Wir wollen „wollen“

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pep
Viele Neuperlacher haben einen weiten Weg zum Einkaufszentrum pep. Dort findet sich der einzige McDonald’s weit und breit. Kann ein Lieferdienst hier alle Probleme lösen (Archivbild)? © Franco und Manuel

In Facebook gibt es ja die verrücktesten Seiten und Gruppe. Innerhalb weniger Tage hat eine Unterstützerseite, die zu Guttenberg zurückhaben (Seite nicht mehr verfügbar) will, rund 550.000 Fans gesammelt. Eine andere Seite will Gutenberg (sic!) (Seite nicht mehr verfügbar) zurück, den Buchdrucker und genialen Erfinder. Immerhin knapp 4.000 Fans fordern dieses eher aussichtslose Unterfangen. Magere 1.000 Anhänger wünschen das Comeback des alten Kaisers Wilhelm (Seite nicht mehr verfügbar). Wahrscheinlicher ist freilich, dass Lebende ein angemessenes Amt erhalten. Rund 150 Anhänger fordern die geeignetste Kandidatin, sie wollen Lilo Wanders als neue Verteidigungsministerin, obschon ein Nachfolger ja schon gefunden ist.

Doch es geht auch weniger verrückt, dafür aber mit einem hohen praktischen Nutzen: Eine Seite mit über 150.000 Fans, die die offenbar zu weiten Wege zu den kulinarischen Tempeln scheuen, fordert einen McDonald’s-Lieferservice. Der Unterstützer Marcel P. meint, in Amerika gäbe es so was schon, für die Leute, die nicht mehr durch die Tür passen würden.

Die genannten Gruppen und Seiten beginnen fast alle mit „Wir wollen“. Ausnahme ist die vorhin genannte Seite, die Lilo Wanders als Verteidigungsministerin propagiert. Wahrscheinlich, weil es noch das realistischste Ziel ist.

Update

Dem Wahnsinn schiebe ich noch ein Video nach. Eine Art Verfilmung des Vorwortes von zu Guttenbergs Doktorarbeit. Das (ich meine das Video) ist Kunst!

(Video leider nicht mehr verfügbar.)

104 % der BILD-Leser fordern, dass zu Guttenberg weiter als Arzt praktizieren darf

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Ich habe mich lange zumindest in diesem Blog zur Causa zu Guttenberg zurückgehalten. Nun aber muss ich gestehen, dass das, was die letzten Tage geschehen ist, mir regelrecht Angst macht. Dass nicht jeder weiß, wie viel Arbeit im Verfassen eines Werkes steckt, angefangen mit eigenen, zeitaufwändigen Untersuchungen über das Zusammentragen der Ergebnisse, der Auswertung derselbigen bis hin zu dem Ausformulieren des Textes, was immer erneute Überarbeitungen notwendig macht, mag noch klar erscheinen. Entsprechend halten es viele Leute nicht für so besonders verwerflich, sich fremde Texte zu bedienen, da ja schließlich fast jeder mal in der Schule gespickt habe. Dieses Verhalten sei auch dann offenbar so ganz einfach zu verzeihen, wenn dies der Erzielung des höchsten akademischen Grad, des Doktors, diene.

Das Krisenmanagement des Karl Theodor zu Guttenberg seine eigene Person betreffend war eine Katastrophe. Ein klares Schuldeingeständnis fehlt bis heute. Es sind die anderen, zu Guttenberg sieht sich als Opfer und gibt scheibchenweise nur das zu, was sich nicht mehr leugnen lässt. Den Überblick über die Quellen habe er verloren. Wie unter anderem ein Artikel aus der FAZ in die Einleitung gelangen konnte, die ja was Persönliches, Eigenes darstellen sollte, kann dadurch nicht erklärt werden. Ähnliches gilt für unzählige weitere Stellen. Jeder Autor erkennt seine selbst geschriebenen Texte auch noch nach Jahren, daher würde selbst eine Gedächtnisschwäche nicht als Erklärung infrage kommen, dass ein Fremdwerk auf einmal als selbst verfasster Text angesehen wird. Schludrigkeit, Stress und Überlastung können es also nicht gewesen sein. Die Kommission der Universität Bayreuth überprüft derzeit, ob bewusste Täuschung vorliegt. Aufgrund der erdrückenden Indizien wäre alles andere als eine Bestätigung des Vorwurfes eine absolute Überraschung.

Schreibst du noch, oder plagiierst du schon?

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
Selbstverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: Bundeswehr-Fotos / Lizenz siehe: flickr

Aber das alles ist es gar nicht. Besorgnis erregend ist vielmehr der monströse Personenkult. Da fordert nicht nur eine kaum zu beziffernde Masse an Leuten einen Rücktritt vom Rücktritt und geht dafür auf die Straße, sondern veranstaltet zudem eine Heldenverehrung, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wohl einzigartig in ihrem Ausmaß sein dürfte. Um einen adligen Popstar, der zu Guttenberg zweifellos war, geht es schon lange nicht mehr. Vielmehr hat man den Eindruck, eine Lichtgestalt wie Elvis Presley hätte ein zweites Mal das Zeitliche gesegnet. Folgerichtig fordert eine Facebook-Seite inzwischen gar die Heiligsprechung von Karl Theodor zu Guttenberg. Diese meint es aber ironisch. Bei einem solchen Ausmaß kann man sich nur mit Ironie wehren. Besonderen Humor haben aber auch noch andere, die den Hoax, zu Guttenberg hätte sich bei der Verkündung seines Rücktritts eines Zitats aus einem Star Trek-Film bedient, ohne die Quelle darzulegen, in die Welt gesetzt haben. Dem gingen zahllose Wortspiele und Witze voraus, beginnend mit „zu Googleberg“, über „Dr. plag. Guttenberg“ bis hin zur „Universität Buyreuth“. All das mag man noch lustig finden, aber die Diskussion darüber, wie schnell (nicht ob!) aus dem „Guttbye“ wieder ein Comeback werden kann, nimmt groteske Züge an, zumal sie sich nahtlos an den Rücktritt anschloss wie ein Copy & Paste dem nächsten. Einige seiner Fans fordern, er sollte nun als Geläuterter eine weitere Doktorarbeit schreiben, dieses Mal redlich und unter Führung eines Aktenordners, in dem alle Quellen aufbewahrt werden und der nicht in den Untiefen des adligen Schlosses mal eben ganz schnell verloren geht. Möglicher Titel, der zum Thema Jura passt: „Plagiate in der Wissenschaft“.