Sich wie im falschen Film fühlen – Peschelwood lebt

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Marx-Zentrum mit Alpenpanorama © Jörg Lutz

Das Marx-Zentrum am Peschelanger mit seinen schwarzen Hochhäusern ist ein Eldorado für Filmemacher. Man könnte es auch „Peschelwood“ nennen, nur der Schriftzug fehlt. Für die Filmschaffenden hat das Marx-Zentrum einen Vorteil, der sich in den letzten Jahren noch verstärkt hat. Denn inzwischen werden immer mehr Hochhäuser in Neuperlach bunt angemalt und verlieren ihre bedrohliche Kulisse. Nicht so das Marx-Zentrum: Da die Häuser mit Myriaden schwarzer Platten verkleidet sind, die man nur aufwändig austauschen könnte, bleibt das Marx-Zentrum ein Relikt des alten Neuperlachs, des Hässlichen. Also eine ideale Filmkulisse, um Gewalt, sozialen Abstieg und das Marode zu verkörpern. In den Jahren wurde nur Nuancen verändert, z.B. die Farbe der wenigen plattenfreien Wände zum Teil geändert (1). Das Schwarz blieb. Es muss aber immer wieder betont werden, dass das Bild in den Medien falsch ist. Das Marx-Zentrum ist keine Kriminalitätshochburg und es lässt sich hier gut leben.

Berlin in München gedreht

Fast wie in Neuperlach: Berlin. Foto: jonas_k / Lizenz siehe: flickr

Derzeit finden im Marx-Zentrum Dreharbeiten für den Film Kaddisch für einen Freund statt, der eigentlich am Berliner Mehringplatz spielt (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 06.08.2010; Seite 58/R14, Stadtausgabe). Die Häuser sind von der Architektur ähnlich, sodass das Ganze passt. Allerdings ist das Marx-Zentrum viel zu sauber für Berlin, sodass man ein bisschen nachhelfen muss. Warum man nicht gleich in Berlin produziert, liegt am Geld – der Filmfernsehfonds Bayern macht den Dreh in Bayern möglich. So dreht man Berlin in München, wenn man so will. Laut Informationen eines Marx-Zentrum-Eigentümers dürfen im Marx-Zentrum keine Drehs mehr erfolgen, in denen das Marx-Zentrum negativ dargestellt wird (Neuperlach.org berichtete über die damals noch drohende Maßnahme, die nun Realität ist: „Daaa wohnst du?“ – Bald nur noch Heile-Welt-Produktionen im TV?). Allerdings kann das Marx-Zentrum jetzt gar nicht negativ abgebildet werden, wenn das Marx-Zentrum als Berlin Mehringplatz ausgegeben wird. So einfach ist das in der Filmwelt, und der Mythos Peschelwood „dreht“ sich weiter.

„Arme Millionäre“ lernen den wahren Reichtum kennen – in Neuperlach!

Legendär war die RTL/ORF-Comedy-Produktion „Arme Millionäre“ (2005/2006). Arm und Reich liegen ja oft nahe beieinander. Die Milliardärsfamilie Gabriel (hochkarätig besetzt, Sky du Mont als Paul Gabriel, Andrea Sawatzki als Ehefrau Adina, Mavie Hörbiger als Tochter Lilo, Maxi Warwel als Tochter Sarah), der eine Hotelkette, eine Luxusvilla und viel, viel Geld gehören, ist von einem Tag auf den anderen pleite. Unter der Brücke müssen sie aber nicht leben. Ihr ehemaliger Chauffeur Fritz (gespielt von Ludger Pistor) nimmt sie selbstlos (oder doch mit Hintergedanken!?) in seiner Plattenbauwohnung im Peschelanger 7 auf, übrigens ein Haus, das nur wenige Häuser von meinem Wohnhaus entfernt ist.

Der eigentliche Höhepunkt dieser Serie ist dieser Einzug. Um die Wirkung zu verstärken und die Kluft zwischen Luxus und maroder Tristesse in den Slums zu potenzieren, hat man – man ahnt es schon – ein wenig nachgeholfen. Sobald die Kamera in das Haus am Peschelanger 7 schwenkt, sieht man eine andere Realität: Fahrstühle mit grotesken Bullaugen-Türen und ein Foyer, das an einen apokalyptischen Film erinnert, aber nicht an das Marx-Zentrum. Ferner wurde das Haus künstlich an eine Autobahn verlegt. Entsprechende Filmschnitte machen es möglich. Ein Fenster der Wohnung geht direkt zur Autobahn raus, die aber in Wahrheit ganz wo anders liegt. Im Haus sind ständige laute Geräusche zu hören, dazu kommt der Lärm der Autobahn und viele Polizei- und Notarzteinsätze. Die geschummelten Schnitte gehören gewiss zur künstlerischen Freiheit und dürften nur von Ortskundigen als Fälschung erkannt werden.

„Arme Millionäre“-Hauptdarstellerin Andrea Sawatzki. Foto: Schröder+Schömbs PR _ Brands | Media | Lifestyle / Lizenz siehe: flickr

Die Familie Gabriel findet im Peschelanger wieder zusammen. Die neue Erfahrung der Armut lässt sie den wahren Reichtum kennen lernen. Nach dem grandiosen Höhepunkt plätschert die Serie aber ein wenig vor sich hin. Aus dem Einzug ins Marx-Zentrum hätte man sicher weit mehr machen können. Sky du Mont und Andrea Sawatzki kompensieren aber manche lauen Gags, die ohne sie kaum gezündet hätten. Bereits Sky du Monts einzigartige Stimme rechtfertigt schon fast das Zusehen – genauer Zuhören muss man ja dann wohl sagen. In einer Szene will Sky du Mont sich mit einem mal eben gecharterten Kleinflugzeug in den Tod stürzen, damit seine Familie wieder zu Geld kommt. Denn seine Lebensversicherung ist alles, was noch an monetären Werten da ist, aber die zahlt nur im Todesfall. Man darf unterstellen, dass Selbstmord ein Ausschlusskriterium ist, aber über solche kleinen Ungereimtheiten soll mal hinweggeblickt werden, passen doch die Szenen zur Story wie die Faust aufs Auge.

Die Serie wurde, obwohl sie zunächst ein Überraschungserfolg war, nie zu Ende gedreht und starb nach zwei Staffeln. Alle 12 Folgen dieser beiden Staffeln sind auf DVD erhältlich und mit 9,97 EUR (Amazon) auch bezahlbar.

Da sicher viele noch mehr vom Marx-Zentrum sehen möchten, nun die filmreife Frage: Wer kennt weitere TV- und Kinoproduktionen, die im Marx-Zentrum gedreht wurden? Hilfreich wären der genaue Titel und das Produktionsjahr. Hollywoodreif wäre ein Hinweis auf Produktionen, die demnächst im TV laufen (als Neuproduktion oder Wiederholung) mit Sender und Sendetermin. Danke schon mal im Voraus!

(1) Die südlichen Häuser im Marx-Zentrum, die zur Max-Kolmsperger-Straße gehören, hatten früher blaue Fahrstuhl-Betriebsräume und orange Fahrstuhltürme statt gelbe wie bei den anderen Häusern. Inzwischen hat man vereinheitlicht: Jetzt sind die genannten Flächen gelb. Vielleicht hatte man bei der Sanierung versehentlich nur gelbe Farbe gekauft.

Voll abgedreht

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Man glaubt es kaum: Das Marx-Zentrum ist älter als „Der Alte“. Siegfried Lowitz alias Kriminalhauptkommissar Köster ging 1977 mit dem „Alten“ erstmals auf Sendung, das Marx-Zentrum öffnete bereits 1975. Die Fahrzeugflotte des „neuen Alten“ parkt vor dem Penny (10.12.2008). Foto: Thomas Irlbeck

Das Marx-Zentrum in Neuperlach ist diese Woche mal wieder großes Kino angesagt (siehe dazu auch unter „Daaa wohnst du?“ – Bald nur noch Heile-Welt-Produktionen im TV?) . Eine neue spannende Folge der beliebten ZDF-Krimiserie „Der Alte“ steht auf dem Programm, sagt der Drehplan. Kriminalhauptkommissar Herzog alias Walter Kreye schlägt sich wie immer mit Mord und Totschlag herum. Der Tod kommt halt mörderisch gut. Aber wer war’s? Kein Problem, ich lös‘ den Fall auf jeden Fall. Das Ende der Story ist mal wieder voll abgedreht.

Ein Bewohner hatte den Finger am Abzug und schoss mit der Digicam – treffsicher:

(Bild entfernt)

In dieser Fotoserie … (12.12.2008).

(Bild entfernt)

… dreht sich alles um den Drehort, der sich auf der Anlieferzone des Penny … (12.12.2008).

(Bild entfernt)

… vor dem Peschelanger 9 befindet. Nun wer steht denn da?  Michael Brandner spielt in dieser Folge vom Alten mit (12.12.2008).

(Bild entfernt)

Gut getroffen (12.12.2008).

(Bild entfernt)

Ein Taxi scheint in dieser Folge auch eine Rolle zu spielen (12.12.2008).

„Daaa wohnst du?“ – Bald nur noch Heile-Welt-Produktionen im TV?

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Im Neuperlacher Marx-Zentrum werden häufig TV-Serien und Spielfilme gedreht. Die mächtige schwarze Hochhausfestung scheint eine Faszination auf die Regisseure auszuüben.

Doch meist wird das Marx-Zentrum ins schlechte Licht gerückt und als heruntergekommene Kriminalitätsfestung präsentiert. Oft wird noch nachgeholfen und die Häuser werden noch etwas „nachbearbeitet“. Die RTL/ORF-Comedy-Serie  „Arme Millionäre“ mit Sky du Mont etwa wurde hier gedreht.

Laut einem Eigentümer vom Marx-Zentrum wurde in einer Eigentümerversammlung bereits gefordert, dass in Zukunft keine Drehgenehmigung mehr erteilt werden soll, wenn das Marx-Zentrum negativ dargestellt wird. Es sollen schon Leute dumm angesprochen worden sein, wenn ihre Wohntempel im TV gesichtet wurden, „Daaa wohnst du?“. Aber es darf gefragt werden, ob die künstlerische Freiheit nicht vorgeht. Und was überhaupt „positiv“ oder „negativ“ ist. Ist das nicht alles auch subjektiv?