Buch- und Musikmarkt: neuer Standort!

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Der Buch- und Musikmarkt (ehemals im Kulturhaus) findet ab Mitte Mai 2018 im Nachbarschaftstreff Quidde-Zentrum, Quiddestraße 45, 81735 München statt.

Folgende Termine sind geplant:

19.05., 16.06., 21.07., 22.09. und 20.10.2018

jeweils von 9:00 Uhr bis 15:00 Uhr
Standgebühr 3.- € (pro lfd. Meter)

Info/ Reservierung:
089/700 655 73 oder w101.schmidt@freenet.de
089/638 388 72 oder s.schneeberger@quiddetreff.de

Nachbarschaftstreff Quidde-Zentrum
Nachbarschaftstreff Quidde-Zentrum (Archivbild)

Die Immaterialisierung der Welt

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Bislang war in der Medienlandschaft die Digitalisierung das beherrschende Thema, aus analogen Daten wurden und werden viele, viele Nullen und Einsen. Eine CD ist aber immerhin noch ein materielles Produkt. Bei den E-Books ist dies nicht der Fall, diese werden auf magnetische Ladungen auf der Festplatte reduziert. Folglich scheitert die Immaterialisierung fort. Nur das E-Book-Lesegerät ist noch materiell.

Natürlich liebe ich echte Bücher aus Papier und sie werden Unkenrufen zum Trotz wohl auch nie aussterben. Die alte Vinylplatte erlebt wieder hohe Zuwachsraten, jede neue Entwicklung erzeugt auch einen Gegentrend. Es hat aber alles seine Vor- und Nachteile: So ärgere ich mich, wenn ältere Bücher vergilben, sich Seiten lösen. Aber das Blättern in einem Buch ist immer noch was Sinnliches, es ist nicht vergleichbar mit einem Mausklick oder einem Fingertipp auf das berührungssensitive Display. Und man hält was in der Hand, man kann etwas ins Regal stellen und die Bücher nach immer ausgeklügelteren Methoden sortieren. Etwa nach der Farbe des Buchrückens, um interessante Farbübergänge zu schaffen. Um ein bestimmtes Buch zu finden, ist das aber eher unpraktisch.

All diese Bucherlebnisse bietet das E-Book nicht. Immerhin nutzen sich digitale Bücher nicht ab. Man kann darin schnell nach Begriffen suchen, und man spart Kubikmeter Platz in der Wohnung. Hat man irgendwann überhaupt keine Bücher aus Papier mehr, entfällt auch das lästige Abstauben. Wer gerne staubwischt, hat Pech gehabt oder kauft sich – natürlich über das Internet – staubanziehende Accessoires.

Entlastungsstadt Perlach
Ein richtiges Buch, ein historisches noch dazu: "Entlastungsstadt Perlach" – herausgegeben von der Neuen Heimat. Seien wir doch mal ehrlich, das gleiche Buch als E-Book wäre nur eine von Tausenden langweiligen Dateien, die auf der Festplatte herumschwirren. Alleine das "Alte" eines Buches, auch die einen oder anderen Gebrauchsspuren, das Lesezeichen, ein alter handgeschriebener Notizzettel oder Zeitungsschnipsel, den man im Buch findet, das bietet nur "das gute, alte Buch" (12.10.2011) © Thomas Irlbeck

Amazon bot mir tagelang den neuen Kindle aufdringlich auf der Startseite an. Wer es nicht weiß, das ist ein E-Book-Reader. Ich habe mir überlegt, ihn zu bestellen, bin aber davon wieder abgekommen.

Da frage ich mich, werde ich so langsam alt, konservativ, wo ist meine ansonsten so ausgeprägte Innovationsneurose geblieben?

Schließlich bin ich so was wie ein Mann erster Stunde. Als Erster in meiner Schulklasse zeichnete ich die Diagramme nicht mehr mit dem Bleistift, sondern erstellte sie mit dem Heimcomputer Commodore 64 und druckte sie mit dem Commodore MPS 801 aus, einem der ersten bezahlbaren Computerdrucker. Bezahlbar heißt, er war dennoch schweineteuer, er war laut und er hämmerte die Druckpunkte mit einer Nadel aufs Papier. Das Druckbild war katastrophal, dennoch konnte man mit etwas Geduld ausreichend viel erkennen. Der Mathelehrer war nicht begeistert, akzeptierte es aber schließlich. Zur Ableitung und Integration von Formeln entwickelte ich eigene Software. Man könnte mir jetzt vorwerfen, dass ich das ja selbst lernen und nicht der Software überlassen sollte. Doch da ich die Software mit der notwendigen Intelligenz ausstatten musste, lernte ich während der Entwicklung der Software das Ableiten und Integrieren, sodass ich es danach wirklich beherrschte. Meine Facharbeit schrieb ich auch auf dem Computer. Allerdings bestand der Lehrer wegen des schlechten Schriftbildes des MPS 801 darauf, dass ich die Facharbeit auf der Schreibmaschine am Ende noch mal abtippte. Ich profitierte immerhin von der Fähigkeit der Textverarbeitungssoftware. So konnte ich die Arbeit zigmal umschreiben, ohne dass ich mit Schere und Klebstoff arbeiten musste. Nur die Reinschrift mit der Schreibmaschine am Ende musste ich wie gesagt leisten. Ich kann mich heute noch dran erinnern, wie weh jeder Tippfehler tat, da er ein Auslösen der Korrekturtaste erforderte. Diese hinterließ Spuren auf dem Papier und ich befürchtete Punkteabzüge.

Nun mache ich nicht mehr jede Entwicklung mit. Immerhin lese ich abends im Bett keine gedruckten Zeitschriften und keine Zeitung mehr, sondern surfe mit meinem Smartphone auf Nachrichtenwebsites, bin also noch kein Vollzeitkonservativer. Das Smartphone als Papierersatz hat den Vorteil, dass die Nachrichten aktueller sind und dass ich mehr Auswahl habe. So erfahre ich nun fast jede Nacht noch per Eilmeldung, dass Griechenland nun endgültig fast faktisch pleite ist.

Ich denke nicht, also bin ich

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Neuperlach.org verfolgt ja ein Motto: Immer mal was Neues wagen, denn immer gleiche Themen wie „Ladensterben im Marx-Zentrum“ werden irgendwann langweilig. Nun soll eine Buchbesprechung für Abwechslung sorgen. „Non cogito, ergo sum“ nennt Holger Junghardt sein Buch, auf Deutsch „Ich denke nicht, also bin ich“.

Junghardt beschreibt im ersten Teil unsere pervertierte Gesellschaft, was alles schief läuft. Wir züchten Tiere in Schlachtfabriken, um sie zu essen oder für Versuche zu verwenden (z.B. um Kosmetikartikel zu testen, die uns ewige Jugend und Schönheit bringen sollen), unser leistungsorientiertes Schulsystem ist ineffektiv, es gibt Kriminalität, Perspektivlosigkeit, die Religionen haben sich widersprechende Absolutheitsansprüche, Parteien dienen dem Selbstzweck, in der Erziehung läuft viel falsch, ebenso im Miteinander, speziell in Partnerschaften, im Beruf finden nur wenige Erfüllung und Freude, und mit immer mehr Bürokratie geht unendlich viel Zeit verloren. Zu allen erdenklichen Themen hat der Autor was zu sagen. Kurz und schonungslos rechnet er mit dem dekadenten System ab. Man hat den Eindruck, hier schreibt ein schlimmer Zyniker, der am Leben verzweifelt und gescheitert ist. Einige Aussagen erscheinen verächtlich, ausländer- und frauenfeindlich. Weisheiten wie

Insbesondere die Jugend fällt immer mehr durch Gewaltkriminalität auf. Dies ist vor allem verbreitet in Unterschichten, die sich in diesem Land ständig vermehren — der größte Reichtum des Prolet in seiner Kinderschar besteht.

würde man spontan Thilo Sarrazin zuschreiben. Junghardt erwähnt zwar nicht namentlich die Muslime, aber spricht von Unterschicht, von Migranten und von radikalen Religionen. Seine Botschaft ist die, dass die westliche Welt irgendwann auf den Stand der Dritten Welt zurückfällt, da die immer größer werdende Unterschicht das ganze System herunterzieht.

Die Aussage zur Gleichberechtigung der Frau ist unhaltbar:

Hierzu ((gemeint ist der Feminismus, der Verfasser)) ist zu sagen, dass die Mehrheit der Frauen für die Emanzipation ist, intelligente Frauen dieser jedoch gleichgültig gegenüberstehen.

Eine andere beleuchtet das Wahlverhalten der Frauen:

[…] wählen Frauen sehr gerne nach der Attraktivität eines Kandidaten, gleichsam wie in einem Wunschprogramm, um ihrem Helden später möglichst oft in Rundfunk und Fernsehen zu begegnen

Ich war mehrmals kurz davor, das Buch im hohen Bogen wegzuwerfen, war aber dann doch neugierig, welche Lösungen der Autor im zweiten Teil anzubieten hat.

Junghardt sieht das Problem in einer Überbetonung des Verstandes, der im Grunde genommen nur eine Art Computer ist und bei vielen Menschen, den Dummen, auch noch schlecht arbeitet, man könnte sagen, schlecht programmiert ist. Dieser Verstand blubbert den ganzen Tag, er ist ein Warner, die Quelle lähmender, schädlicher Ängste und der Ursprung allen Übels. Die wahre Freude, das Empfinden der Schönheit der Natur, ist mit einem verstimmten, dominierendem oder überhaupt einem aktivem Verstand nicht möglich. Tiere empfinden Freude in ihrer reinsten Form, eben weil ihnen der Verstand fehlt, sie sich nicht des Endlichen bewusst sind. Aber der Mensch sieht sich zu Unrecht als Krone der Schöpfung und spricht Tieren das Recht auf Leben ab.

Schlachtfabrik
Schlachtfabrik. Schweine haben ein Hundeleben, das man ihnen auch noch nimmt. Foto: Johannes Lietz / Lizenz siehe: flickr

Der Autor bietet ein paar relativ einfache Verhaltensweisen an, die fern jeder Ideologie und Institution sind. Nach der Goldenen Regel der Ethik („Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“), dem achtsamen Umgang, z.B. mit dem Leben und Konsum, und dem Ideal des Strebens nach Schmerzlosigkeit statt nach Genuss kommt Junghardt zum interessantesten Punkt. Der Mensch an sich ist halb komatös, er muss wieder wacher werden, sich selbst wahrnehmen und den Verstand auf seine nützliche Funktion zurückschrauben. „Ich denke, also bin ich“ (Descartes) wird als größer Irrtum der Menschheitsgeschichte entlarvt, folgerichtig kommt Junghardt zu seinem Titel. Das Besänftigen des Verstandes bedeutet eine ständige Arbeit, ein permanentes Training, das sich vor allem auf ein immer währendes Selbstbeobachten stützt. Selbstbewusstsein – in unserer Gesellschaft als Charakterstärke fehlgedeutet – wird zum Ursprung zurückgeführt – des Sich-selbst-bewusst-sein, der Mensch erkennt, dass er ist. Wut, Neid, Hass und weitere schlechte Eigenschaften verschwinden, und Konfusionen, die mitunter in Kriege ausarten können, werden vermieden. Alls ist mit allem verbunden, alles wird eins, weil es bereits eins ist. Wer würde sich zum Beispiel selbst den Arm abhacken? Bei anderen haben wir aber nicht diese Hemmungen, wenngleich sich das nicht immer martialisch manifestieren muss, subtilere Vergehen (Steuerbetrug, Ladendiebstahl) oder psychische Varianten (Mobbing etwa) sind nur andere Facetten einer scheinbaren Trennung. Wer anderen schadet, schadet ebenso sich selbst, ja in gewisser Weise nur sich selbst. Die Welt trägt jeder in sich, das Außen ist in Wahrheit nur ein Bild im Inneren, ein Produkt des Gehirns. Das Gegenüber, ob Freund oder Feind, ist eine Projektion, die in uns stattfindet. Der Beobachter ist das Beobachtete, man ist selbst die Welt.

Der erste unsägliche Teil des Buches erscheint auf einmal in einem anderen Licht. Man verzeiht dem Autor nicht nur seine Auswüchse, sie werden vielmehr absolut bedeutungslos. Fazit: Ein Buch zum Aufwachen.

Junghardt, Holger: Non cogito, ergo sum, BOD, Oktober 2010, Taschenbuch, ISBN 978-3839195307, EUR 7,90

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