Christian Udes Outing

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Christian Ude hat sich überraschend geoutet. Nein, nicht als Marianne Rosenberg-Fan und auch nicht als Genießer von Pringles Hot & Spicy-Chips. Es ist viel spektakulärer: Er wolle bayerischer Ministerpräsident werden. Zuerst dachte ich an einen Scherz. Es käme einem politischen Erdbeben gleich, wenn Ude dies gelänge, denn das Amt ist seit 1957 fest in CSU-Hand. Bei der großen Beliebtheit, die der Münchner Oberbürgermeister innehat, ist Ude nicht mal chancenlos. Bei Straßeninterviews, die im TV zu sehen waren, konnten sich sogar einige Leute ganz spontan vorstellen, das erste Mal in ihrem Leben die bayerische Splitterpartei SPD zu wählen. Vielleicht sind solche Bekenntnisse die eigentliche Sensation.

Die CSU dürfte sich sehr schwer tun, die absolute Mehrheit zu erringen. Ergo benötigen die Christsozialen wieder einen Koalitionspartner, denn ihr jetziger Koalitionspartner FDP kommt ihnen gerade abhanden. Auch die SPD wäre natürlich auf einen Koalitionspartner angewiesen, denn „50 + x“ schafft auch der Gott Ude nur bei der Oberbürgermeisterwahl. Da bieten sich natürlich die Grünen an. Doch auch dann wäre ein kleines Wunder erforderlich, dass es reicht. Also müsste ein dritter Helfer zur Thronbesteigung her. Die Freien Wähler sind ein denkbarer Partner, die aber eine Unterstützung für die dritte Startbahn am Strauß-Flughafen ausgeschlossen haben, die Ude unbedingt teeren lassen will. Auch die Grünen sind gegen, es gibt also bereits im Flugfeld äh… Vorfeld gewisse offene Punkte.

Mykonos
Relaxen auf Mykonos: nur die zweitschönste Tätigkeit für einen Rentner. Foto: lewishamdreamer / Lizenz siehe: flickr

Die Frage ist, warum tut sich Ude dies an? Zu den Landtagswahlen im Herbst 2013 steht Ude kurz vor seinem 66. Geburtstag. Seine Amtszeit als Oberbürgermeister läuft im Frühjahr 2014 aus, aus Altersgründen darf er sich dann nicht mehr zum angeblich zweithöchsten bayerischen Amt küren lassen. Aber zum höchsten. Anstatt den Lebensabend in seinem herrlichen Haus auf der noch herrlicheren griechischen Insel Mykonos zu verbringen, deren Ehrenbürger er ist, strebt Ude nach der Krone und wird spätestens dann in unserem schönen föderalistischen Land, in dem der bayerische Ministerpräsident traditionell die Bundesregierung mit Giftpfeilen beschießt, zum Bundes-Ude.

In einem Interview mit der Rheinischen Post antwortete Ude auf die Frage, wann bei ihm die Idee gereift sei, anzutreten:

Die Entscheidung ist kurzfristig gefallen. Mich beschäftigt allerdings schon seit längerem die Frage, was man tun könnte, um der bayerischen SPD so weiter zu helfen, dass sie eine gute Grundlage für die Stadtratswahlen 2014 bekommt. Dass dies durch eine eigene Rolle in der Landespolitik gelingen kann, ist in einem Gespräch mit dem Fraktionsvorsitzenden der SPD im bayerischen Landtag Markus Rinderspacher und dem Landtagsvizepräsidenten Franz Maget entstanden. Als mich dann auch noch der Landesvorsitzende Florian Pronold vorgeschlagen hat, waren wir uns in dieser sonst so streitlustigen Partei schnell einig.

Ehrlich gesagt überrascht mich die Antwort. Könnte hier das wahre Motiv liegen? Es versteht sich natürlich von selbst, dass Ude der Münchner SPD etwas Gutes tun möchte. Aber ist hier ein Gang in die Landespolitik der richtige Weg? Landespolitik sollte dem Wohle des Landes dienen und nicht zum Vorteil des Kommunalwahlkampfes der Münchner SPD. Als Ministerpräsidentkandidat kann Ude natürlich weit besser Wahlkampf für den noch unbenannten Münchner OB-SPD-Kandidaten machen als in der Rolle eines Poltitpensionärs. War die Antwort vielleicht naiv ehrlich oder gar entlarvend? Wahrscheinlich nicht, Ude ist da zu sehr Profi. Zum einen ist es sicher nur eines von vielen Motiven. Zum anderen könnte es sein, dass Ude mit der provozierenden Antwort nur ein wenig die CSU ärgern wollte.

Traditionell sticht der Münchner Oberbürgermeister immer das erste Wiesn-Fass an und überreicht die erste Maß dem bayerischen Ministerpräsidenten. Der Wahltermin für die bayerischen Landtagswahlen steht noch nicht fest, das Zeitfenster reicht vom 01.09.2013 bis 24.11.2013, wobei der 01.09.2013 und der 08.09.2013 wegen der Schulferien faktisch ausscheiden. Wahrscheinlich ist ein Wahltermin am 15.09.2013, 22.09.2013 oder 29.09.2013. Wiesn-Beginn ist am 21.09.2013. Entscheidet man sich für den 15.09.2013, werden also die bayerischen Landtagswahlen dann schon gelaufen sein. Allerdings finden am 15.09.2013 oder 22.09.2013 Bundestagswahlen statt. Eine Zusammenlegung mit den Landtagswahlen wird die CSU wohl vermeiden wollen, damit sie nicht zusammen mit der Koalition in Berlin abgewatscht wird. Es ist also noch vieles unklar, auch wann Ude im Falle eines Landtagswahlsieges vorzeitig als Oberbürgermeister zurücktritt.

Zwar ist es aus formalen Gründen nicht möglich, dass Ude beide Ämter vorübergehend gleichzeitig bekleidet. Ein möglicher Wahlsieger Ude könnte zum Wiesn-Anstich 2013 also nicht als Oberbürgermeister das erste Fass anzapfen und sich die erste Maß in seiner Rolle als Ministerpräsident selbst überreichen. Aber als Noch-Oberbürgermeister und bereits designierter Ministerpräsident würde er die erste Maß einschenken und diese dem geschlagenen Noch-Ministerpräsidenten Seehofer übergeben. Für Seehofer wäre dies ein Akt der maximalen Demütigung. Nicht mal die Hölle ist schlimmer. Erst ein Jahr später würde Ude als bayerischer Ministerpräsident die erste Maß erhalten. Aber von wem? O’zapft is!