Mehr als nur eine Zahl – die Hausnummer

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Hausnummern-Mosaik
Hausnummern-Mosaik. Foto: azrael74 / Lizenz siehe: flickr

Hausnummern sollen uns den Weg weisen. Ist man erst einmal in der richtigen Straße gelandet, findet man auch ohne Navi das Haus mit der Nummer 177 meist ganz einfach. Am stärksten verbreitet, nicht nur in Deutschland, ist dabei das Orientierungsnummernsystem. Bei diesem finden sich bei radialen Straßen die ungeraden Nummern links und die gerade rechts, wenn man in stadtauswärtige Richtung blickt. Richtung stadtauswärts werden die Nummern höher. Bei tangentialen Straßen orientiert sich das System am Uhrzeigersinn. Bewegt man sich in diesem, sind die ungeraden Nummern links, die geraden rechts und die Hausnummern werden höher.

Das System hat aber auch Nachteile, da die wirkliche Entfernung unbestimmt bleibt. Ist man bei der Hausnummer 1 und möchte zu Hausnummer 177, kann diese sehr weit entfernt sein oder auch nicht, abhängig davon, ob durchgängig Häuser auf der entsprechenden Straßenseite (hier also der linken) stehen oder nicht, wie breit die Häuser sind und ob es Sprünge oder nachträglich eingefügte Hausnummern mit Buchstabenzusatz (dazu später mehr) gibt. Auch liegen links- und rechtsseitig vergebene Hausnummern oft weit auseinander. Fast jeder hat es schon mal erlebt, eine Hausnummer fast gefunden haben. So steht man vor dem Haus 123, will aber zu 124. Auf der rechten Seite ist auf gleicher Höhe aber dann vielleicht die Hausnummer 60, wie ärgerlich.

Daher gibt es auch andere Systeme. Im Kanton Zürich etwa arbeitet man mit einer Art virtuellen Hausnummern. Alle 5 Meter wird eine solche gedachte Hausnummer vergeben. Ein Haus, genauer dessen Eingang, bekommt dann die Nummer, die den gedachten Hausnummern am nächsten kommt. Aus den Hausnummern wird somit eine annähernde Entfernungsangabe. Es gibt aber auf der Welt noch viele andere Systeme, z.B. das Mannheimer System mit seinen Quadraten. Alle haben sie ihre Vor- und Nachteile.

Es soll nicht auf alle Systeme eingegangen werden, denn hier geht es ja primär um Neuperlach. Aber auf eines soll hingewiesen werden. Das hierzulande verbreitete System hat den Nachteil, dass bei einer Nachverdichtung oft keine Hausnummern mehr frei sind. Pflanzt man etwa zwischen Haus 1 und 3 weitere Häuser, so behilft man sich mit Buchstaben: 1a, 1b … 1z. Das erspart den Anwohnern, dass ganze Straßen neu durchnummeriert werden, was ein lästiges Ummelden zur Folge hätte, den Druckereien aber Zusatzaufträge für neues Briefpapier und Visitenkarten bescheren würde. Buchstabenbereiche haben für mich immer was Provinzielles. Ich denke an die biederen Reihenhäuser in Gartenstadtsiedlungen, an denen ich die Buchstaben besonders oft sehe. Dabei gibt es die Buchstabenzusätze auch in echten Metropolen. Vor kurzem bekam ich eine E-Mail mit einer Adresse an der Karl-Marx-Allee. Ich sah erst nicht richtig hin und wollte schon der Absenderin schreiben, sie würde in der gleichen Straße wie ich wohnen. Stutzig machte mich aber die Hausnummer, die nach der Ziffer noch ein „a“ enthielt.

In Neuperlach

Hausnummer
Auch künstlerische und kitschige Hausnummernschilder gibt es. Foto: Gertrud K./ Lizenz siehe: flickr

In Neuperlach waren mir Buchstaben in Hausnummern bis dato unbekannt (zumindest in Neuperlach Nord/Mitte der Beobachtung nach) da man Lücken vorsah, die zum späteren Auffüllen gedacht sind. Somit merkte ich, dass etwas nicht stimmt, und ich erkannte meinen Irrtum. Erst dann sah ich, die Mail ist ja aus der Hauptstadt (bevor Proteste kommen, München ist natürlich auch ganz offiziell eine Hauptstadt), und es heißt dort „Allee“ und nicht „Ring“.

Buchstabenbereiche erinnern mich daran, dass man früher in der Programmiersprache Basic Zeilen nicht so ohne weiteres nachträglich einfügen konnte. Man behalf sich meist eines Tricks und schrieb das Programm mit Zeilennummern in einer gewissen Schrittfolge, typischerweise Zehnerschritten: 10, 20, 30… So hatte man Platz und konnte ggf. zwischen Zeile 10 und 20 noch eine Zeile 15 und noch weitere einbauen. Die Ästhetik blieb aber dabei auf der Strecke, die Abstände waren unregelmäßig, hässlich. Und zwischen Zeile 11 und 12 bekam man nichts mehr rein. Aber es gab zumindest keine Buchstaben in Zeilennummern, was ich als noch weniger elegant empfinden würde.

Nun aber endgültig zur Neuperlacher Realität: Der Peschelanger ist eine der bekanntesten Straßen in Neuperlach. Schauen wir uns diesen also mal an: Einen Peschelanger 1 gibt es nicht. Hier hat man auf der linken Straßenseite bei der Hausnummer 3 angefangen, die für das rostfarbene Bürohaus gleich am Eck zum Karl-Marx-Ring, das eine Bank und eine Apotheke im Erdgeschoss beherbergt, vergeben wurde. Platz für ein nachträglich hingepflanztes Haus ist nicht vorhanden, aber man weiß ja nie, für was man die Lücke (genauer den verschobenen Anfang) später noch brauchen kann. Komischerweise kommt als nächstes Haus auf der linken Seite (in Richtung Marx-Zentrum gesehen) gleich das Haus Nummer 11, das Ärztehaus (in dem sich auch passenderweise eine Bar befindet, mit separatem Eingang, aber auch der Hausnummer 11). Dann erst folgen die Hochhäuser 7 und 9, durch die sich beide der Penny-Supermarkt zieht. Die letzte der ungeraden Nummern hat die Mittelinsel mit ihren vielen Läden, die unter Peschelanger 13 firmiert. Auf der rechten Straßenseite finden sich die geraden Nummern, die mit 8 starten: Peschelanger 8, 10, 12 und 14. Quer durch 8, 10 und 12 geht der Rewe-Supermarkt, in Haus Nummer 14 ist die Gaststätte „Zum Löwen“, die früher einen Namen mit Absolutheitsanspruch trug: „Gaststätte Neuperlach“. Peschelanger 2, 4 und 6 sind nicht existent, ebenso wenig, wie bereits erwähnt bzw. angedeutet, die Hausnummern 1 und 5. Speziell bei den ungeraden Nummern ist die Zählweise also nicht so ganz schlüssig.

Eine Erklärung hierfür könnte die Anfahrt sein  – wer zum Haus 11 will, fährt am Ende des Peschelanger eine spezielle Straße weiter, die das Haus 11 halb umrundet und in einer Hochgarage mündet. Von der Zufahrt gesehen liegt das Haus 11 dann doch weiter weg als die Häuser 7 und 9. Die Mittelinsel wiederum ist direkt nur über die Fußgängerzone erreichbar (für schwere Lkws tabu, wobei es aber laufend Verstöße gibt!) und liegt demnach auch „hinten“, ganz hinten gewissermaßen. Es hat also alles irgendwie seine Logik.

Gestern erlebte ich jedoch einen Kulturschock. Man hat vor langer Zeit an der Kurt-Eisner-Straße nachverdichtet. Mit Wohnhäusern. Und ich sah, als ich einen Brief am nahe gelegenen Briefkasten einwerfen wollte, dass das erste Haus an der Kurt-Eisner-Straße die Hausnummer „1a“ trägt. Ich wurde mal wieder daran erinnert, dass Neuperlach doch provinziell ist, da München eben ein Millionendörfchen ist.

Redewendung

Sogar in eine Redewendung hat es der Begriff „Hausnummer“ geschafft. Eine „Hausnummer nennen“ bedeutet bekanntlich, eine ungefähre Größenordnung zu nennen, was natürlich bei der üblichen groben Hausnummernvergabe recht passend ist.

Berühmte Hausnummern

4711

4711
Logo und (streng genommen ehemalige) Hausnummer in einem. Foto: gaetanku / Lizenz siehe: flickr

Die wohl berühmteste Hausnummer in Deutschland darf natürlich nicht fehlen. Es ist die 4711 in Köln, die durch eine Köln-weite Hausnummerierung entstand. Ja, in dem Haus mit der Nummer wurde tatsächlich das Wässerchen 4711 verkauft, das erst offiziell als Heilwasser galt und später zum weltberühmten Parfüm wurde. Mit der späteren straßenspezifischen Nummerierung erhielt dann das Haus in der Glockengasse die unspektakuläre Hausnummer 12.

2583 ½

Wir bleiben in Köln. Der Kölner Dom erhielt ursprünglich die grotesk anmutende Hausnummer 2583 ½. Wer nun meint, hier habe man noch eine Hausnummer zwischen 2583 und 2584 reingeschummelt, liegt falsch. Der Zusatz ½ bedeutet schlicht, dass auf dem Grundstück ein öffentliches Gebäude steht, sodass es nicht steuerpflichtig war. Den Küster mit seiner kleinen Wohnung im Nordturm traf es nicht ganz so gut. Seine Wohnung firmierte unter der vollen Hausnummer 2583, sodass Steuern zu entrichten waren. Die Welt ist aber auch ungerecht.