Asbest: Die tickende Zeitbombe

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Loggiaverglasungen haben sicher eine Menge Vorteile. So viele, dass ein Eigentümer meines Wohnhauses auf meiner gestrigen Eigentümerversammlung eine Genehmigung für eine solche beantragte.

Einen Raum dazugewinnen für lau – mit der Loggiaverglasung!

Als Vorzüge sind zu sehen, dass ein zusätzlicher Lärmschutz für den hinter der Loggia liegenden Raum erreicht wird, ebenso eine bessere Wärmedämmung mit dem Potenzial einer Heizkostenersparnis, ein zusätzlicher Innenraum gewonnen wird und die Gefahr verringert wird, dass Kinder auf die Loggiabrüstung klettern und in den Tod stürzen.

Loggiaverglasung
Loggiaverglasung.  Die Loggia wird zum Aufenthaltsraum oder zu einem herrlichen Wintergarten. Einfach ein Traum. Oder etwa doch nicht? (07.12.2011) © Thomas Irlbeck

In meinem Wohnhaus gibt es zwei verglaste Loggien, eine sehr aufwändige und eine recht billig aussehende. Diese bestehenden Verglasungen werden lediglich geduldet, weitere Verglasungen sind mit einem älteren Beschluss ausgeschlossen. Wenn ein Eigentümer aber eine Mehrheit für seinen Antrag erhält, dann wird der alte Beschluss zumindest für seine Wohnung außer Kraft gesetzt. Der Beschluss ist jedoch bei einfacher Mehrheit anfechtbar. Auf der sicheren Seite wäre man, wenn der Beschluss einstimmig gefasst wird. Schnell wird klar, dass Einstimmigkeit illusorisch ist:

Es wird seitens der Hausverwaltung darauf hingewiesen, dass es eine Gefahr einer Schimmelbildung gebe, da sich der dahinter liegende Raum nicht mehr so gut lüften ließe. Zwar könne das auf in Loggia eingesetzte Fenster natürlich geöffnet werden, aber die Erfahrung zeige, dass die Fenster oft über längere Zeiträume geschlossen blieben. Der antragstellende Eigentümer meldet sich, man habe ihm versichert, dass eine Schimmelbildung ausgeschlossen sei. Die Verwaltung fragt, wer das gesagt habe. Der Eigentümer antwortete, es sei das Unternehmen gewesen, das ihm das Angebot gemacht habe. Darauf die Verwaltung: „Das glaube ich, dass das Unternehmen, das Loggiaverglasungen verkaufen will, das sagt“. Gelächter im Raum macht sich breit.

Ein Eigentümer meint, dass der Wasserabfluss in der Fassade verändert werde. Es würde Wasser an den Scheiben runterlaufen und mindestens die darunter liegende Wohnungen wären mehr Regenwasser ausgesetzt, das sich neue Wege suche. Langzeitschäden an der Fassade seien nicht ausgeschlossen.

Ein anderer Eigentümer weist darauf hin, dass das Erscheinungsbild der Fassade zum Negativen verändert werde.

Ferner ist zu hören, dass bei den eher simplen Verglasungen das Gas zwischen den Scheiben entweichen könne. Die Scheiben werden dann „blind“, was nicht schön aussehe. Erfahrungsgemäß werde das dann so gelassen und nicht repariert.

Hoch sind sie die Auflagen, die im Beschlussvorschlag stehen. Natürlich muss die Anbringung von einem Fachunternehmen ausgeführt werden. Es wird genau festgelegt, was wie wo angebracht werden muss. Auch wird die Möglichkeit eines Widerrufs verankert, der dann erfordern würde, dass die Verglasung entfernt und die Loggia in den Ursprungszustand zurückversetzt wird. Auch kann der Eigentümer keine Ersatzansprüche bei der Wohnungseigentümergemeinschaft geltend machen, sollte die Verglasung nach der Anbringung einer Wärmedämmung an der Fassade nicht mehr passen.

Von der Loggiaverglasung zum Asbest

Chibabu Bubble Tea Marx-Zentrum
Das Marx-Zentrum mit seiner markanten schwarzen Fassadenverkleidung. Meine Nachbarwohnanlage hat die gleiche Verkleidung (Archivbild) © Thomas Irlbeck

Ein bemerkenswerter Punkt ist aber eine der Auflagen: „Die vorhandenen Faserzementplatten dürfen weder angebohrt noch in irgendeiner Weise beschädigt werden“. Dieser Punkt macht mich an sich schon einmal stutzig. Man fragt sich, warum dieses Verbot existiert. Es liegt nahe, dass dies keine Gängelung ist, sondern dass Gefahr besteht. Vor längerer Zeit teilte mir ein Handwerker mit, dass sich hinter den schwarzen Fassadenplatten (damit sind die gerade erwähnten Faserzementplatten gemeint) asbesthaltiges Isoliermaterial befände. Vor kurzem erfuhr ich von einem Eigentümer, dass die schwarzen Fassadenplatten selbst asbesthaltig seien.

Faserplatten Asbest
Die Eternit-Platten aus der Nähe betrachtet. Hier lauert der gefährliche Asbest (07.12.2011) © Thomas Irlbeck

Ich melde mich und trage meine Vermutung vor. Die Verwaltung räumt ein, dass die schwarzen Fassadenplatten (sogenannte Eternit-Platten) asbesthaltig seien. Dass das Isoliermaterial dahinter mit Asbest versetzt ist, kann man dagegen nicht bestätigen. Laut Verwaltung sind die Fassadenplatten absolut ungefährlich, solange sie nicht angebohrt oder beschädigt werden. Der Asbest sei gebunden und es würden keine Asbestfasern in die Luft gelangen. Nur bei Beschädigung drohe Gefahr. Ich werfe die unangenehme Frage auf, was denn sei, wenn diese Platten einmal erneuert werden müssten, denn für die Ewigkeit* seien diese nicht bestimmt (sie haben inzwischen 40 Jahre auf dem Buckel). So eine Asbestsanierung kann ja extrem aufwändig sein, oft müssen Gebäude komplett verpackt werden und es muss mit Unterdruck im Gebäude gearbeitet werden, damit keine Fasern ins Freie gelangen. Arbeiter tragen dann selbstverständlich Schutzanzüge. Bliebe das Haus dann überhaupt in der Zeit der Sanierung bewohnbar, will ich wissen. Die Verwaltung kann dazu keine Auskunft geben, man wisse auch nicht, welcher Zeitpunkt realistisch sei, an dem eine Erneuerung der Fassadenplatten anstehe.

(* Trotz meines Kommentars ist Eternit ausgerechnet von lateinisch aeternitas („Ewigkeit“) abgeleitet.)

Asbest
Asbestwarnung. Foto: tdietmut / Lizenz siehe: flickr

Ich erläutere noch mal kurz mein Anliegen. Ich betone, es gehe mir darum, dass jeder das Beschädigungsverbot der Fassadenplatten ernst nehme. Dazu müsse man aber wissen, dass es keine lächerliche Vorschrift sei, für die sich niemand interessiere, sondern dass vielmehr ernsthafte gesundheitliche Gefahr bestehe. Da die Fassadenplatten bei mir früher mehrfach angebohrt oder angeschnitten wurden (etwa beim Einbau neuer Fenster, weil diese nicht passten), ist mir nicht wohl. Richtig gefährlich wird es sicher, wenn man sich dem Ganzen häufiger aussetzt. Handwerker sind besonders gefährdet. Es ist wahrscheinlich, dass hier Sicherheitsvorschriften verletzt wurden, das heißt, es hätte hier Schutzkleidung getragen werden müssen. Damals ahnte ich nicht, dass die Platten asbesthaltig sein könnten. Im Marx-Zentrum sind übrigens auch einige der Loggiabrüstungen (die schräg angebrachten Elemente) asbesthaltig. Konkret handelt es sich um Asbestzement. Solche Elemente gibt es in meiner Wohnanlage nicht.

Ich hätte mir gewünscht, wenn in solchen offiziellen Schreiben wie dem Einladungsschreiben der Hausverwaltung zur Eigentümerversammlung nicht nur Verbote beschrieben werden (die eher zufällig auftauchen, nämlich eben im Rahmen der Loggiaverglasung), sondern ein deutlicher Hinweis wie „Achtung Asbest!“ angebracht wird. Es drängt sich der Verdacht auf, man wollte hier keine schlafenden Hunde wecken. Die Verwaltung verspricht aber, in dem Protokoll der Eigentümerversammlung ausdrücklich auf die Asbestproblematik hinzuweisen.

Die Abstimmung

Nach diesem Exkurs kommt es zur Abstimmung. Eigentlich wollte ich für die Verglasung stimmen, da ich ja vielleicht auch mal eine bauliche Änderung beantragen könnte und dann auf die Ja-Stimmen der Eigentümer angewiesen wäre. Aufgrund der ganzen Haken, die besprochen wurden, entscheide ich mich dafür, mich zu enthalten. Der Antrag wird schließlich mit überraschend großer Mehrheit abgelehnt. Es wird also keine weiteren Loggiaverglasungen geben.

Asbest: Vom Wunderstoff zur tödlichen Gefahr. Einst wegen seiner hervorragenden Hitzebeständigkeit, Festigkeit und Isoliereigenschaft als Wunderstoff gefeiert, ist der Einsatz von Asbest heute wegen seiner großen gesundheitlichen Gefahr in vielen Ländern verboten, darunter in der gesamten EU und in der Schweiz. Seit 2005 unterliegt sogar das Verschenken (!) asbesthaltiger Gegenstände einem EU-weiten Verbot. Die Asbestfasern lagern sich in der Lunge ab und können vom Organismus nicht abtransportiert werden. Daher ist vor allem das Lungenkrebsrisiko beträchtlich erhöht. Arbeiter, die Asbestfasern ausgesetzt sind, haben ein besonders hohes Risiko. 2002 und 2003 wird von jeweils über 1.000 Todesfällen durch Asbestbelastung in Deutschland berichtet. Die Zahl liegt über der Anzahl tödlicher Arbeitsunfälle. Bis in die 1980er-Jahre wurden asbesthaltige Materialien in hohem Umfang beim Hausbau verwendet. Entsprechend stellt sich heute das Problem der Entsorgung, bei der besondere Sicherheitsvorschriften gelten.

Update (06.10.2012)

Asbest-Kacheln
Gealterte Asbest-Kacheln (06.10.2012) © Thomas Irlbeck

Zwar wiegelt die Verwalterin ab, aber es ist deutlich zu sehen, dass die Asbestkacheln in meiner Wohnanlage und im Marx-Zentrum ihre Schutzschicht verlieren. Manche Kacheln sind schon erheblich heller geworden, und es gibt einzelne Kacheln, die bereits praktisch weiß sind, wie im Bild zu sehen ist. Ohne die Schutzschicht können sich die gefährlichen Asbestfasern lösen. Betroffen sind vor allem die gebogenen Platten, die an den Fassadenecken angebracht wurden. Offenbar wurden diese Platten über ein anderes Verfahren hergestellt oder sind anderen Belastungen und Einflüssen ausgesetzt. Jedenfalls scheint ihre Haltbarkeit geringer zu sein.