Nach nur drei Jahren – Rollstuhllift soll wieder weg

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Einbau des Rollstuhllifts 2010 (Archivbild). Nach nur knapp über drei Jahren soll der Rollstuhllift demontiert und entsorgt werden. Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Monteure (29.04.2010) © Thomas Irlbeck

Vor etwas mehr als drei Jahren wurde in meinem Haus ein Rollstuhllift eingebaut (Neuperlach.org berichtete). Damit wird die Treppe zum Hochparterre überwunden und der Zugang zu den Wohnungen barrierefrei. Bezahlt wurden Anschaffung, Einbau und Wartung von Herrn N., einem Eigentümer, der große körperliche Einschränkungen beim Laufen hatte. Nur die Stromkosten wurden von der Eigentümergemeinschaft übernommen. Das Nutzungsrecht für den Lift erhielt ausschließlich Herr N.

Im Januar dieses Jahres verstarb Herr N. tragischerweise. Die Erbin hat nun angeboten, den Rollstuhllift der Eigentümergemeinschaft kostenfrei zu überlassen. Nur Wartungs- und Instandhaltungskosten seien von der Eigentümergemeinschaft zu tragen.

Für mich war klar, dass man den Lift übernehmen sollte. Zum Entsorgen ist er zu schade und es ist gut, wenn er da ist – für alle Fälle. Bei der gestrigen Eigentümerversammlung war der Rollstuhllift ein Tagesordnungspunkt. Die Verwalterin mahnt mit Recht, dass jeder von uns einmal auf den Rollstuhl angewiesen sein könnte.

Dennoch entwickelt sich eine sehr negative Stimmung im Saal gegen den Rollstuhllift. Ein Eigentümer weist darauf hin, dass der Rollstuhllift so gut wie nie verwendet worden und daher sinnlos sei. Dem wird entgegnet, dass Herr N. ihn sehr wohl benutzt habe – zumindest in den letzten Monaten, in denen er im Rollstuhl gesessen sei und nicht mehr auf Krücken gehen konnte. Der Eigentümer kontert, der Lift wäre an der falschen Hausseite eingebaut worden – nämlich am Hintereingang und nicht am Vordereingang.

Der Einbau des Rollstuhllifts schreitet voran (Archivbild von 2010) © Thomas Irlbeck

Ich erwidere, dass es nicht anderes möglich gewesen sei, da nach der Türe des Haupteingangs (Südseite) im Flur noch einmal ein paar Stufen kämen. Die Fahrstühle wären so nicht barrierefrei zu erreichen gewesen. Der Hintereingang (Nordseite) ist dagegen höher und man steht nach dem Öffnen der Türe schon niveaugleich vor den Fahrstühlen.

Außerdem ist ja die Tiefgarage auf der Nordseite der Wohnanlage, die Südseite wäre noch weniger unpraktisch. Der Eigentümer beschreibt, wie umständlich der Rollstuhllift für Herrn N. gewesen sei. Aus der Tiefgarage habe Herr N. die normale Autorampe nach oben fahren müssen, da es sonst nur Treppen nach oben gebe. Dort sei er aber dann am anderen Ende der Wohnanlage rausgekommen und habe über die Lieferzufahrt quasi wieder zurückfahren müssen.

Ein anderer Eigentümer ruft „Wir übernehmen den Rollstuhllift nicht“ und muss sich belehren lassen, dass darüber alle Eigentümer abzustimmen hätten. Von verschiedenen Eigentümern wird auf die nicht geringen Wartungskosten hingewiesen. Außerdem könnte es ja mal gesetzliche Änderungen geben und dann müssten Sicherheitseinrichtungen für viel Geld nachgerüstet werden. Aufhänger dafür waren die Fahrstühle der Wohnanlage, die erst vor kurzem ausgetauscht wurden und jetzt mit einem Kabinenabrutschschutz versehen werden müssen.

Die Plattform wird mal testweise aufgeklappt (Archivbild von 2010) © Thomas Irlbeck

Für mich ist das nicht überzeugend. Hin und wieder sehe ich einen Mann (Bewohner oder Besucher?), der im Rollstuhl sitzt und, da er keinen Schlüssel für den Lift besitzt, in einer strapaziösen und langwierigen Prozedur von seiner Begleiterin die Treppe „hinaufgestützt“ wird. Im Saal ist aber niemand, der nicht mehr Treppensteigen kann. Viele Eigentümer sind allerdings bereits jenseits der 70, da kann man nicht erwarten, dass es mit dem Laufen für alle Ewigkeit so gut funktionieren wird.

Dann kommt es, wie ich es vor Beginn der Versammlung nicht erwartet hatte. Mit gewaltiger Mehrheit wird der Antrag auf die kostenfreie Übernahme abgelehnt. Ich stimme mit „Ja“, aber ich bin fast der Einzige, der sich für die Übernahme ausspricht.

Nun wird der Rollstuhllift also demontiert und entsorgt. Es sei denn, es meldet sich noch jemand, der bereit ist, den Rollstuhllift in Eigenregie und auf eigene Betriebskosten zu übernehmen.

2 Gedanken zu „Nach nur drei Jahren – Rollstuhllift soll wieder weg“

  1. Jeder Mensch, auch junge Menschen, kann einmal auf einen Rollstuhl angewiesen sein. Dann ist ein solcher Aufzug ein Schritt zurück zur Selbständigkeit. In öffentlichen Gebäuden ist es mittlerweile sogar Pflicht, einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

    Gerade dort, wo einige Bewohner jenseits des 70. Lebensjahres sind, ist die Gefahr sehr hoch, dass sie nicht mehr die Treppen schaffen.

    Die Frage der Unterhaltskosten ist doch nur vorgeschoben. Das sind auf alle Eigentümer verteilt nur Peanuts.

    Man soll ja niemand etwas schlechtes wünschen, aber es ist nicht verboten, ihm kein Glück zu wünschen.

    P.S.: Die Anlage wird sicher nicht verschrottet, es gibt einen Zweitmarkt für solche Aufzüge.

    1. P.S.: Die Anlage wird sicher nicht verschrottet, es gibt einen Zweitmarkt für solche Aufzüge.

      Die Plattform, Elektronik etc. kann man sicher weiterverwenden. Teile, etwa die Schienen, sind aber wahrscheinlich Maßanfertigungen. Das bedeutet, da gibt es einen Wertverlust, der vermutlich viel höher ist als bei anderen Geräten.

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