Was unser Neuperlach ausmacht

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Gartenanlage Quidde-Zentrum
Bild 1 (03.02.2018) © Thomas Irlbeck

Selbst im Winter zeigt sich, was unser Neuperlach ausmacht. Überall hinter den Wohnanlagen gibt es Wege, die durch Gartenanlagen und sogar kleine Wäldchen führen. Der Besucher, der nur die Hauptstraßen und das pep wahrnimmt, kriegt das alles gar nicht zu Gesicht und schimpft auf den angeblichen grauen Betonstadtteil. Zwei Fotos von heute in der Nähe des Quidde-Zentrum. Wir sind also hier nicht im Ostpark. Sprachlich plump könnte man sagen: In Neuperlach ist überall „Park“.

Gartenanlage Quidde-Zentrum
Bild 2 (03.02.2018) © Thomas Irlbeck

Die Bilder deuten an, auf was es den Planern in puncto Fortbewegung ankam: Die Menschen sollen sich zu Fuß und auf dem Rad fernab der Hauptstraßen bewegen, auf dem sogenannten Fußwegsystem mit einer an eine kleine Landstraße grenzenden Breite und auch auf Nebenwegen, wie man sie hier sieht. Neuperlach ist als auto- und fußgänger-, radfahrer-, kinder- sowie menschengerechte Stadt in der Stadt entworfen worden. Lassen wir mal den automobilen Aspekt außer Acht, waren die Gründer ihrer Zeit weit voraus. Ihr Gedanke wird aber kaum mehr verfolgt, man baut heutzutage wieder erheblich enger aufeinander und verdichtet auch unser Neuperlach immer mehr.

Presserundgang durch Neuperlach

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Das Telefon schrillt. Eine Redakteurin einer großen Tageszeitung ist am Rohr. Man wolle einen Artikel über Neuperlach machen. Dazu brauche man Informationen, wie sich der Stadtteil verändert habe. Wo es besondere Orte gäbe, die man nicht finde, wenn man mal einfach so aus der U-Bahn aussteige. Natürlich kann ich da helfen.

Treffpunkt ist mittags am pep. Ich führe die Redakteurin kreuz und quer durch Neuperlach. Durch die Ladenzentren, die besonderen Orte. Ich rede und rede, ich beantworte Zwischenfragen. Ich zeige die Ladenzentren, die kurz vor dem Abriss stehen. Die Ladenzentren, in denen es keine Supermärkte, keinen Bäcker, keinen Apotheker und keinen Metzger mehr gibt, dafür aber bis zu drei Wettbüros oder Spielhallen. Ich spreche über die Kriminalität, wie hoch sie wirklich ist. Sie ist erheblich niedriger als allgemein vermutet.

Ich zeige Architektur, wie sich die Häuser verändert haben. Immer mehr Häuser werden bunt oder knallbunt angestrichen. Das Trostlose weicht farblich, auch wenn ein Eimer Farbe alleine ein Haus nicht in der Substanz ändern kann. Ich beschreibe den hohen Komfort – Tiefgaragen, über die man trockenen Fußes in die Wohnungen gelangt. Ich zeige eine Wohnanlage, die sich sogar den Luxus eines eigenen Hallenbades leistet. Ich erkläre das großzügige Fußwegsystem, über das man fast überall hingelangt, ohne eine Straße betreten zu müssen. Die Querungen erfolgen mithilfe unzähliger Brücken und Unterführungen. Ich erwähne, dass man zwar versucht habe, die autogerechte Stadt zu schaffen, aber dass dies nicht direkt auf Kosten von Fußgängern und Radfahrern ging.

Einige Vorurteile, wie dass man sich leicht verlaufen könne, bleiben bestehen. Andere lösen sich auf. Marode Gebäude lassen sich keine präsentieren, mal von den Ladenzentren und einer einsturzgefährdeten Kirche abgesehen, die eher an ein Parkhaus erinnert. Das schlimmste Wohnhaus, bei dem bereits die Fassade abbröckelt und das man von der Optik eher im Ostblock der 1909er vermuten würde, gibt es nicht mehr in dieser Form. Vor ein paar Wochen wurde die Sanierung begonnen und fast alle Spuren sind schon beseitigt.

Das viele Grün und die vielen Freiflächen werden positiv aufgenommen. Ich erzähle unzählige Anekdoten. Das Jugendkino, das nicht mehr da ist. Das plattgemachte Verwaltungsgebäude der Neuen Heimat, wo jetzt das Einkaufszentrum Life steht. Die Stadteilinformation, wo sich neue Bewohner über Neuperlach informieren konnten und in dem auch ein Gipsmodell der Entlastungsstadt stand. Dort befindet sich heute ein türkisches Lebensmittelgeschäft. Es sind viele solche Läden entstanden. Ich rede über Migrationsprobleme, Brennpunkte, die Methadonpraxis, Vandalismus. Es gibt so viel zu erzählen. Nachdem fast jeder Häuserblock passiert wurde, zumindest in Neuperlach Nord, Ost und Mitte, geht es noch kurz ins Café. Nach 3½ Stunden ist der Presserundgang beendet. Ich spüre erst jetzt, wie weit ich gelaufen bin. Aber mit dem Auto könnte man den Stadtteil kaum zeigen – zu weit sind die viel zu breiten, fast leeren Straßen  von den interessanten Punkten entfernt. Neuperlach ist nicht dort, wo man es wähnt.