Ins Blut übergegangen – wenn nicht nur der Arzt gewechselt wird (und was das alles mit der Mark zu tun hat)

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In Neuperlach gibt es mehrere Ärztehäuser. Wie in einem vollklimatisierten Einkaufszentrum kann man die verschiedenen Fachabteilungen wechseln, ohne sich Kälte und Regen auszusetzen. Hier links im Bild: das Ärztehaus im Marx-Zentrum. Statt der Kasse am Ausgang gibt eine eingebaute Apotheke, um den Arztbesuch erfolgreich abzuschließen (Archivbild). Foto: Thomas Irlbeck

Im Leben gibt es immer mal wieder Schnitte. Speziell auch dann, wenn es um Medizin geht. Seit 35 Jahren bin ich in derselben Neuperlacher Allgemeinarztpraxis Patient. Schon als etwa 10-Jähriger wurde ich dort betreut. Nun aber habe ich den Arzt gewechselt. Es ist ein komisches Gefühl, da gewisse Dinge einfach immer schon so waren. Manchmal vollzieht sich aber Erstaunliches.

CDU/CSU und FDP sind auf einmal nicht mehr vorbehaltlos für Kernkraft, sondern nun eher gegen Atomkraft. Der Vorsitzende der Freien Deutschen Partei ist plötzlich nicht mehr laut, humorlos, arrogant und selbstgefällig, sondern leise, witzig, freundlich, Bauchredner, Findelkind und Arzt, um den Kreis wieder zu schließen.

Helmut Kohl
Helmut Kohl. Vater der Einheit, des Euro und des Saumagens. Nicht nur das Denkmal, sondern auch dessen Dekoration hat Risse bekommen. Foto: springfeld / Lizenz siehe: flickr

Oft ist eine Zäsur hart. Lange Zeit kann man den Wechsel kaum glauben. Als der Dicke nach 16 Jahren weg war, mussten sich viele Leute immer wieder frühmorgens zwicken. Kein Traum: Der Pfälzer hatte tatsächlich den Thron freigemacht. Dabei wollte doch Kohl Hauptstadt bleiben (so ein Titel des Titanic-Magazins). Zehn Jahre Guidomobil an der Spitze sind auch eine Menge, wenngleich das „mobil“ schon längst Vergangenheit ist und nur der erste Namensbestandteil unherreist, innen FDP-Chef und außen Minister. Nicht immer schafft ein Oldie den Absprung rechtzeitig. Gelegentlich muss dem Alten nachgeholfen werden. Manche Dinge verschwinden aber auch von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Die Polaroid-Kamera ist ein Beispiel dafür, das sich technisch überlebt hat, aber dennoch so viele Fans hat, dass Wiederauferstehungen angestrebt werden. Auch der Commodore 64 soll wieder mal reaktiviert werden, wenngleich mit erheblich besseren technischen Merkmalen als anno dazumal ausgestattet werden. Solche Retro-Reinkarnationen geben nicht nur einen gewissen Halt in einer sich stetig in immer schnellerem Wandel befindlichen Welt, sondern holen vor allem alte Erinnerungen hervor, als die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Aber nur scheinbar – 1982, als der Commodore 64 auf den Markt gebracht wurde, wurde eine andere, bereits erwähnte Marke eingeführt: die kohlsche Endloskanzlerschaft, einschließlich geistig-moralischer Wende, der später die Abschaffung der geliebten Mark folgte und noch später eine Kanzlerin aus der Ucker-Mark. Auch Helmut Mark-Wort mit seinen markigen „Fakten, Fakten, Fakten“ verschwand aus dem FOCUS. Dabei war er eine Institution, da sein Blättchen laut Marketing schneller auf den Punkt kam.

Die Mark äh Macht der Gewohnheit wird dann gewaltig, wenn erst einmal etwas in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich werde wohl mitzählen müssen, wie oft ich den gewohnten Weg nehmen und dann fast oder ganz in meiner alten Allgemeinarztpraxis landen werde. In solchen Fällen einer bis ins Mark peinlichen Situation wünscht man sich eine Tarnkappe. Deren Erfindung (Prototypen gibt es bereits) wird der nächste große Schnitt (Schritt) sein. Schnittig!

Was am Krankheitssystem nicht gesund ist – oder „Immer der Reihe nach“

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Wegen einer Erkrankung, die hier nicht weiter von Belang ist, muss ich seit knapp 20 Jahren alle 2 bis 3 Wochen, bei schwankenden Werten auch schon mal jede Woche oder zweimal die Woche, zur Blutuntersuchung bei einem Neuperlacher Arzt. Die eigentliche Blutabnahme dauert dank meiner guten Venen nur wenige Sekunden. Klar, dass ich nicht einfach so beim Arzt auftauchen kann, dieser alles stehen und liegen lässt, um mir schnell Blut abzunehmen. Also heißt es erst einmal beim Empfang anstellen. Vor mir in der Schlange laufen die unterschiedlichsten Diskussionen. Einer muss ins Spital und braucht eine OP-Vorbereitung. Der andere will ein Rezept. Da das gewünschte Medikament aber nicht in seiner Krankenakte verzeichnet ist,gibt es da ein Problem. Er soll zunächst in die Sprechstunde, will aber nicht. Bei der nächsten Patientin gibt es gewisse Sprachschwierigkeiten. Neuperlach ist halt international. Bei allen, die auch zur Blutuntersuchung möchten, zähle ich mit. Ich weiß, dass sich meine Wartezeit mit jedem gleichgesinnten Patienten um 10 bis „nach oben offen“ Minuten erhöhen wird, je nach Venenzustand, Neurosen oder Hang zu Ohnmachtsanfällen. Bei jedem zusätzlichen Blutabnahmewunsch verschlechtert sich meine Laune. Endlich bin ich dran. Nein, nicht zur Blutabnahme, sondern beim Vorsprechen am Tresen. Man schickt mich in den Wartebereich. Die Stühle dort sind hart, aber erst nach einer Stunde schmerzt der Allerwerteste. Endlich werde ich aufgerufen. Unter einer Stunde komme ich selten raus, manchmal sind es zwei, der Rekord war mal drei einhalb. Und das für einen kurzen Pieks.

Arzt
So sieht ein Arzt des Vertrauens aus. Foto: aeu04117 / Lizenz siehe: flickr

Mir ist klar, dass ein solches Prozedere sein muss, denn es kann für niemand eine Extrawurst geben. Doch der Rest ist ärgerlich. Um 16:45 des gleichen Tages erwartet man mich, um das Ergebnis abzuholen. Doch oft weiß man erst einmal gar nicht, um was es geht. Ich weise darauf hin, dass das Labor die Ergebnisse per Fax sendet. Es wird nach dem Fax geforscht. Eine Polarforschung ist auch aufwändig. Oft werde ich dann noch einmal für eine halbe Stunde oder eine Stunde in den Wartebereich verfrachtet, weil ja alles der Reihe nach gehen muss.

Blutuntersuchung
Das Blut wird fachmännisch im Labor untersucht. Foto: MikeBlyth / Lizenz siehe: flickr

Viel sinnvoller wäre es, wenn mir der Arzt in aller Ruhe das Ergebnis telefonisch oder per E-Mail mitteilen würde. Wer jetzt meint, dies wäre zu unsicher, dem sei gesagt, auch in einem persönlichen Gespräch vor Ort kann es zu Verwechslungen und Missverständnissen kommen. Ein Zeitgewinn wäre für den Arzt durchaus vorhanden, er könnte alle Mitteilungen in einem Arbeitsschritt versenden und dabei alles noch einmal kontrollieren. Der Stress wäre weg. Für mich wäre der Zeitvorteil sehr groß und es wäre nicht der gesamte Tag verplant. Ich bräuchte abends nur ganz gemütlich die entsprechende E-Mail öffnen. Versuche, das auf telefonischer Weise zu erledigen, gab es. Doch leider hat sich dies überhaupt nicht bewährt, sodass ich nun wieder die Praxis persönlich aufsuche. Auch ein Wechsel des Arztes würde wohl nichts bringen, da es nicht unwahrscheinlich ist, dass alles noch schlechter werden würde, und ich mit dem Arzt an sich ja sehr zufrieden bin. Daher werde ich auch in Zukunft immer wieder hören „Der Nächste bitte“, aber meist wird ein anderer gemeint sein und ich darf weiter warten. Das Beispiel zeigt aber, dass vieles an der Organisation in Arztpraxen optimiert werden und auch ein Einsatz neuer Medien – wenngleich E-Mail wahrlich nicht mehr wirklich neu ist – die Effizienz erhöhen und den Stress reduzieren könnte. Und Stress ist ja bekanntlich ungesund.