tagesration wäre nach wenigen Minuten verloren. Spiele, die online gekauft werden, können im Extremfall durchaus bis zu 30 GB betragen. Das halbe Monatskontingent könnte dann für einen einzigen Download draufgehen. Schaut man HD-Filme als Stream an, wäre ebenso ein komplettes Monatskontingent innerhalb weniger Stunden aufgebraucht. Das normale Surfen, die Nutzung von Cloud-Diensten, Videotelefonie, all das kommt noch obendrauf. Auch Privatanwender haben ihre Daten – etwa Fotos und Musikdateien – inzwischen in der Cloud. Jeder Zugriff darauf knabbert dann am Monatskontingent.

Drosselung auf 384 Kbit/s ein schlechter Witz

Die geplante Drosselung soll bei allen Anschlussarten einheitlich 384 Kbit/s betragen, also kaum mehr 0,3 Mbit/s. Damit hat man bei VDSL mit 50 Mbit/s noch gerade einmal 1/150 (!) der normalen Kapazität zur Verfügung. Das darf mit Recht als schlechter Witz bezeichnet werden. Es ist in etwa die Hälfte des allerersten DSL-Produktes um das Jahr 2000 herum. Selbst für das normale Surfen wäre dies kaum mehr akzeptabel, da die Seiten heute nicht mehr in dem Maß optimiert sind, wie es früher der Fall war.

Was steckt dahinter? Laut der Aussage des roten Riesen steige das Datenvolumen exponentiell an. Der Ausbau der Netzinfrastruktur koste Milliarden, daher müssten andere Ansätze her, die gewohnte Flatrate könnte es dann nicht mehr geben, sondern nur noch eine mit viel Kleingedrucktem – vom Benutzer sicherlich als Mogelpackung verstanden.

Nun liegt es aber sicher nicht an dem bösen Anwender, der womöglich auch noch illegal große Dateimengen tauscht oder es mit dem Anschauen von HD-Videos auf YouTube übertreibt. Tatsächlich propagiert die Telekom ihr Entertain Internet-TV (IPTV). Die Kunden besitzen nun auch noch die Frechheit, diese Dienste tatsächlich zu buchen und auch – jetzt wird es richtig frech – noch umfassend zu nutzen! Solche Dienste sind im großen Maße mitverantwortlich für die Engpässe. Inwieweit es sinnvoll ist, das Internet als Rundfunkersatz zu nutzen, sei dahingestellt. Meines Erachtens ergibt zwar Video on Domand Sinn, da es eine Individualisierung ist. Zur Übertragung eines normalen TV-Programms hingegen reicht auch die Satellitenschüssel oder ein herkömmlicher Kabelanschluss, zumindest solange die Netzinfrastruktur nicht entsprechend ausgebaut ist.

Öffentliches BTX-Terminal
Online in Vor-Internet-Zeiten. Ein öffentliches BTX-Terminal. Die Datenraten waren damals noch herrlich gering. Foto: KlausNahr / Lizenz siehe: flickr

Die Motive der Telekom liegen sicherlich in einer Umsatzerhöhung. Die Konkurrenz hat längst entsprechende Drosselungs-Klauseln, wenngleich die Geschwindigkeit nach Einsetzen der Drosselung längst nicht so weit heruntergefahren wird, wie es jetzt die Telekom vorhat. Auch in den Verträgen der Telekom finden sich schon bereits seit Längerem solche Klauseln. Interessanterweise wird hier eine Drosselung auf 6 Mbit/s nach 200 GB Monatsverbrauch bei einem VDSL-Anschluss genannt. Dies wäre ja noch annehmbar. Technisch umgesetzt wurde dies aber offenbar nie. Warum nutzt man nicht erst diese Klausel, sondern geht gleich so weit mit der Geschwindigkeit runter? Sicherlich wird bei einer moderaten Drosselung kaum einer teure Zusatzkontingente kaufen. Erst bei 384 Kbit/s tut es so richtig weh, sodass der Benutzer zähneknirschend darauf zurückgreifen dürfte.

Angriff auf die Netzneutralität

Es ist davon auszugehen, dass die anbietereigenen volumenhungrigen Dienste nicht angerechnet werden. Wer sein Monatskontingent verbraucht hat, wird wahrscheinlich weiterhin wie gewohnt IPTV nutzen können, wenn es ebenso von der Telekom bzw. vom selben Anbieter ist. Dies ist keine reine Kundenbindung, die verständlich wäre, sondern ein Angriff auf die Netzneutralität. Der Kunde könnte faktisch nicht mehr sinnvoll auf Streamingdienste anderer Anbieter zurückgreifen. Selbst das Anschauen von YouTube-Videos wäre kaum mehr interessant. Hier geht es nicht um eine höhere Wartezeit, sondern eher darum, dass das Video alle paar Sekunden stocken wird und dann viele Sekunden „nachgepuffert“ werden muss. Wer das früher erlebt hat, weiß, dass dies an den Nerven sägt und keinen Spaß macht. Hier sind aber zusätzliche Geschäftsmodelle denkbar – etwa eine YouTube-Pseudoflat mit 100 GB extra Volumen für sosundsoviel Euro versteht sich.

Eine erzieherische Maßnahme wäre eine Drosselung ebenso. Man wird sich besser überlegen, was man noch genau nutzt. Im Zweifelsfall wird man nur noch Dinge initiieren, die einen subjektiven oder sofort erkennbaren Vorteil haben. Damit das Monatskontingent länger hält, werden wahrscheinlich viele Kunden die vielen Sicherheitsupdates abschalten, eine Katastrophe für das ohnehin unter Dauerbeschuss von Hackern stehende Netz. Auch das neue Aufsetzen eines Rechners – nach einer bewiesenen oder vermeintlichen Infektion – ginge nicht mehr so sorglos. Allein die Neuninstallation bedeutet, dass nach Installation des Betriebssystems und weiterer Software von DVD viele GB Sicherheits- und funktionale Updates nachgeladen werden. Wenn das Monatskontingent fast schon erschöpft ist, werden solche sinnvollen Aktionen vermutlich erst einmal hinten angestellt.

Bestandskunden nicht betroffen – wirklich?

Die Telekom weist darauf hin, dass Bestandskunden nicht betroffen seien. Dies würde bedeuten, dass diese noch eine Zeit lang unbeschwert surfen könnten und allenfalls die moderate Drosselung ertragen müssten. Doch Verträge haben eine gewisse Laufzeit (meiner läuft noch bis Oktober dieses Jahres), wenngleich sie sich dann automatisch verlängern. Bei nachteiligen Änderungen der Konditionen hätte der Kunde zwar ein Sonderkündigungsrecht. Fraglich ist aber, ob er bei der Konkurrenz viel bessere Konditionen erhält. Außerdem bedeutet die Umstellung oft einen ziemlich hohen Aufwand. Ggf. wird andere Hardware (Router) gebraucht, die dann erst einmal installiert werden muss. All das ist machbar, aber ärgerlich. Die Frage ist nur, ob auch andere Anbieter auf die 384 Kbit/s heruntergehen werden. Falls nein, dürfte die Telekom viele Kunden verlieren.

Die Telekom hat auch viel Unsicherheit gesät. Auf Fragen besorgter User, die sogar bereit sind, Kontingente dazuzukaufen, reagiert die Telekom auf der offiziellen Facebook-Seite auffällig verhalten. Ein Benutzer wollte wissen, was 1 TB pro Monat koste (das würde einem Poweruser reichen, eventuell auch einer Wohngemeinschaft, die das Internet nicht exzessiv nutzt). Doch die Antwort der Telekom war nur, dass man nicht plane, solche vergleichsweise großen Kontingente anzubieten.

Noch sind es nur Überlegungen, aber schon sehr konkrete. Es spricht viel dafür, dass die Zeit der Sorglos-Internettarife bald zu Ende geht und auch eine unbeschwerte Nutzung des Internets in naher Zukunft bald der Vergangenheit angehört.

Ich beispielsweise habe Internet-Pay-Radio abonniert, das mit moderaten 256 Kbit/s auskommt. Doch bei einer Drosselung auf 384 Kbit/s läuft auch dieses nicht mehr stabil, da die Bandbreite anteilsmäßig aufgeteilt wird, wenn man z.B. noch nebenbei surft. Störungsfrei läuft der Dienst ab ca. 1 Mbit/s. Da es sich um einen kleinen US-amerikanischen Anbieter handelt, wird dieser sicherlich nicht vom Monatskontingent ausgenommen. Ich müsste den Anbieter dann kündigen. Vergleichbare Dienste von der Telekom gibt es nicht, da es sich hierbei um sehr spezielle Musikkanäle handelt, die in ihrer Zusammenstellung weltweit einmalig sein dürften.

Es kann nur an die Telekom appelliert werden, die Pläne noch einmal zu überdenken. Das Vorhaben würde den Nutzen des Internets erheblich reduzieren. Vielleicht bewirkt ja der viel zitierte Shitstorm, den die Telekom derzeit erleben darf, etwas.

Update – DSL-Drosselung auf 384 Kbit/s nun amtlich (22.04.2013)

Die Pläne sind nun amtlich. Für Neuverträge wird ab 2. Mai bei Volumenüberschreitung eine Drosselung auf lächerliche 384 Kbit/s eingeführt. Bei VDSL 50 liegt das Limit bei 200 GB pro Monat (Infos siehe folgende Tabelle). Bestimmte Telekom-eigene Dienste (Entertain, DSL-Telefonie*) werden nicht auf das freie Volumen angerechnet (Unterscheidung gute/schlechte Daten). Es soll die Möglichkeit geben, Zusatzkontingente hinzuzubuchen. Die technische Umsetzung soll angeblich nicht vor 2016 erfolgen. Quelle: SPIEGEL

Anschluss Mbit/s Limit pro Monat in GB
16 75
50 200
100 300
200 400

* Das ist auch das Mindeste, was man erwarten kann, sonst könnten die Kunden nach Volumenüberschreitung faktisch nicht mehr fernsehen und telefonieren.

Vieles mag sich jetzt noch nicht so beunruhigend anhören, aber es ist anzunehmen, dass ausgelaufene Bestandsverträge als Neuverträge gewertet werden. Auch ist nicht bekannt, wann die Drosselung wirklich eingeführt wird. Wenn es so weit ist, ist es durchaus möglich, dass es keine Kunden mehr oder nur noch wenige gibt, die sich auf ihre ursprüngliche Regelung (keine Drosselung oder moderate Drosselung auf 6 Mbit/s) berufen können. Dennoch bleibt Zeit, Druck auf die Telekom zu machen. Viele sind sicher bereit, ein paar EUR mehr zu zahlen, wenn sie eine echte Flatrate erhalten. Doch genau so ein Angebot soll es ja nicht geben. Die Möglichkeit, weitere Volumina hinzuzukaufen ist nicht dasselbe und im Allgemeinen kein annähernder Ersatz, auch wenn die genauen Konditionen noch nicht bekannt sind. Es gilt auch abzuwarten, ob andere Anbieter mitziehen werden.

13 Gedanken zu „World Wide Wait reloaded – Telekom führt drastische DSL-Drosselung auf 384 Kbit/s ein (Update 22.04.2013)“

  1. Bissl ab vom Thema, aber wenn ich das Bild seh fällt mir ws ein! 😉

    Im PEP stand auch ein BTX Gerät. War vor den Shops wo heute der Juwelier Christ und der Geox Laden ist.
    Wusste damals noch wie man zu einem bestimmten Spiel kommt, kann mich leider nicht mehr genau erinnern..

  2. „Tatsächlich propagiert die Telekom ihr Entertain Internet-TV (IPTV). Die Kunden besitzen nun auch noch die Frechheit, diese Dienste tatsächlich zu buchen und auch – jetzt wird es richtig frech – noch umfassend nutzen!“
    ! (y) !

  3. du kannst dir sicher sein das vodaphone und die anderen nachziehen wenn Tcom den Schritt erstmal vorgemacht hat. Aber ich glaub ich hab gelesen das Tcom medien dienste wie die movies usw nicht in die Zählung mit reinkommen. aber bisher sind eh alles nur unbestätigte Gerüchte(!)

  4. @ Tobi… an dieses Ding kann ich mich auch noch erinnern – war da aber nie dran – wusste damals nicht, was ich mit BTX machen kann – aber war ich ja auch noch klein^^ Das erste 2400 baud Modem kam dann aber bald 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.