Tote lieben es modern

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Neuperlach ist zwar für düstere Gebäude und dunkle Ecken nicht unbekannt, aber das Flair des wirklich Alten fehlt. Feuchte Verliese mit dicken Mauern und geheimen Gängen sind leider Mangelware. Plattenbauten sind profan, primitiv geometrisch geschnitten, die Mauern eher dünn und die Türen aus einem pappeähnlichen Material statt schmiede-eisern.

Tote, die aus Langeweile in Gemäuern herumspuken, um moderne, aufgeklärte Zeitgenossen zu erschrecken, wird man daher im schönsten Stadtteil eher selten zu Gesicht bekommen. Auch ein modernes Sendestudio dürfte nicht der primäre Aufenthaltsort von Geistern sein. Oder vielleicht doch? Da gibt es die Call-in-Sendung Domian. Sie ist eine Institution. Schnell die richtige Nummer gewählt, kann man mit Jürgen Domian über praktisch alle Themen sprechen. Tabus gibt es keine, und wenn doch, dann sind es spätestens nach der Sendung keine mehr. Man muss sich bei der selbst initiierten Enttabuisierung nur bewusst sein, dass man live im TV, Radio und Internet zu hören ist.

Der zweite heutige Anrufer ist Michael. Er ist 49 und ist ein Medium. Nach einem Unfall wurde der ehemalige Beamte frühpensioniert. Klar, dass man dann eine neue Beschäftigung braucht. Wenn man die richtige Gabe mitbringt, wird alles viel einfacher. Michael kann Tote sehen und mit ihnen kommunizieren. Die einen backen Pizza, die anderen arbeiten halt als Medium. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere.

Manche Geister sind durchaus fotogen. Foto: Bad curtain from hell / Lizenz siehe: flickr

Eine vortreffliche Gelegenheit, die bis heute ungeklärte Frage, ob Tote als Geistwesen „weiterleben“ und mit uns Lebenden ab und zu einen Plausch halten, wenn ihr Mitteilungsbedürfnis einen gewissen Level überschreitet, ein für allemal zu beantworten. Anders ausgedrückt, wäre eines der wichtigsten Rätsel der Menschheit endlich geknackt.

Zunächst fragt Domian einige allgemeine Dinge, die Michael aus seiner Geisterkommunikation mit dem Jenseits in Erfahrung gebracht hat. Wir erfahren, dass es im Jenseits Blumenwiesen gibt, die von selbst leuchten. Logisch, denn im Jenseits gibt es keine Sonne. Ein Beweis für das Jenseits ist das eher aber noch nicht. Also muss ein Live-Test her. Ob sich Tote in ein modernes Sendestudio verirren? Einen Versuch ist es wert. Michael bekommt 20 Minuten Zeit, um sich einzustimmen. Eine Kerze muss schon noch angezündet werden, um den Toten den Weg zu weisen. Die Redaktion wird Michael gleich zurückrufen. Endlich ist es so weit. Michaels Aufgabe besteht nun darin, mit Domians verstorbenen Verwandten und Bekannten in Kontakt zu treten. Wenn Michael nun intime Fakten nennen kann, die sich nicht im Internet recherchieren ließen, dann wäre dies eine Art Beweis.

Die Spannung ist zum Zerreißen gespannt. Und siehe da. Michael sieht eine etwa 30-jährige tote Frau mit langen braunen, welligen Haaren, die ein noch toteres 2 bis 2,5 Jahre altes Kind mit einer Rassel auf dem Arm trägt. Die Spielzeugindustrie macht also auch im Jenseits ihre Geschäft. Die Frau verrät nur den ersten Buchstaben ihres Namens: „M“. Sie will ein inniges Verhältnis mit Domian gehabt haben. Hinter ihr taucht ein älterer Herr auf, so um die 70 oder 75 Jahre. Er ist auskunftsfreudiger und stellt sich als „George“ oder „Georg“ vor. Er wollte eigentlich nicht kommen, aber die Gelegenheit, live aus dem Jenseits auf Sendung zu gehen, war dann doch zu gut. Georg geht am Stock, braun ist er der Stock, der Gummi unten schwarz. Georg ist ein lustiger Typ, denn im Jenseits hält man es auch nur mit einer gehörigen Portion Humor aus. Ein Verwandter von Domian sei er, aber nicht der Vater. Domian müsste am besten wissen, wer er sei. Wir erfahren von Michael, dass das Jenseits die bessere Welt sei, denn Tote lügen grundsätzlich nie. Bei solchen Erkenntnissen stockt uns der Atem, denn nun müssen einiges an Fachliteratur zu dem Thema um- oder sogar neu geschrieben werden. Das ist echte Grundlagenforschung.

Night-Talker Jürgen Domian (im November 2008). Foto: Michael von Aichberger / Lizenz siehe Wikipedia

Als Nächstes meldet sich ein großmütterliches Wesen, die gerne im Garten gearbeitet habe. Als sie noch lebendig war, versteht sich. Sie habe „immer etwas in ihrer Schürze gehabt“. Sie gibt sich nur als „V“ zu erkennen, nennen wir sie mal Vroni. Die Gartl-Vroni hat Domian immer was aus der Schürze gegeben, vielleicht Bonbons. Vieles spricht dafür, dass es Domians verblichene Oma ist. Vielleicht aber auch die liebe Nachbarin von nebenan.

Doch die Bilanz ist eher nüchtern. An keine der toten Personen kann sich Domian erinnern. Die Beziehung zu „M“ gab es nie, der lustige Georg bleibt hypothetisch und die liebe Vroni, die Domian in den Kindheitstagen so oft besucht haben soll, scheint, da Lügen im Jenseits ausgeschlossen sind, zumindest eine Hochstaplerin zu sein. Es hätte so schön sein können, nun muss die Lösung der großen Menschheitsfragen, ob noch etwas ist nach dem Tod, auf eine der nächsten Domian-Sendungen warten. Nur dass es ein Leben vor dem Tod gibt, scheint nun sicher zu sein, aber das haben wir auch vor Michaels Anruf schon geahnt.