Zensus 2011, die unendliche Geschichte einer besonderen Verfolgung (2. Update, 28.02.2012)

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Spam
Lecker Spam! Foto: AJC1 / Lizenz siehe: flickr

Es gibt Dinge, die verfolgen einen beständig. So wie Spam, das ursprünglich nur als omnipräsentes Dosenfleisch in Großbritannien bekannt war und in der Comedyserie Monty Python’s Flying Circus verarbeitet wurde. Auf der Speisekarte des Cafés aus dem Sketch stehen nur Spam-Gerichte. Geboren war ein Ausdruck, der die Verfolgung mit dem immer Gleichen beschreibt. Später wurde der Ausdruck Spam auf immer gleiche elektronische Textnachrichten ausgedehnt, insbesondere solchen mit Werbung. Auch bei sich wiederholenden Werbeanrufen wird inzwischen häufig von Spam gesprochen (oder von Telefonterror).

Heute erhielt ich mit großem Erstaunen ein Schreiben der Landeshauptstadt München. Es geht um den Zensus 2011, den ich schon fast vergessen hatte. Das Ganze hat eine gewisse Historie:

Zunächst musste ich mich mit der Gebäudezählung herumschlagen. Damals ließ meine Hauverwalterin verbreiten, dass die Beantwortung der Fragen für den Eigentümer „äußerst umfangreich und zeitintensiv sein dürfte“, kurzum wurde der Eindruck erweckt, dass man als Eigentümer mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit überfordert sein könnte. Da mich die Geschichte anwiderte, ging ich auf das Angebot der Verwalterin ein, diese mit dem Ausfüllen des Fragebogens zu beauftragen. Diese Leistung kostet zwar Geld, aber das war mir in diesem Fall egal. Allerdings hat die Verwalterin keine Kenntnis über alle Charakteristika der Wohnungen. Vereinfacht gesagt, weiß sie zwar alles über die Wohnanlage als Ganzes, aber nicht alles über die Wohnungen. Diese Dienstleistung kann also nur gelingen, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht. Der eine hilft dem anderen und umgekehrt. Konkret bedeutete dies, zusammen mit der Beauftragung dann einen speziell von der Verwalterin vorbereiteten, reduzierten Fragebogen auszufüllen, der die unbekannten Daten komplettiert. Um den Rest würde sich dann die Verwalterin kümmern. Ich füllte den Fragebogen aus und erteilte den Auftrag. Damals hoffte ich, nie wieder etwas vom Zensus zu hören. Doch leider war ich jeder Zehnte, anders ausgedrückt, wurde ich nun auch für die Haushaltsbefragung ausgewählt.

Zensus
Zensus 2011. Eigentlich sollte das alles längst abgeschlossen sein. Aber nein! Foto: aktion-freiheitstattangst.org / Lizenz siehe: flickr

Bei der Gebäudezählung lief es auch nicht so rund, die Verwalterin sendete mir ein Erinnerungsschreiben mit einer Wiederholung des Angebots. Als dann der offizielle Zensus-Gebäudezählungs-Fragebogen bei mir eintraf, entschied ich mich, das Ausfüllen doch selbst vorzunehmen. Ich wählte die Online-Methode. Es war dann alles gar nicht so schwer. Allerdings war die Geschichte noch nicht zu Ende, offenbar erinnerte sich die Verwalterin nun doch an die Auftragserteilung und sendete mir diverse Erinnerungsschreiben, dass man noch auf die Weiterleitung des Fragebogens warte. Man würde mir ja gerne helfen, könnte das aber erst mit dem guten Stück Papier, das eben noch nicht da sei. Es mischten sich auch Schreiben der Verwalterin darunter, in denen mitgeteilt wurde, dass Eigentümer, für die man das Ausfüllen übernommen hatte, unberechtigte Erinnerungsschreiben der Stadt erhalten würden.

Bei der Haushaltszählung lief es dann erstaunlich gut. Den Erhebungsbeauftragten ließ ich nicht in die Wohnung. Ich bestand darauf, den Fragebogen selbst auszufüllen und ließ mir die Unterlagen an der Türschwelle geben. Gleich im Anschluss füllte ich das Teil online aus. Das war Anfang Juli 2011. Was diese Haushaltszählung anging, hatte ich dann zunächst meine Ruhe. Die Betonung liegt auf zunächst.

Denn wir wissen ja, Spam kommt immer zurück. Damit knüpfe ich an das Schreiben vom Artikelanfang an. Es ist ein Erinnerungsschreiben. Dieses trägt tatsächlich ein Datum vom Februar 2012, es ist also kein altes Dokument, das irgendwo in einer Amtsstube verstaubte und wiedergefunden oder auf dem Postweg leicht verzögert wurde oder beides. Nein, obwohl inzwischen weit über ein halbes Jahr vergangen ist, ist es aktuell, und es ist real. Mir wird mitgeteilt, dass mich der Erhebungsbeauftragte noch nicht erreicht habe. Es liegt der Haushaltszählungs-Fragebogen bei, der nun auszufüllen sei. Meinen Namen und meine Adresse hat man bereits eingetragen. Hiiiiiiiiiiilfe!!!

Update 27.02.2012

Ein Anruf bei der Erhebungsstelle ergab, dass der Zensus 2011 keineswegs schon längst abgeschlossen sei. Die Sünder, die nicht abgegeben haben, werden teilweise erst jetzt ermittelt und mit Erinnerungsschreiben gequält. Ein Versuch, im Computer meine Daten abzufragen, endete, wie es sich für eine unendliche Geschichte gehört, in einer Dauer-Wartemeldung. Das IT-System hängt. Morgen soll ein neuer Versuch gestartet werden.

Update 28.02.2012

Der heutige Anruf bei der Erhebungsstelle hatte zum Ergebnis, dass meine beantworten Fragen dort korrekt vorliegen. Damit sollte eigentlich alles geklärt sein, oder? Mitnichten. Die Daten seien nämlich noch nicht an das Landesamt weitergeleitet worden. Ich fragte, wie dies sein könne, dass dies nach einem Dreivierteiljahr noch immer nicht passiert sei. Man konnte die Frage nicht beantworten, hoffe aber, dass jetzt eine Weiterleitung stattfinde. Eine schriftliche Bestätigung, dass ich meiner Verpflichtung nachgekommen bin, wolle man mir trotz meines klar vorgetragenen Wunsches nicht zusenden, da man so etwas nie durchführe. Der Mitarbeiter meinte dann wörtlich, dass es sein könne, dass ich demnächst in die zweite Mahnstufe komme und das nächste Erinnerungsschreiben erhalte. Was soll das? Und wie lange geht es dann weiter, bis zum Bußgeldbescheid? Einige Behörden scheinen da noch nicht optimal vernetzt zu sein.

Ich bin jeder Zehnte

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Volkszählung
Keine Volkszählung ohne kreative Sprüche. Foto: URBAN ARTefakte / Lizenz siehe: flickr

Die Chance liegt bei 1:10, dass man für die Haushaltsstichprobe der Volkszählung 2011 – auch Zensus genannt – gezogen wird und Abgaben wie Staatsangehörigkeit, Religion, Familienstand, Schulausbildung und Beruf preisgeben muss. Eigentlich ein Grund, sich entspannt zurückzulehnen. Außerdem habe ich schon mehrere Gebäudezählungs-Formulare ausgefüllt (zum Teil nicht für mich, sondern als Gefallen, aber das ändert am Aufwand nichts), jetzt möchte ich meine Ruhe.

Doch es kam, wie es kommen musste, natürlich hat man gerade mich auserkoren.

Per Schreiben – wenig professionell mit handgeschriebener Adresse! – werde ich darauf hingewiesen, dass der Erhebungsbeauftragte mich in ein paar Tagen aufsuchen und mit mir zusammen den Fragebogen ausfüllen werde. Es besteht Auskunftspflicht, wer sich verweigert, muss bis zu 5.000 Euro Bußgeld bezahlen, was einen aber auch dann nicht von der Auskunftspflicht entbindet.

Also ist Verweigern wohl nur die zweitbeste Idee. Aber: Ich werde den Erhebungsbeauftragten keinen Zutritt zu meiner Wohnung gewähren. Stattdessen werde ich mir den Fragebogen aushändigen lassen und ihn selbst ausfüllen. Alle freiwilligen Angaben werde ich ignorieren. Dabei ist der Plural hier falsch, denn nur die Frage nach dem Glaubensbekenntnis ist keine Pflichtangabe. Alle anderen Fragen sind obligatorisch, auch, welcher Religionsgesellschaft man angehört. Privat bleibt somit nur die Angabe, ob man an den Gott, an den bzw. für den man gewissermaßen Kirchensteuer zahlt, auch glaubt. Ein bisschen Privatsphäre darf man sich schon gönnen, um nicht den Glauben zu verlieren, glaube ich.

Das Recht auf das eigenständige Ausfüllen besteht, und es sollte jeder davon Gebrauch machen, dem der Zensus auch nicht schmeckt. Übrigens besteht keine Möglichkeit, sich den Fragebogen einfach zusenden zu lassen, was auf den ersten Blick unverständlich ist, da bei der Gebäudezählung auch der Postweg gegangen wird. Bei der Haushaltsstichprobe ist dies angeblich nicht möglich, da der Erhebungsbeauftragte erst einmal feststellen muss, wie viele Personen im Haushalt leben.

Wo der Zensus zugegen ist, sind auch Betrüger nicht weit. So sind falsche Erhebungsbeauftragte unterwegs, die auch ein paar harmlose Zusatzfragen stellen wie „Wie viel Vermögen haben Sie?“ und „Wie lauten Ihre Kontodaten?“. Ob diese Fragen als „freiwillige Angaben“ verkauft werden, ist nicht bekannt.

Den Fragebogen Haushaltsstichprobe gibt es übrigens hier.

Update

Es lief wunschgemäß. Ich ließ mir den Fragebogen an der Türe aushändigen, der Erhebungsbeauftragte macht keine Zicken.

Deutschland zählt sich ab

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Abakus
Auch damit kann man zählen. Foto: DaveAustria.com / Lizenz siehe: flickr

Manche erinnern sich vielleicht noch an die umstrittene Volkszählung 1987. Von der Öffentlichkeit und Presse bislang wenig beachtet ist allerdings die Volkszählung 2011, auch unter „Zensus 2011“ mit dem (fast) imagefördernden Beitext „Wissen, was morgen zählt“ bekannt oder eben eher unbekannt.

Vor ein paar Tagen flatterte mir Post zum „Zensus 2011 – Vorbereitung der Gebäude und Wohnungszählung 2011“ ins Haus. Bislang hatte ich über die Volkszählung nur durch eine Aufstellung der Tagesordnungspunkte meiner Eigentümerversammlung erfahren.

Um was geht es eigentlich? Das offizielle Schreiben des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung („Mit Bayern rechnen“ – erneut so ein Wortspiel, das die Behörden untypischerweise verwenden) klärt auf:

In Deutschland wird zum Stichtag 9. Mai nächsten Jahres der Zensus 2011 (…) durchgeführt. (…) Mit diesem Gesetz setzt Deutschland die Verordnung (EG) Nr. (…) des Europäischen Parlaments und des Rates (…) über Volks- und Wohnungszählung um.

Aus dem weiteren Verlauf des Schreibens geht hervor, dass der Staat nicht wisse, wie viele Wohnungen und Gebäude es in Deutschland überhaupt gäbe, wie viel Wohnraum zur Verfügung stehe, wie alt die Häuser seien, wie sie beheizt werden (z.B. klassischer Holzofen oder offenes Feuer) und so fort. Der Staat braucht also die Angaben von den Immobilieneigentümern und Verwaltern, um seine Politik ausrichten zu können.

Ich frage mich aber vielmehr, was es den Staat angeht, ob ich eine Dusche oder eine Badewanne habe, wie viele WCs meine Wohnung hat und wie viele Bewohner ich aufgenommen habe.

Natürlich könnte man in Versuchung geraten, das Schreiben nebst Fragebogen (die nur der Vorbereitung dienen, die eigentlichen Fragen kommen dann später) in Ablage „R“ (Reißwolf) zu legen.

Die Gebäude- und Wohnungszählung, die für alle Eigentümer und Verwalter Pflicht ist, stellt aber nur einen Teil des Ganzen dar. Es wird (natürlich) noch viel, viel persönlicher. 10 % der Bevölkerung werden außerdem per Zufallsprinzip ausgewählt und müssen zusätzlich persönliche Fragen beantworten (Fragebogenmuster siehe hier), z.B. zu einem etwaigen Migrationshintergrund, zur Religionszugehörigkeit und zur persönlichen Weltanschauung. Zum Teil ist die Beantwortung der Fragen freiwillig. Man muss zwar noch angeben, welcher Religionsgesellschaft man angehört, bei der Frage, zu welchem Glauben man sich bekennt, darf man aber schweigen. Das heißt, jemand, der offiziell in der römisch-katholischen Kirche ist, muss das verraten, aber nicht, dass er sich inzwischen dem Buddhismus zugewandt hat. Auch nach dem Schulabschluss und dem derzeit ausgeführtem Beruf wird (natürlich) gefragt, ohne Spielraum für eine Verweigerung.

Da die Bereitschaft der Auskunftserteilung bei vielen nicht rekordverdächtig hoch sein dürfte, sind Sanktionen selbstverständlich notwendig. Damit niemand seine gerechte Strafe einfach aus der Portokasse bezahlen kann, hat man das Bußgeld angemessen hoch angesetzt. Wer schweigt, dem drohen bis zu 5.000 EUR (in Worten fünftausend!) Bußgeld und der Besuch eines „Erhebungsbeauftragten“. Klingeling!

Was die Immobilien angeht, ist meine Hausverwaltung der Auffassung, dass die Beantwortung der Fragen für den Eigentümer „äußerst umfangreich und zeitintensiv sein“ dürfte. Es werde nach der Anzahl der Wohnungen im Haus, dem Gebäudetyp, den Eigentumsverhältnissen, dem Baujahr, der Heizungsart usw. gefragt. Es wird der Eindruck erweckt, einige der Fragen könnten vom Eigentümer möglicherweise gar nicht beantwortet werden. Aber kein Problem ohne Lösung. Die Hausverwaltung hat mir inzwischen einen Erhebungs-Service-Vertrag zugesendet. Nach Abschluss des Vertrags und Zahlung von 25 EUR zzgl. 19 % MwSt. werde die Hausverwaltung die Übermittlung der Daten an das Statistische Landesamt übernehmen. Doch auch hier gibt es eine klitzekleine Schwierigkeit. Die Hausverwaltung hat zwar viele, sehr viele Daten über die Häuser, aber eben nicht zur den einzelnen Wohnungen. Aber gemeinsam kann man es schaffen. Ein Teil der Fragen wird einfach über ein zum Vertrag gehöriges Formular geregelt. Hier muss man nur die Fragen zur Wohnung (die berühmte WC-Anzahl und so was) eintragen, den Rest (die Gebäudefragen) übernimmt der Verwalter.

Super Geschichte! Oder etwa nicht? Manchen sind vielleicht noch die verballhornenden Formulare zur Volkszählung 1987 im Gedächtnis, die in Schulhöfen und Firmen etc. kursierten. Aus der Antwortmöglichkeit „Zeitsoldat“ etwa wurde der „Zinnsoldat“. Für solche harmlosen Scherze ist die Geschichte angesichts der staatlichen Datensammelwut, die in heutigen Zeiten viel einfacher und viel effektiver als damals missbräuchlich verwendet werden kann (Stichwort Verknüpfung von Datenbanken), viel zu ernst.