Substitutionspraxis im Marx-Zentrum: Wachmann feuert mit Gaspistole auf Patient (Update 11.01.2013)

Werbung

Peschelanger/Zum Ärztehaus
Hier geht es zum Ärztehaus, die Tafeln im Bild links deuten unzweifelhaft darauf hin. In einer der Praxen kommt es leider immer wieder zu unschönen Vorfällen (Archivbild) © Thomas Irlbeck

In einer Arztpraxis im Neuperlacher Marx-Zentrum, in der auch Drogensubstitution durchgeführt wird, kam es am Samstag, den 30. Juni 2012 erneut zu einem Zwischenfall mit Verletzten. Das berichten der Münchner Merkur und die Abendzeitung München. Um kurz vor 10 Uhr warteten im Treppenhaus des Ärztehauses etwa 15 Patienten auf ihre Versorgung. Einer von ihnen, ein 40-Jähriger, ist alkoholkrank und wollte die Praxis wegen eines Alkoholtests aufsuchen. Zu diesem Zeitpunkt war er laut Bericht völlig nüchtern (Update: ein später erschienener Bericht spricht dagegen von 1,6 Promille). Aus ungeklärten Umständen geriet der Mann in Streit mit einem 26-jährigen Wachmann. Letzterer fühlte sich in der außer Kontrolle geratenen Lage so bedroht, dass er mit seiner Gaspistole auf den 40-Jährigen feuerte. Letzterer wurde wegen des Reizgases noch aggressiver, woraufhin es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kam. Der 40-Jährige hat neben Augenreizungen eine Platzwunde und Abschürfungen zu beklagen, der Wachmann diverse Kratzer. Weitere Patienten wurden durch das Reizgas ebenso an den Augen verletzt. Als Polizei und Feuerwehr eintrafen, hatte sich die Lage entspannt, die Verletzten wurden zu diesem Zeitpunkt bereits in der Praxis versorgt. Die Polizei ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung.

Vorfälle dieser Art kommen in Verbindung mit der Substitutionspraxis immer wieder vor. Letztes Jahr gab es dort sogar einen SEK-Einsatz, bei dem man anfangs sogar von Geiselnahme ausging. Ein vorher abgewiesener Patient hatte sich mit einer Pistole bewaffnet Zutritt zur Praxis verschafft und forderte seine Methadondosis ein. Der Arzt flüchtete über eine Festleiter aufs Dach, eine ebenfalls im Sprechzimmer befindliche Patientin konnte ihm wegen Höhenangst nicht folgen. Verletzt wurde damals niemand, der Täter kam in die Psychiatrie nach Haar. Der Arzt wurde über eine Drehleiter vom Dach gerettet. Die Pistole entpuppte sich später als Schreckschusswaffe.

Update

Der Prozess hat nun vor dem Münchner Amtsgericht begonnen. Der Wachmann steht wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Er beruft sich auf Notwehr, er sei von dem Patienten angegriffen worden. Bericht der Münchner Abendzeitung

Bemerkung: Im Bericht der Münchner Abendzeitung heißt es, der Vorfall wäre am Samstag, den 20. Juni 2012 gewesen. Der 20. Juni war aber kein Samstag. Daher sollte der 30. Juni richtig sein.

Saufen, bis die Blase platzt

Werbung

Pipi-Party
Pipi-Party. Hier eine harmlose Darstellung. Denn Neuperlach.org ist ja jugendfrei. Foto: schoschie / Lizenz siehe: flickr

Die Erfinder von kommerziellen Partys beweisen oft Kreativität. Eine nicht mehr ganz neue, aber vielleicht noch nicht jedem bekannte Form ist die so genannte Pipi-Party. Bei dieser Abwandlung der Flatrate-Party darf so lange kostenlos getrunken werden, bis der erste Partygast – nun ja, drücken wir es vornehm aus – Öl wechseln muss. Unumstritten sind Flatrate-Partys im Allgemeinen sicher nicht, da sie zu hemmungslosem Trinken einladen, schließlich hat man pauschal bezahlt (oder kommt bei einer Pipi-Party die erste Zeit kostenlos davon) und will dann möglichst viel herausholen, vielleicht mehr, als es der Körper verträgt.

Wenig begeistert von den Pipi-Partys im Speziellen und den Flatrate-Partys im Allgemeinen ist Michael Bromberger (Gemeinsame Wählervereinigung), Bürgermeister in der 4.400-Seelen-Gemeinde Eurasburg im Landkreis Bad Tölz/Wolfratshausen. Bromberger macht in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung keinen Hehl daraus, dass ihm die Veranstaltungen missfallen. Doch die Partys finden gar nicht in seiner Gemeinde statt, sondern in der Umgebung. Stein des Anstoßes war aber die laszive Darstellung einiger Plakate. Halbnackte Frauen und Wodkaflaschen, das gehe nicht an der Staatsstraße, an der Kinder unterwegs sind. Kurzerhand verweigerte er die Genehmigung für Plakate, die ihm nicht genehm waren. Diese Plakate dürfen nicht auf dem Gemeindegrund geklebt werden.

Man kann sicher darüber diskutieren, ob Flatrate-Partys ein adäquater Umgang mit Alkohol in der Gesellschaft sind. Anstößige Plakatdarstellungen sind ein ganz anderes Thema (es ist sehr umstritten, ob sie überhaupt Schaden bei Kindern anrichten können) und deren Verbot ist kein Ansatz, das Alkoholproblem anzugehen. Hier sind vielmehr Diskussionen notwendig, die auch kritische Fragen stellen, z.B., warum nicht nur an Stammtischen Trinkfestigkeit und sogar Trunkenheit am Steuer oft heldenhaft bewertet werden, trockene Alkoholiker und auch generell Nichttrinker sich dagegen für ihre Abstinenz rechtfertigen und Alkoholiker sich verstecken müssen. Ein offenerer Umgang mit dem Thema Alkohol ist dringend erforderlich. Bromberger hat allenfalls die Debatte angeregt, wirklich verändern wird sich an der Tendenz der Politik, mit Verboten zu antworten, aber wohl nichts. So werden wir weiter hilflose Vorschläge hören, den Alkoholverkauf an Tankstellen außerhalb der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten zu verbieten, Trinkverbote auf öffentlichen Plätzen zu verhängen und die Sperrzeiten zu verlängern, also die frühere Polizeistunde wieder einzuführen. Tatütata!

Verbote, Tricksereien und Spielchen – Wie die Politik das Alkoholproblem bei Jugendlichen (nicht) angeht

Werbung

Eine nächtliche Schnapsverkaufseinrichtung, in der man nebenbei auch das Automobil betanken kann. Fließt hier bald gar nichts mehr? Foto: thomas mies / Lizenz siehe: flickr

Es ist kein Geheimnis, dass es speziell unter Jugendlichen ein großes Alkoholproblem gibt. Folge des exzessiven Trinkens sind oft Straftaten. Die Anzahl solcher alkoholbedingten Straftaten steigt seit Jahren an wie der Promillegehalt im Blut nach dem Griff zur Schnapsflasche. Da sich die Jugendlichen typischerweise nachts an Tankstellen den Stoff besorgen, um „vorzuglühen“, möchte die CSU am liebsten nach dem Vorbild Baden-Württembergs ein nächtliches Verkaufsverbot für hochprozentige Alkoholika (dort gibt es allerdings auch niederprozentige Alkoholika nachts nicht mehr zu kaufen, aber ein Bierverkaufsverbot in Bayern ist natürlich nicht denkbar, zu bedeutend ist der Gerstensaft im Land der Wiesn). Die CSU muss aber auf den liberalen Koalitionspartner Rücksicht nehmen, der das Vorhaben ablehnt. Die SPD meint, die Gunst der Stunde nutzen zu müssen, und bringt einen Gesetzentwurf für ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot im Bayerischen Landtag ein. Die CSU stimmt dagegen und der Gesetzentwurf wird abgelehnt.

Quelle: SPD scheitert bei Alkoholverkaufsverbot (inFranken.de) (Seite nicht mehr verfügbar)

15 % Rabatt verleiten zum Kauf der Zweit-Alkoholflasche (26.02.2010) © Thomas Irbeck (Handyfoto)

Im Endeffekt gibt es eine riesige Mehrheit im Parlament und dennoch wird das Gesetz abgelehnt. Das ist Politik, wie sie zu Verdruss führt. Meines Erachtens wollte die SPD die CSU nur vorführen nach dem Motto, ihr könntet kriegen, was ihr wollt, ihr dürft aber nicht. Nichtsdestotrotz bin ich entschieden gegen ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Es gefährdet Tankstellen, die vom Benzin- und Dieselverkauf alleine nicht leben können.
  • Die harten Alkoholika dürfen ohnehin nicht an Kinder und Jugendliche verkauft werden. Man sollte zunächst die Einhaltung des bestehenden Gesetzes überwachen, bevor man Erwachsenen verbietet, ein legales Produkt zu bestimmten Uhrzeiten zu kaufen.
  • Ein nächtliches Verkaufsverbot verleitet nur dazu, einen entsprechenden Vorrat anzulegen. Unter Umständen wird dann noch mehr getrunken als früher, weil immer ein paar Flaschen Schnaps auf Lager sind, während man früher vielleicht „nur“ eine Flasche nachts an der Tankstelle geholt und geleert hat.

So gesehen gefällt mir das Ergebnis, aber nicht, wie es zustande gekommen ist. Bei den ganzen Machtspielchen bleibt das eigentliche Thema auf der Strecke: Wie dämmt eine Gesellschaft das Alkoholproblem ein: durch Verbote, durch Aufklärung oder durch progressive Ideen? Das Alkoholverkaufsverbot, das auch Erwachsene trifft, ist nicht fortschrittlich, sondern ein rückständiges Mittel einer konservativen Verbotspolitik.

Hohe 15 Prozent auf Niedrigprozentiges

Werbung

Bei Twitter gibt es jede Woche den berühmten Follower Friday, bei dem man seinen Verfolgern andere Twitter-Benutzer empfiehlt. Bei meinem Discounter an der Ecke gibt es auch einen speziellen Freitag, an dem auf eine bestimmte Warenart 15 % Rabatt gewährt werden. Letzten Freitag waren es Hartwaren, diese Woche ist es Wein. Die Alkoholfahrt von Frau Käßmann nach Weingenuss hat damit aber nichts zu tun. Da ging es auch eher um Promille, nicht um Prozente.

Logo entfernt, wir wollen ja keine Werbung machen, schon gar nicht für legale Drogen  (26.02.2010) © Thomas Irbeck (Handyfoto)

Was die „Blaufahrt über rote Ampel“ mit der Vorbildfunktion zu tun hat

Werbung

Vor fünf Jahren gab es unmittelbar vor meinem Wohnhaus am Karl-Marx-Ring einen tragischen Unfall. Bei einem spontan verabredeten und natürlich illegalen Straßenrennen zweier Fahranfänger flog ein Auto aus der Bahn und wickelte sich regelrecht um einen Baum. Der 18-jährige Fahrer des verunfallten Autos starb.

Mit diesen Bildern im Kopf betrachte ich seitdem die Themen „Leichtsinn“ und „Alkohol am Steuer“ mit einem noch weit kritischeren Blick. Nun ist sicher jede Alkoholfahrt eine Fahrt zu viel, unabhängig davon, ob eine Bischöfin am Steuer sitzt oder Herr oder Frau Mustermann. Für die Medien sind Hinz und Kunz aber weniger interessant. In manchen Redaktionen wird daher bei einigen Redakteuren sicherlich der Schadenfreude auslösende Sensationsdetektor angesprungen sein, als bekannt wurde, dass die beliebte evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann, die jüngst viel mediale Aufmerksamkeit und viel Lob wegen ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr bekam, bei einer Blaufahrt ertappt wurde. Mit 1,54 Promille Alkohol im Blut war sie über eine rote Ampel gefahren. Frau Käßmann droht nun ein Strafverfahren.

Nun kann man aber nicht über etwas berichten, ohne dass man sich selbst dem Vorwurf aussetzt, Teil der Sensationsberichterstattung zu sein. Klar, auch Neuperlach.org ist mittendrin, wenngleich der Schaden angesichts der Tatsache, dass kein Millionenpublikum dabei ist, sondern nur eine Handvoll Leute mitlesen, eher gering ist. An der grundsätzlichen Tatsache, dass man sich selbst zum Rädchen in der Maschinerie macht, ändert dies aber nichts. Dennoch berichte ich ausnahmsweise über den Fall, da mich die gesamten Auswüchse der Berichterstattung selbst und auch so manche dazu abgegebenen Kommentare trotz einer gewissen Erwatungshaltung doch etwas verwundern.

„Das Maß ist voll, erst geschieden, jetzt betrunken“ schreibt ein Kommentator. Der nächste fordert den Rücktritt, zu dem es natürlich keine Alternative gebe. Der nächste kommt zu der Erkenntnis, dass der kirchliche Vorstand mit gutem Beispiel vorangehen müsse. Ein anderer fordert, dass Frau Käßmann sich fragen solle, ob sie ihren Ämtern gewachsen sei, und tritt auch ein wenig nach, er halte Frau Käßmann außerdem nicht für besonders selbstbewusst, sondern eher für laut. Es gibt freilich auch genug Gegenpositionen, etwa, dass man nur hoffen könne, dass die evangelische Kirche diese tolle Frau nicht wegen dieses blöden und gefährlichen Missgeschicks fallen lässt. Solche Diskussionen in Kommentaren werden erfahrungsgemäß schnell off-topic, immerhin klärt uns ein Kommentator auf, dass der Papst entgegen eines weit verbreiteten Irrtums keineswegs generell unfehlbar sei. „Unfehlbar“ seien nach katholischer Lehre nur Äußerungen des Papstes zur Glaubens- und Sittenlehre, wenn dieser sie ausdrücklich „ex cathedra“ verkünde.

Klar, Frau Käßmann hat Schuld auf sich geladen, die nicht relativiert werden kann, auch wenn leider solche Verfehlungen ein Massenphänomen sind. Richtig öffentlich bekennt sich kaum jemand dazu und kaum einer prahlt mit solchen Antiheldentaten. Es kommt aber auf den Ort und den eigenen Zustand an, an dem und in dem man etwas sagt. Die Stammtische sind solch ein Ort. Januskopfmäßig werden die Blaufahrten, die ja angeblich gar nicht so gefährlich wären, dann zum Heldenepos. Die Geschichten, dass die Dorfpolizei angeblich die Fahrten toleriere, und Anleitungen, wie man sich nicht erwischen lässt, wenn die Dorfpolizei doch mal anderer Meinung sei, werden im Wirtshaus mit viel Liebe zum Detail und reichlich alkoholbedingten Hinzudichtungen verkauft. Eine Geschichte einer Alkoholfahrt wird erst dann richtig spektakulär und unterhaltsam, wenn der Erzähler sie mit aktivem Ins-Glas-schauen flüssiger macht und der Zuhörer den Erzähler kopiert, indem er bei sich selbst für alkoholmäßigen Getränkenachschub sorgt. Die Vorbildfunktion befindet sich dann schnell auf dem Stand eines vollständig geleerten Maßkrugs.

Am nächsten Tag am Arbeitsplatz wird selbstverständlich die Vorbildfunktion hoher Würdenträger eingefordert. Bei denen, die selbst ein Vor-Bild sind, betrachte ich einen solchen Anspruch mit höherem Verständnis. Forderungen sind Worte, die gelebten Vorbilder sind die „Beispiele“. Hier passt das Zitat „Worte sind Zwerge – Beispiele Riesen!“ (Verfasser unbekannt).

Die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßman. Sie wurde erwischt, andere (noch) nicht. Foto: evangelisch / Lizenz siehe: flickr